Taktlos wie in Weimar

Aktuell Der "Tag der Heimat" und unser neues Geschichtsbild

Nun sagt er, es tue ihm leid, er hätte nicht gewusst, dass in den ersten Reihen auch KZ-Überlebende sitzen würden. Wie kann auch ein hoher deutscher Kulturträger auf die Idee kommen, dass die da einfach so sitzen dürfen, wenn er am Eröffnungsabend des Weimarer Kunstfestes die Rede zum Thema "Gedächtnis Buchenwald" hält?

Angela Merkels Kulturstaats-Vizeminister, der Professor Dr. Hermann Schäfer, hat recht. Dass irgendwo - und sei es in einem Konzert für Buchenwald - Naziopfer in der ersten Reihe sitzen könnten, nein, das ist in unserem neuverordneten Geschichtsbild nicht vorgesehen.

Und so sprach Schäfer über das Leid der deutschen Vertriebenen, über ihre schöne Ausstellung im Kronprinzenpalais, über die Ungehörigkeit, dass Günter Grass den Kanzler Kiesinger einen Obernazi genannt hatte - und verlor kein Wort über die Überlebenden und die 55.000 Ermordeten des Konzentrationslagers vor den Toren der Stadt.

Er musste seine Rede abbrechen - der Protest war zu groß. Ein Missverständnis nur, die Leute da unten hätten lieber Musik gehört, sagte er nachher, und keine Rede. Außerdem hätte er doch nur ganz allgemein über "Gedenkkultur" sprechen sollen: "Ich hatte nicht den Auftrag, mich auf Buchenwald einzustellen", kommentierte Schäfer den Vorwurf von Veranstalterin Nike Wagner, er habe sein Thema "aufs grausamste verfehlt".

Missverständnis. Schon sein Chef, Kulturstaatsminister Bernd Neumann, sprach "Ein Missverständnis", als man ihm bei Amtsantritt vorhielt, er habe einst als CDU-Abgeordneter in der Bremer Bürgerschaft empfohlen, die Gedichte des jüdischen Schriftstellers Erich Fried zu verbrennen.

Kultur-Vize Schäfer ist ebenfalls für sein Amt hochqualifiziert. Als erster Präsident des von Kohl gegründeten "Hauses der Geschichte" präsentierte er dort höchst korrekte Ausstellungen. Etwa über die Wirtschaftsordnung West (gut) und Ost (schlecht), in der die Überlegenheit der freiheitliche Ökonomie durch Breker-Skulpturen von Flick und Abs dargestellt wurde. Jetzt als Vizekulturstaatsminister betätigt er sich als Schutzpatron der dilettantischen Schweriner Arno-Breker-Ausstellung - so wie er in Weimar gegen die Ermordeten von Buchenwald das Recht der lebenden Vertriebenen beschwor.

Damit sind wir beim Bund der Vertriebenen, seinem "Tag der Heimat" und seiner Präsidentin Erika Steinbach, die für diese Veranstaltung am Wochenende im Berliner ICC das Motto wählte: "Menschenrechte achten - Vertreibung ächten".

Was will die Vertriebenenpräsidentin: Ihr Menschenrecht auf Heimat achten? Ihre Vertreibung ächten?

Mit gleichem Recht könnte auch er an der Spitze des Verbandes der Vertriebenen stehen: Niklas Frank. Er fand - die Eltern kamen aus Bayern - nur wenige Monate nach seiner Geburt 1939 eine Heimat zuerst in Warschau, später auf dem Schloss über Krakau. Im Januar 1945 musste er flüchten mit Mutter und Vater, dem sodann in Nürnberg gehängten Polenschlächter Hans Frank. Trotzdem trat Niklas in seiner neuen Heimat, der Bundesrepublik Deutschland, keinem Vertriebenenverband bei. Er rechnete in einem Buch mit seinem Vater ab und verdarb sich so die Chance, Vertriebenenpräsident zu werden, wenn er es denn je gewollt hätte.

Erika Steinbach wollte. Ihre Eltern kamen aus Hanau und Bremen. Sie wurden - wie Hans Frank - Teil der deutschen Okkupation Polens. Der Vater, als Besatzungssoldat stationiert im polnischen Rumia, heiratete dort die Mutter, eine Wehrmachtshelferin, und zeugte Erika Steinbach. So kam die Vertriebenenpräsidentin zustande und erwarb - nach der Flucht zurück ins Reich - das Recht auf ihre Okkupationsheimat in Rumia.

Und jetzt übernimmt Wolfgang Schäuble, der Extremist der inneren Sicherheit, seinen Part im frischverordneten Geschichtsbild. Sondererlass des Bundesinnenministers: Zum diesjährigen "Tag der Heimat" seien alle Bundeseinrichtungen zu beflaggen. So etwas gab es bisher nur in Bayern und in Sachsen. Die besondere Perfidie dabei ist: Wohl mit Rücksicht auf das Vertriebenentreffen in Berlin, sollen auch vor dem Denkmal für die ermordeten Juden die Fahnen hoch gezogen werden.

Den Tag der Heimat, so sieht es das Programm vor, wird Bundespräsident Horst Köhler mit einer "Festrede" eröffnen. Unser neues Geschichtsbild verbietet es: Aber es wäre trotzdem angemessen, wenn der Bundespräsident sich auf andere Weise so "taktlos" verhielte wie Angela Merkels Kulturvize in Weimar. Wenn er vor diesem Publikum der Opfer von Buchenwald und Auschwitz gedächte. Und kein Wort verlöre über den alljährlichen Vertriebenenauftrieb unter der Leitung der Okkupantentochter Steinbach.

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00:00 01.09.2006

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