"Taleban" im Hôtel de Ville

Gescheiterte Versöhnung Von alten Kolonialsünden zu jungen Terroristen

Ein Terrornetzwerk, bestehend aus jungen Franzosen nordafrikanischer, zumeist algerischer Herkunft, wird aufgedeckt, ein mit großem Aufwand als "Symbol der Versöhnung" annonciertes Fußballländerspiel Frankreich-Algerien endet im Chaos, gestört durch junge Franzosen algerischer Abstammung. Premier Lionel Jospin kündigt den Abriss von hunderttausend als "Getto" stigmatisierter Sozialwohnungen an. Am 17. Oktober schließlich weiht der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë (Parti Socialiste) eine Erinnerungstafel für die Opfer des Massakers der Pariser Polizei an algerischen Demonstranten vor 40 Jahren ein ...

Soweit die Fakten, nun der Zusammenhang. Während in Deutschland alte Methoden der Terroristenfahndung aus unseligen RAF-Zeiten hervorgekramt werden, brauchen die französischen Behörden nur ihren stets griffbereiten Plan Vigipirat zu aktivieren. Schließlich hat Frankreich seinen eigenen islamistischen Terror. Die Erinnerung an die Attentate in der Pariser Métro vom Sommer 1995 ist keineswegs verblasst. Seither weiß man auch, dass eine gar nicht so kleine Schicht junger Muslime existiert, die sich relativ leicht für derartige Aktionen rekrutieren lässt. Der Islam ist nach der Zahl seiner Anhänger längst die zweitstärkste Religion im Land, das man im Vatikan auch "die älteste Tochter der katholischen Kirche" nennt. Der Grund ist vor allem kolonialistischer Natur. Während die westdeutsche Industrie in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihre "Gastarbeiter" aus Italien, Portugal und der Türkei holte, bedienten sich große französische Unternehmen einfach in ihren Kolonien. Allein in den unter dem Namen bidonvilles berüchtigten Elendsquartieren rund um Paris lebten um 1960 etwa 130.000 Algerier, größtenteils Renault-Arbeiter. Sie galten als französische Staatsbürger und während des seit 1955 tobenden Algerien-Krieges mehr und mehr als Staatsfeinde. Die später jahrzehntelang als Einheitspartei in Algier herrschende Front de la Libération Nationale (FLN) führte ein straffes Regime unter den im Lande der Kolonialherren malochenden Brüdern. Sie mobilisierte für den Befreiungskampfes daheim - durch Überzeugung wie mit Druck.

Ab 1961 versuchte die FLN, den Krieg auch auf französischen Boden zu tragen. Es gab Tote bei Attentaten, besonders Polizisten in Uniform wurden zur Zielscheibe. In dieser Lage verhängte Polizeipräfekt Maurice Papon eine nächtliche Ausgangssperre für Nordafrikaner. Mit dem Protest dagegen kam es zum Pogrom - man schrieb den 17. Oktober 1961. Die Polizei schoss, erschlug, warf Tote und Verletzte in die Seine. Die durch den Krieg ohnehin zensierte Presse schwieg weitgehend. Auch die kommunistische - aus Angst, mit dem "Feind" gleichgesetzt zu werden. Zum 40. Jahrestag jenes Ereignisses, das man inzwischen laut Gerichtsurteil "Massaker" nennen darf, hat nun der neue linke Bürgermeister von Paris den kollektiven Erinnerungsverlust durchbrochen. Aber langes Verschweigen und Vertuschen rächen sich. Als über das Mahnmal am Pont St. Michel im Stadtrat debattiert wurde, kam aus den rechten Parteien der Zwischenruf "Taleban". Müsse man "diesen Muslimen wieder Gelegenheit geben, sich zu beklagen?", wurde aufgebracht gefragt.

In den Reihen der Algerier hat sich in den Jahrzehnten seither manch Vater schwer damit getan, seinen Söhnen zu erklären, warum er im Land der Mörder blieb. Diese Kinder sind natürlich längst französische Staatsbürger, leben aber mit zweierlei Geschichte - einer, die sie in der Schule, und einer, die sie zu Hause hören. Und sie leben nur zu oft in jenen Sozialhilfe-Gettos, die an Stelle der bidonvilles von einst entstanden sind. Orte, an denen soziale Ungleichheit reproduziert wird, über Generationen hinweg. Dort gibt es die meisten "Problemschulen". Dort gilt bis heute die Staatsmacht als Feind, werden Feuerwehr und Notarztwagen von Jugendbanden angegriffen, die sich ihre anderswo vermisste Anerkennung als "Herren des Stadtteils" holen. Dort steht seit zehn Jahren "FIS" an den Wänden - der Name für die fundamentalistische Front Islamique du Salut, die 1991 in Algerien (später annullierte) Wahlen gewonnen hatte. Neuerdings tauchen Graffiti mit dem Wort "Taleban" auf.

In den Vorstädten von Paris oder Marseille ist kaum zu überblicken, was in den Sprachgruppen für Arabisch oder den vielen Koranschulen eigentlich gelehrt wird. Vor sechs Jahren stellte sich heraus, dass in solcher Umgebung manche Terroristenkarriere im Dienste der algerischen Groupe Islamique Armé (GIA) begann. Jetzt erfährt man beispielsweise von Djamel Beghal und Kamel Daoundi, zwei jungen Franzosen maghrebinischer Herkunft, sie seien führende Köpfe der Osama-bin-Laden-Gefolgschaft in Frankreich. Gefasst, bevor sie US-Einrichtungen in Frankreich angreifen konnten. Kamel Daoudi, durchgefallener Informatikstudent, ließ sich im Rahmen des aus öffentlichen Mitteln finanzierten Programms gegen Jugendarbeitslosigkeit in einem Internetcafé bei Paris anstellen. Besser lässt sich gar nicht an unzufriedene Jugendliche herankommen, die man von Rap und Internet zur Kalaschnikow umleiten will.

Wie aufnahmebereit für Radikalität diese muslimische Gettojugend ist, zeigte sich Anfang des Monats beim Fußballmatch Frankreich gegen Algerien. Da priesen die Medien im Voraus den versöhnenden, die "historischen Wunden" heilenden Charakter dieses Spiels, wo doch Zinedine Zidane, der Held der Weltmeister-Equipe, aus Algerien stammt. Und dann pfiffen diese jungen Franzosen mit Bronzehaut die Marseillaise aus vollen Lungen nieder, warfen Flaschen in Richtung Premierminister auf der Prominententribüne und stürmen schließlich das Spielfeld. Nichts mit Versöhnung. Das Erlebnis mag Lionel Jospin in seiner Absicht bestärkt haben, die hunderttausend Wohnungen in den Sozialhilfe-Gettos nun unwiderruflich abreißen zu lassen. Ihn beseelt die Hoffnung, bei engerer Nachbarschaft mit alt eingesessenen "weißen" Franzosen dürften die Enkel der einstigen Untertanen weniger anfällig für extremistische Lockrufe sein. Er könnte sich irren.

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00:00 26.10.2001

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