Tapfer, der Mann

ZUM ABSCHIED Klaus Landowsky verstand Fiesheit als Lebensleistung - eine Liebeserklärung

Landowsky geht. Und bleibt. Es ist hohe Zeit, seine Verdienste zu würdigen. Selbst im Abgang noch lächelte er dieses Berliner Politmafialächeln, zerquetschte eine Altmännerträne, schwafelte vor der Kamera des Westberliner Stadtfernsehens, dies sei für ihn nun "das Ende der Gestaltungsmacht", und man wartete unweigerlich auf das Aber. Und das kommt auch: Landowsky macht "in anderer verantwortungsvoller Form" weiter, ein selbstloser Kämpfer an der unsichtbaren Front gegen den in der Hauptstadt dräuenden Kommunismus.

Von wegen Gestaltungsmacht! Jahrzehntelang hat er nichts anderes getan, als am Filz gewebt. Zu jeder schmierigen Anbiederei bereit, zu jeder Gemeinheit zu gewinnen, mehrmals dem Machtverlust durch schiere Drohung an die und Erpressung der SPD entgangen. Als hätte er sie bei Lenin studiert, geht ihm die "Machtfrage" über alles, natürlich namens und im Auftrag seiner geliebten Berlinerinnen und Berliner, das heißt des Zehlendorfer Klüngels, dessen Bauchgrimmen und saure Bäuerchen er wie kein zweiter zu Erlauschen und in "Gestaltungsmacht" umzusetzen verstand. Er ist einer der ganz wenigen Politikertypen - vielleicht nur übertroffen vom legendären Heinrich Lummer - die Fiesheit als Lebensleistung verstehen, ein reizendes Kind der Frontstadt Westberlin.

Der steckt nicht nur im Filz, er ist der Filz: Immobilienbranche, Sicherheitsapparat, Partei, Medien, Kulturindustrie und vor allem jene stillen Nischen, wo Geld mehr Geld heckt - Landowsky hat die Hände drin. Er hat die Stadtregierung über anderthalb Generationen hinweg in Fleiß- und Wühlarbeit zur Ansammlung von korrupten, hinterhältigen, gesichtslosen Wichtigwichten "gestaltet", die ihm zwar ähneln, aber nicht das Wasser reichen können. Er hat aus einer gallertartigen Masse, die 1962 bei der Jungen Union im Herrenklo hing, den Eberhard-Ebs-Ebi geformt - eine "gute Bekanntschaft" aus den kämpferischen Zeiten der studentischen schlagenden Verbindung an der FU nennt vornehm das Munzinger-Archiv diese perfekte Arbeitsteilung in Unterschleif und Intrige. Ohne "Lando" wäre Berlin wahrscheinlich heute eine zivilisierte, einigermaßen friedfertige, geeinte Stadt, also nicht mehr gespalten in "Ratten", "Unrat" und "Gesindel" auf der einen Seite und die Herrenreiter vom Schlage Landowsky, Schönbohm, Lummer, Lehmann-Brauns auf der anderen. Ohne Landowsky würde wahrscheinlich in der Berliner Politik nicht mehr so ein schändliches Deutsch gesprochen, das Deutsch des rasch nach oben gekommenen Kleinganoven und Schiebers, voller schiefer, verdorbener Metaphern, verwechselter "mir" und "mich", das Deutsch, in dem eine Maulfurzigkeit die andere jagt, aufgefüllt vom Humor eines Kampfhundes, mühsam zusammengehalten von periodisch hervorquellenden "Meine Damen und Herren!", mit dem ein Rotzjunge vorführt, dass er zum Bürgertum gehört!

Der Mann ist der wohl am regelmäßigsten dekorierte Berliner, ein wandelnder Trödelladen voller national-patriotischem Klimbim. Der Staat wusste und weiß, was er an antikommunistischen Wadenbeißern wie Landowsky hat. Und Leute mit Schlüsselstellung in der Berliner Unterwelt müssen zeitlebens ruhig gestellt werden. Zumal wenn die Unterwelt an der Regierung ist. 1987 bandelte man Landowsky das Bundesverdienstkreuz am Bande an, für fast drei Jahrzehnte als Frontschwein im Kalten Krieg. 1992 griff er das Verdienstkreuz Erster Klasse ab. Das war der Dank dafür, dass er die bei der Wiedervereinigung angefallenen Leichen in den Keller gebracht hatte. Schließlich vermachte ihm Bundespräsident Herzog das Große Verdienstkreuz (zum Frack zu tragen), damit das, was im Keller ist, auch im Keller bleibt. 1985 übernahm er als Generalsekretär, als Schlagetod an der Seite des luziden Eberhard, die Berliner CDU. Sein Lebenswerk beschreibt das Munzinger-Archiv völlig zutreffend so: "Das Ziel der neue Führung war, die CDU zu einer Großstadtpartei mit liberalem Anstrich umzubauen" - nach dem Ulbrichtschen Motto "Es muss alles demokratisch aussehen" ...

In einem der frühen neunziger Jahre war ich dabei, als die Berliner CDU ihr erstes Open-Air-Begängnis auf erobertem Territorium, auf dem Gendarmenmarkt, feierte. Landowsky trat vor und geiferte ins Mikrofon, während er an der Fassade hochsah, wo Tamara Danz und der Intendant Langhoff wohnten: "Hinter diesen Fenstern hocken die Roten noch immer in ihren Löchern!" Die CDU-Muttis mit ihren Luftballons zuckten zusammen - für Lynchmord waren sie einfach nicht praktisch genug angezogen, und Quartiere frei räumen, das kam später.

Nun hat ihn die Korruptheit zu weit getrieben und Lando reibt sich verwundert die Äuglein: eine lächerliche Summe, 40.000 Mark! Und es wäre auch gar nichts passiert, wenn nicht Kohl zuvor auf diesem Gebiet eine offene Flanke geboten hätte. Als Banker hat man ihn darob zurückgezogen, denn ein schmutziger Betrieb braucht für den Außendienst saubere Leute. Petra Pau von der PDS fragte mit der Naivität eines guten Menschen: Was, für die Bank soll der Mann nicht mehr tragbar sein - für die Politik aber wohl? Nein gerade! Das alte Westberlin und ein Großteil der dort festsässigen Wähler kann auf kriminelle Energien der Landowskys nicht verzichten. Noch bei seinem Abgang von der Spitze seiner und Ebis schlagender Verbindung rühmte sich Landowsky der taktischen Finesse: Er habe mit seinem selbstverständlich selbstlosen "Schritt in die zweite" Reihe seiner Partei der SPD den drohenden Koalitionsbruch vermasselt und damit verhindert, dass Berlin den Kommunisten zum Fraß hingeworfen würde. Tapfer, der Mann, und historisch buchenswert!

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 11.05.2001

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare