Tandoori mit doppelt Pommes

Voluminöse Jugendsünde Von ihrem umjubelten Erfolgsroman »Zähne zeigen« will Zadie Smith nichts mehr wissen

Bradford in West Yorkshire ist bekannt, berühmt, berüchtigt. In dieser Stadt wurde noch vor der Fatwa ein Scheiterhaufen für Salman Rushdies Roman Satanische Verse errichtet. Mitte Juli war Bradford Schauplatz der seit Jahren schwersten Jugendkrawalle Englands. Das lag nicht nur am schwülen Sommerwetter. Skinheads, die ein Demonstrationsverbot ignoriert hatten, trafen auf die sich eben zerstreuenden Gegendemonstranten. Brandbomben, brennende und geplünderte Geschäfte, Barrikaden. Alles war da, und alle waren schuld: Die Polizei, weil sie bei den üblichen Kontrollen zu grob vorgehe, der Staat, weil er die Immigranten bevorzuge. Nein, er schütze sie nicht vor den Kindern der armen Weißen, sagen die Kinder der asiatischen Einwanderer. Aber letztendlich sei der Internationale Islam hauptverantwortlich für die aufgeheizte Stimmung, lassen die hinduistischen Ladeninhaber verlauten. Das Andere und das Eigene, im multiethnischen Bradford lebt man gern für sich. Meine Sprache, meine Religion, meine Identität. Mein Supermarkt, meine Kneipe, mein Friseur: alles hübsch beisammen haben. Das nennen die einen »comfort zones«, die anderen: Schöner wohnen im Ghetto. Die Differenz, das Fremde dient zur Abgrenzung. Die Kirschen in Nachbars Garten sind staatliche Zuwendungen, die einem doch selbst zustünden. Die jugendliche wilde Mischung trifft sich im Straßenkampfgetümmel nicht, um den Horizont zu erweitern, sondern um Herrschaftsbereiche abzustecken.

Das Bedürfnis nach interkulturellen Utopien scheint groß, in diesem Augenblick, in dem die multikulturelle Seifenblase platzt. Da stieg das Romandebüt White Teeth der jungen Britischjamaikanerin Zadie Smith wie ein Komet in die höchsten Höhen der britischen Bestsellerlisten und zog einen mächtigen Schweif an lobenden Kritiken und renommierten Auszeichnungen wie Whitbread Award und Guardian First Book Award hinter sich her. 150.000 auf Anhieb verkaufte Exemplare eines Romans, der doch nur »ein lustiges Buch über Menschen unterschiedlicher Hautfarbe« sein sollte, wie die Autorin bescheiden ihr Anliegen umschreibt. Die attraktive Zadie Smith, die - »highly promotable«, wie die Werbeagenturen jubeln - das Cover der deutschen Ausgabe schmückt, scheint einen Nerv getroffen zu haben mit ihrem »cross-cultural-stew«, so die New York Times Review Of Books. Ausschweifend und farbenprächtig schildert sie das Leben der Familien Iqbal und Jones, jamaicanisch britisch und indisch. Über die Ränder der ineinander verschlungenen Geschichten quellen Details und Anekdoten, Kommentare zum britischen Schulsystem oder eine Kneipenchronik. Der erzählerische Bogen spannt sich vom Ende des zweiten Weltkriegs über die siebziger Jahre bis zum Ende des zweiten Jahrtausends und spielt in Willesden, einem nordöstlichen Vorort von London. Hier, wo der Sänger Joe Strummer die Speisekarten durchstreunend von »Bombay duck-Ra« bis »toxic empanada« seine neueste CD Global-a-Gogo produziert hat, ist Zadie Smith, Tochter eines Briten und einer Jamaicanerin, aufgewachsen. Hier lebt sie und hat sich, wie erzählt wird, ein Reihenhaus gekauft.

Wo ältere weiße Frauen ihre gemischtrassigen Enkelkinder hüten, leben auch ihre Romanhelden, die beiden Kriegskameraden Archibald Jones und Samad Iqbal, deren Freundschaft 1945 in einem zerschossenen Schützenpanzer am Rande Bulgariens beginnt. Immer im falschen Moment ins richtige Zimmer tretend, so stolpern beide, Archie mit dem toten Bein und Samad mit der toten Hand durchs Leben, gründen Familien, scheitern an ihren Träumen, basteln an familiären Mythen, während große historische Augenblicke wie der Fall der Berliner Mauer, von der ohnehin niemand wusste, auf dem Fernsehschirm vorbeirauschen. Religion und Fundamentalismus, kulturelle Wurzeln, Generations-, und Geschlechterkonflikt, alles ist Thema und wird en famille bearbeitet: unterhaltsam, witzig, lebensnah, angereichert mit den Altersweisheiten, die auch die nachdenklich geläuterte Jugend um Mitte Zwanzig glaubwürdig als Gebrauchswert weitergeben kann.

»Der Immigrant muß lachen, wenn er die Ängste des Nationalisten hört, der sich vor verderblichem Einfluss, Überfremdung, Rassenmischung fürchtet, wo das doch Lappalien sind, Peanuts, verglichen mit dem, was der Immigrant fürchtet - Auflösung, Verschwinden.« Von diesen Furien gejagt, beschließt der Kellner Samad Iqbal, seinen Sohn Magid in die alte Heimat Bangladesh zu verschicken, während der Zwillingsbruder sich in Bradford bei der Bücherverbrennung profiliert. Archibalds halbjamaicanische Tochter träumt von der Verschmelzung mit der linksökologischen, »rein britischen« Akademikerfamilie Chalfen und lässt sich einstweilen in äußerst schmerzhafter Prozedur mit Ammoniak die karibischen Locken zähmen.

Wie unbefangen und beiläufig die allwissende Erzählerin die Geschicke ihrer Figuren mit weltgeschichtlichen Ereignissen verzahnt, ist bewundernswert. Ihr ausufernder Erzählstil lässt das Buch aber um mindestens 200 Seiten zu lang werden. Ihr Roman, behauptete die Autorin in einem Interview mit dem SZ-Magazin, sei ein literarisches Gegenstück zur überaus beliebten TV-Soap The Eastenders: »Eine typisch britische Serie, jeder sieht darin bescheuert aus, ist bescheuert, fühlt sich bescheuert. Alle leben an einem kleinen Platz, sie kennen sich alle, sie bilden eine anachronistische Gemeinschaft - das spricht die Zuschauer an. Auch wenn das mit der Wahrheit wenig zu tun hat.« Vielleicht hat der große Erfolg damit zu tun, dass Anachronismus und Utopie sich in diesem Fall aufs Haar gleichen und das Publikum aus beiden Lagern sich verstanden fühlt.

Wahr ist, dass die britischen Leser sich an dem genau getroffenen Slang der unterschiedlichen Einwanderer, Inder, Jamaicaner, Araber erfreuen, wo die deutsche Übersetzung scheitern muss. Das Echo hierzulande ist bis auf die pflichtschuldig Pawlowsche Medienreaktion eher schwach geblieben. Auch mit der Lektüre bleibt man eben gern daheim in seiner kleinen überschaubaren Welt, gerade wenn es sich um dickleibige Familienromane handelt. Zadie Smith im Übrigen hat sich längst von ihrem Erstling als »einer Jugendsünde, über weite Strecken öde und provinziell« abgewendet.

Zadie Smith: Zähne zeigen. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Verlag Droemer-Knaur, München 2000, 642 S., 44,90 DM

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00:00 14.09.2001

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