Tankstellen

A–Z Für die Dorfjugend sind sie oft ein zweites Zuhause, für Partygänger können sie leuchtende Inseln der Nacht sein. Unser Lexikon der Woche

A

Apothekenpreise Als das Benzin entdeckt wurde, fehlte eine sinnvolle Verwendung dafür. Man bewahrte den brandgefährlichen Stoff daher sicherheitshalber in Apotheken auf und wartete geduldig auf die Erfindung des Automobils. Danach ging alles recht schnell: Der Bedarf übertraf schnell den an Kopfschmerztabletten, Laudanum und Kokain und es bot sich an, spezialisierte Verkaufsstellen zu bauen, die durch spezielle Pumpen dem Automobilisten das Herumtragen großer Glasflaschen mit Kraftstoff abnahmen.

Die Tankstelle war erfunden. Schnell wurde das Angebot um weniger fahrzeugrelevante Produkte wie Alkoholika, Naschwerk und Schnittblumen erweitert, was nicht nur der Automobilist gern annahm. Der rigiden Ladenöffnungszeiten wegen wurden und werden Tankstellen auch von Fußgängern und Radfahrern für den nächtlichen Einkauf (➝ Reeperbahn) genutzt, denn „Spätis“ existieren aus unerfindlichen Gründen außerhalb Berlins praktisch nicht. Heute gibt es kaum eine Tankstelle ohne Mini-Supermarkt. Geblieben sind die sprichwörtlichen Apothekenpreise. Uwe Buckesfeld

B

Brandenburg Was sagt es über Kleinstädte aus, wenn die Jugend ihre Sonntagnachmittage bei Aral verbringt? Erst mal nur, dass sie sich nicht von tausenden anderer Kommunen unterscheiden. Die Tankstelle als zentraler Durchgangsort ist ja der Platz, an dem sich der Alltag eines Gemeinwesens gut beobachten lässt. Auf die Suche nach dem „unbekannten Deutschland“ machte sich Moritz von Uslar 2010 in seinem Buch Deutschboden und fuhr von Berlin ins 60 Kilometer entfernte Zehdenick. Dort boxte er im Sportclub, soff in der Kneipe und begleitete die Dorfjugend zu Aral. Er beschreibt die Witze, die Menschen und – als gelernter Popjournalist – Automarken, Fahrzeugtypen und PS-Zahl. Es sind Rituale des kollektiven Zeittotschlagens: „Wichtig war, dass man unentwegt signalisierte, auf dem Sprung zu sein: In ein, zwei, spätestens in drei Minuten, so musste ständig gesagt werden, wolle man schon wieder weg sein (➝ Exotismus). So konnte man gut immer noch eine halbe Stunde lang bleiben.“ Jan Pfaff

D

Detroit In hiesigen Kleinstädten (➝ Brandenburg) fungieren Tankstellen oft als Notversorger nach Ladenschluss. In Detroit, der Ex-Industriemetropole im armen „Rostgürtel“ der USA, sind die Bewohner täglich auf die Benzinstationen angewiesen – gerade wenn sie sich kein Auto leisten können. In vielen Vierteln gibt es nämlich keine Supermärkte mehr. Man muss in die reicheren Suburbs kommen, wo fast nur Weiße wohnen, um etwa frisches Gemüse zu finden. Ohne Auto klappt das kaum, das Bussystem ist kaputtgespart. Viele Detroiter ernähren sich deshalb fast ausschließlich von dem, was Tankstellen oder liquor stores in den Regalen haben. Lebensmittelmarken werden dort akzeptiert, aber man bekommt eben nur billiges Fertigfood dafür. Deshalb wächst die Diabetes-II-Rate in Detroit genauso wie die Urban-Farming-Bewegung: aus schierer Armut. Katja Kullmann

E

Exotismus Jeder Versuch, in den Weiten des Pazifiks oder irgendwo in Südostasien so etwas wie Abenteuer zu erleben, ist zum Scheitern verurteilt. Seit Christian Kracht Ende der 90er Jahre, noch immer wunderbar nachzulesen in dem Sammelband Der gelbe Bleistift, wirklich alles Relevante über angemessenes Reisen aufschrieb, ist das richtige Reisen im falschen spätestens nicht mehr möglich. Wer selbst schon einmal auf Erlebnisurlaub war, oder wer anderen auf Facebook beim Erlebnisurlaub zuschauen musste, weiß, dass nichts Neues mehr zu entdecken ist.

