tanzen sie rückwärts

Schwarzes Loch Christian Geißlers (k) neues Buch »ein kind essen« klingt nicht gerade wie ein Liebeslied

Grundkurs Hermeneutik. Lektion I: Nicht nur wer spricht, sondern auch wer schreibt, möchte - in der Regel zumindest - verstanden werden. Er teilt etwas mit, das aufgefasst werden will. Wo die Schwierigkeiten beginnen, fängt die Interpretation an - Rückfragen sind erlaubt, geboten, notwendig. Hermeneutik heißt dann eben die Kunst Regel geleiteten Verstehens, das heißt des Erhellens jener »dunklen Örter« (Chladenius), erklärungsbedürftiger Stellen und geheimnisvoller Tiefen. Hermeneutik ist Interpretation, meint Auslegung und Übersetzung fremden Sinns in den eignen, wobei - mindestens nach Auffassung einer bestimmten Hermeneutiktradition - Horizonte miteinander verschmolzen, mindestens aber aneinander angepasst werden.

Was jedoch, wenn statt einer Vielzahl kleiner dunkler Örter ein riesiges schwarzes Loch gähnt, das den Verständniswilligsten in den Strudel des Abgrunds reißt, besser: um Hören, Sehen und den schieren Verstand bringt? - Christian Geißlers neuer Text ein kind essen ist ein solches Monstrum, ein völlig unökonomisches Buch, von uferloser Beredsamkeit, so scheint es einerseits, einer privatsprachlichen Kassibertechnik andererseits. Schon die ersten Sätze - und der damit ausgestattete Klappentext - lässt die Verstörung beginnen, wenn es dort heißt, dass »(s)eine neue arbeit (...) ihre radikale beendigung (ist), auch ließe sich sagen, ihr zärtlicher aufschluß«. Das mag dann mit einer weiteren Stelle im Text korrespondieren, an der - womöglich symptomatisch - man lesen kann: »O Gott jetzt mal stopp das Gefasel von einem vernichteten Mann.«

Dennoch: Geißlers Text ist ein Buch, das strukturelle Homologien mit einem Briefwechsel aufweist, in dem sich ein Kargow aus Rostock und ein Ole aus Leege Plaatse, zwei alte Genossen, über Gott und die Welt, deren wechselvolle, vom Faschismus über Ost-West-Spaltung, die RAF und die Nachwendezeit reichende, das ganze Unwahre daran anzitierende Geschichte auslassen, ausschreiben, auskotzen. Dass dabei einer wie Geißler, Jahrgang 1928, bekannt durch Bücher über die Schuld der Väter im Dritten Reich bzw. zur RAF, (anhand seiner beiden Protagonisten) seinen Hass ausbreitet, dass er dem Furor ungezügelt seinen Lauf lässt, ist solange nicht problematisch, solange der Lesende oder der Verstehende in der Lage bleibt nachzuvollziehen, worum es geht. Aber Gott und die Welt sind bekanntlich einfach zu groß, das Assoziationsfeld, das der Verfasser ungehemmt ausströmen lässt, schlicht uferlos. Noch die Kalauer und Wortspiele, die - Max Bense und die Konkrete Poesie grüßen! - vielfach verwendeten Anakoluthe wirken verkrampft, strahlen bei Geißler nur tödlichen Ernst aus. Da sehnt man sich geradezu wieder nach der Heiterkeit und humoristischen Sprachkritik etwa des jungen Ludwig Harig (Sprechstunden, 1971; Allseitige Beschreibung der Welt, 1974) zurück, wenn Geißler schreibt: wir hier niemandem was dem kranken schönen kleinen mann o mann waren das heiße drähte von goethe bis guzzi die herrenmenschen und unterdamen von beach estate lagos mit nonnen aus trier tanzten sie rückwärts die wicklung im nassen dreieck des delta von shell war die kohlschwarze muschel mit bratwurst zum kitzeln.

Hätte er es doch nur verstanden, jenem Vorsatz: »geschichtslos sind wir gesichtslos« mit seinem neuen Text zu entsprechen! Dieser aber zerfasert, franst aus und schaut für mich von Anfang bis Ende genauso aus: nämlich geschichts- und gesichtslos. Immer schon habe ich viel für Nietzsches Credo übrig gehabt, wonach nicht gleich alles, was ich nicht verstehe, auch unverständlich sein muss. Aber ich gestehe hier und jetzt freimütig meine Ratlosigkeit ein; in hermeneutischer Verkleidung: Hier stoßen sich zwei Horizonte, der des Verfassers und der des Lesenden, ab. Ich vermag weder unter dem Pflaster den Strand, noch unter der Textoberfläche mehr als nur ein gähnendes schwarzes Loch zu erblicken.

Christian Geißler (k): ein kind essen. Liebeslied. Rotbuch Verlag, Hamburg 2001, 145 S., 36,- DM

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00:00 17.08.2001

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