Tal ohne Zauber

Techbranche Der Mythos Silicon Valley ist alt. Neue Hypes kommen von woanders
Tal ohne Zauber
Wie ein Ufo hat sich der Apple-Firmensitz in Cupertino niedergelassen

Foto: Bloomberg/Getty Images

Fast wie im Märchen liegt es da, dieses Tal am Rande der USA. Ein kleines Gebiet im Süden von San Francisco, etwa 100 Kilometer lang und 30 breit. Hier haben Tesla, Intel und zahllose andere Unternehmen ihren Hauptsitz. Weltweit haben seine Bewohner*innen das dritthöchste Pro-Kopf-Einkommen. Aber sie haben ja auch viele Ideen. 1996 wurden hier 543 Patente im Kommunikationsbereich angemeldet, zwei Jahrzehnte später 5.149. Die Giganten Apple, Google, Facebook kommen von hier. Sie haben die Wirtschaftskrise von 2008 gut überstanden, und sie gehören zu den Gewinnern der gegenwärtigen Rezession. Neue Start-ups verlieren Geld, gelten aber als erfolgreich, solange sie nur wachsen. Sie werden geleitet von CEOs, die stolz darauf sind, ihr Studium abgebrochen zu haben, die von Disruption reden, verwegen und optimistisch, als könnte hier nichts schiefgehen. So denkt man im Silicon Valley.

Die Kalifornische Ideologie

Der in Köln geborene Autor Adrian Daub ist 2008 dort gelandet, genauer in Stanford. Zum Silicon Valley gehört auch die renommierte Stanford University mit ihrem von weitläufigen Arkaden umschlossenen Campus. Mittlerweile lehrt Daub an der Universität Vergleichende Literaturwissenschaft, publiziert zu Feminismus und Literatur, Musik und Film. Eine gute Außenseiterposition. In Was das Valley Denken nennt analysiert er, warum man hier so besessen ist von den eigenen Ideen und Mythen.

Dieses Tal war lange ein Versprechen. Es war die Heimat eines sauberen, in die Zukunft gerichteten Kapitalismus. Dort bricht sich der US-amerikanische Pioniergeist. Denn, so erklärte einst der Philosoph Jean-François Lyotard, hier stößt die westwärts gerichtete Expansion an die Mauer des Pazifik. Am westlichsten Punkt des Westens entstand so die Gegenkultur, der erste Export aus dieser Weltgegend, und irgendwann im Nachgang der Hippiebewegung die Kalifornische Ideologie und aus dem Tal das technologische Zentrum der Welt. Geschichten über das Valley haben Konjunktur. Hier sind die Menschen berauscht vom eigenen weltgeschichtlichen Potenzial, schreibt zum Beispiel die Autorin Anna Wiener in ihrem jüngst erschienenen Memoir Uncanny Valley. Ihr Buch klingt desillusioniert und so, als wäre es Zeit, den Mythos zu beerdigen. Daub schaut aber erst mal auf die Geschichten, die sich die Techies selbst erzählen. Dabei tauchen Namen aus der Vergangenheit auf. Ayn Rand, Marshall McLuhan, René Girard, Joseph Schumpeter: Daubs Buch setzt aber kein dialektisches Seziermesser an, sondern denkt eher über Im- und Exporte aus verschiedenen Sphären nach.

Woher kommen die Jungsfantasien eines Elon Musk? Von Ayn Rand zum Beispiel, sagt Daub: „Die Philosophie von Ayn Rand ist seit langem mit einer bestimmten Art von Adoleszenz im Bunde.“ Die Romanautorin emigrierte 1926 aus der Sowjetunion in die USA, um in Hollywood als Drehbuchautorin zu arbeiten. Berühmt wurde sie mit ihrem Roman Hymne. Hier geht es um eine dystopische Welt, in der die Menschen nicht mehr „ich“ sagen können, und darin klingt Rands Angst vor Kollektivismus an, außerdem ihr Glaube an das Individuum, die Überhöhung des schöpferischen Menschen. Ihre Protagonist*innen sind die Querdenker*innen ihrer Zeit. Ein Professor für Englisch nannte sie 1962 einen rechten Hipster. Aber irgendwann geriet der Konservatismus der Autorin aus dem Blick, Hippies lasen begeistert Rand – darunter auch ein junger Steve Jobs –, sie wurde schließlich Heldin der Libertären. Rand-Anhänger legen „ihr Leben lang eine unreife autodidaktische Energie an den Tag“, schreibt Daub.

Zum theoretischen Werkzeug der Techies gehören vorzugsweise Wissenschaftler, die an der Stanford University gelehrt haben, Start-ups gründen sie mit Mitbewohner*innen aus dem Wohnheim, sie alle kommen aus einer ähnlichen Gesellschaftsschicht. Seltsam also, dass diese Provinz der Welt den Universalismus erklärt. Bisweilen erinnert das an Marshall McLuhans geflügeltes Wort vom globalen Dorf. Er glaubte in den 60ern, in der Zukunft – also unserer Gegenwart – würden elektronische Medien die Welt kleiner machen. Und irgendwie hatte er damit ja auch recht.

Getrimmte Binsenweisheiten

Was McLuhan aber weniger offensichtlich im Herzen der Valley-Ideologie verankert hat: seinen technologischen Determinismus, „the medium is the message“. Ein Beispiel: Die Plattform Yelp erlaubt es, Restaurants und Geschäfte zu bewerten, sie stellt das Medium zur Verfügung. Die Autor*innen bekommen für ihre Arbeit kein Geld, klar, das ist ein ehernes Gesetz des sogenannten Web 2.0. Umgekehrt haben die Technologieriesen lange die Verantwortung für politische Inhalte abgelehnt, ganz folgerichtig: Das Medium zählt, die Inhalte kommen gratis und von alleine.

Freilich tut man mit so einer Reduktion McLuhan eher unrecht. Daub geht es darum, zu verfolgen, warum sich diese Theoreme eigentlich so lange halten, sobald man ihren Kontext weglässt, denn darin ist das Valley-Denken besonders gut. Theorien werden getrimmt, auf Binsenwahrheiten reduziert und als universelle Gedanken verkauft. Genialität, schöpferische Zerstörung, ja, sogar das Beckett’sche Scheitern lassen sich modifizieren, bis sie passen. Wie nebenbei bemerkt man aber, dass die Valley-Rhetorik müde geworden ist.

Warum das Valley die Deutungshoheit im Spätkapitalismus erlangt hat, ist eine Frage mit vielen Antworten. Daub entzaubert diesen Ort. Die letzte große Social-Media-Sensation kam eh nicht mehr aus dem Tal. Sie machte der US-Regierung so große Angst, dass der Download per Gesetz unterbunden werden sollte. Sie heißt TikTok und kommt aus China.

Info

Was das Valley Denken nennt. Über die Ideologie der Techbranche Adrian Daub Stephan Gebauer (Übers.), Suhrkamp 2020, 159 S., 16 €

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