Tatsächlich ist die Autobahntankstelle heute der letzte Ort, an dem noch Erfahrungen von Alterität möglich sind. Dann, wenn zum ersten Mal nach Grenzüberfahrt getankt werden muss. Kaum sonst irgendwo trifft der Reisende noch auf gewöhnliche Menschen (➝ Zapfsäule)anderer Sprache, die sich für das, was man gerade macht, gar nicht interessieren. Ein Ort ohne Traveller-Englisch und Gute-Laune-Emphase, wo man es plötzlich nicht mehr vermag, nach dem Weg zu fragen oder ein Brötchen zu bestellen: der letzte Exotismus. Timon Karl Kaleyta

F

Filmkulisse In einem richtigen Roadmovie darf die Tankstelle nicht fehlen. Als dramaturgisch wichtiger Schauplatz kommt sie in unzähligen Filmen vor, etwa im Hitchcock-Klassiker Die Vögel (1963), dem Gangsterstreifen Bonnie und Clyde (1967) oder dem deutschen Buddy-Movie Knockin’ on Heaven’s Door (1997). Sie ist Etappenziel, Ladestation, Treffpunkt oder Atempause im Handlungsverlauf. Dabei kommt ihr die Qualität eines „Nicht-Orts“ zugute. Der vom französischen Anthropologen Marc Augé geprägte Begriff meint Transitzonen (Kunst), die nur für eine kurze Verweildauer konstruiert wurden: Flughäfen, Bahnhöfe oder eben Tankstellen. „Der Raum des Nicht-Orts“, so Augé, „schafft keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit.“ Zu ihm hat der Mensch keinen persönlichen Bezug. Gerade das macht die Tankstelle aber zur unverzichtbaren Filmkulisse. Laura Langer

G

Glück Rund 14.000 Tankstellen gibt es heute in Deutschland, 1969 waren es noch über 46.000. Einer, den das etwas melancholisch stimmt, ist Berufsflaneur Friedrich Liechtenstein. Der Sänger und Schauspieler, der mit seinem Song Supergeil bekannt wurde, behauptet nämlich, „dass Tankstellen die romantischsten Orte unserer Zeit sind“. Deshalb hat er sich für die am 16. Mai startende Arte-Reihe Tankstellen des Glücks mit seinem goldenen Mercedes, Baujahr 1976, auf einen Roadtrip zu Europas schönsten (➝ Zapfsäulen) gemacht. Die neunteilige „Tour de Tanke“, deren dazugehörige Webserie bereits unter arte.de/tankstellen zu sehen ist, verspricht einen Mix aus Architekturgeschichte, Sozialreportage und Lustspiel – ist aber vor allem eine Hommage an die alte Welt des Benzins. Nils Markwardt

K

Kulinarik Mit ihren Säulen und den leuchtenden Farben haben Tankstellen etwas Tempelhaftes an sich. Pilgerort sind sie jedoch nicht nur für Autofahrer, sondern auch für Fans der Haute Cuisine. Nichts, was es dort nicht gibt. Bockwürste, die einen Tag lang in ihrem eigenen Saft und dem stilechten Würstchenkocher vor sich hingaren. Steinharte pains au chocolat und natürlich die obligatorischen Käsebrötchen mit Essiggurke. Hier werden die verwegensten Gaumenfantasien befriedigt. Für die Tankstellenbetreiber ist ihr Shop inklusive aller feinen Speisen übrigens überlebenswichtig, macht der doch etwa 60 Prozent des gesamten Umsatzes (➝ Apothekenpreise) an Tankstellen aus. Benjamin Knödler

Kunst Edward Hoppers Gas, eines von mehreren Tankstellengemälden aus seiner Hand, prägte das Bild der einsamen US-Landstraße auf ikonische Weise. Nüchtern ist der Tankwart mittleren Alters eingefangen, der in der Dämmerung an einer der aufgereihten, rot leuchtenden Zapfsäulen herumwerkelt. Im Hintergrund lockt oder droht, je nach Betrachterauge, ein dichter Wald. Dass Tankstellen in der Bildenden Kunst nicht zum zentralen Motivrepertoire gehören, liegt an ihrem Transitcharakter, man fährt hin, um sie wieder zu verlassen. (➝ Filmkulisse) „Betrachter, verweile doch!“ ist nicht ihre Botschaft.

Manchmal sind sie aber auch selbst Kunst. In Erfurt dient eine expressionistische Tankstelle von 1930 bis heute als Zapfstation. Der Klinkerbau, der mittlerweile unter Denkmalschutz steht, ist über den Kreis der Benzinbedürftigen hinaus eine Attraktion. Werden ganze Fabriken zu „Kulturwerken“ umfunktioniert, ist es logisch, dass auch „Kunsttankstellen“ existieren. Im österreichischen Ottakring und in Lübeck gibt es solche Galerien unter ebenjenem Namen. In eine ehemalige Leipziger Gastankstelle aus den 1940ern zog vor einigen Jahren ein Revuetheater mit der Namensidylle „Am Palmengarten“. Tobias Prüwer

R

Reeperbahn Als im Februar 2014 auf St. Pauli die Bagger anrückten und mit dem Abriss der Esso-Tankstelle begannen, war das das Ende eines Monuments der Kiez-Kultur. Seit den 60er Jahren verlieh die Tankstelle, die 1949 an der Reeperbahn errichtet worden war, in der Taubenstraße, dem angrenzenden Wohnkomplex seinen Namen: die „Esso-Häuser“. Siewar das ganze Jahr, rund um die Uhr geöffnet und Anlauf- wie Treffpunkt für Autofahrer und Nachtschwärmer, die sich dort mit Schnaps, Zigaretten und anderen wichtigen Dingen eindecken wollten – oft, um sich diese unverzüglich vor Ort einzuverleiben.

Und so fiel in jenem Februar 2014 eben auch ein Symbol für die essenzielle Wichtigkeit von Tankstellen. Ob auf dem Land (➝ Brandenburg) oder in der Stadt, sie sind die leuchtenden Inseln der Nacht, die uns mit allem versorgen, was es zu später Stunde nirgends sonst gibt. Vor allem mit Alkohol. Für die Esso-Tankstelle war der besonders wichtig, avancierte sie doch nicht nur zum berühmten Party-Hotspot Hamburgs, sondern wurde auch zum beliebten Sujet von TV-Reportagen. Benjamin Knödler

S

Shadow Work Einer der großen Mythen, der die Krise der postindustriellen Arbeitsgesellschaften begleitet, erhebt den Dienstleistungssektor zum Rettungsanker. All jene Jobs, die im produzierenden Gewerbe wegfallen, würden durch neue im Servicebereich ersetzt. Das ist nicht nur nicht eingetroffen, sondern zusätzlich werden auch viele einstmals verbreitete Dienstleistungen nicht mehr angeboten. Sogenannte Shadow Work, die Schattenarbeit jedes Einzelnen, hat sie ersetzt. Das Verschwinden von Tankwarten ist ein klassisches Beispiel dafür. Die Zeiten, als diese selbst den Finger am Abzug der Zapfpistole hatten, nebenbei den Ölstand prüften und die Windschutzscheibe feudelten, gehören längst einer romantischen Vorstellung (➝ Glück ) an.

Denn wie in vielen anderen Bereichen hat die Selbstbedienung auch an der Tanke Einzug gehalten. Wir holen die IKEA-Regale selbst aus dem Lager, übernehmen die Kundenberatung durch Googeln und checken unser Gepäck am Flughafen selbst ein. Mit kassiererlosen Läden wird auch schon experimentiert. Der No-Service ist als unbezahlte Tätigkeit zu unserem Alltagsgeschäft hinzugekommen. Vor gut 30 Jahren skizzierte der Philosoph Ivan Illich den schleichenden Erfolg der Schattenwirtschaft als Gegenstück zur formellen Ökonomie. Gerade die Tankstelle gibt seiner Prognose Recht. Tobias Prüwer

Z

Zapfsäule Das Aufsuchen der Tankstelle konfrontiert auch den Klügsten mit den Grenzen seiner mentalen Leistungsfähigkeit. Egal ob Universitätsprofessor oder Schulabbrecher, beide stehen vor zwei niemals auf Anhieb zu beantwortenden Fragen: „Auf welcher Seite ist der verfluchte Tankdeckel?“ (Shadow Work) und, kurze Zeit später: „Was war noch mal die Nummer der verdammten Zapfsäule?“ So wie der Blick im Imbiss automatisch auf die kopfüber angebrachte Speisekarte geht, wendet sich der Kopf des Automobilisten vor dem Bezahlen noch mal hilflos zum Fahrzeug und versucht die richtige Nummer zu erkennen. Glücklich der, der alleine an der Kasse steht. Wie dankbar ist man dann für den beiläufigen Satz des Kassierers:„Die 7 also, das macht dann 39 Euro.“ Uwe Buckesfeld

06:00 11.05.2016
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