Tatort: Der Alte

MEIN ALTER Ihr Zeitungsfritzen seid komische Leute. Erst muss man Euch alles vorbeten, dann schreibt's Ihr unter tausend Vorbehalten, was die Spatzen von den ...

Ihr Zeitungsfritzen seid komische Leute. Erst muss man Euch alles vorbeten, dann schreibt's Ihr unter tausend Vorbehalten, was die Spatzen von den Dächern pfeifen, nämlich, dass die Parteien sich schmieren lassen, was praktisch eine Selbstverständlichkeit ist, seit Olims Zeiten, dass die Reichen den armen Politikern mal was zustecken, und wenn dann einer von diesen Schmierfinken zugibt, wie damals dieser Flick-Manager, gewisser Brauchitsch, "Herr, auch ich habe geschmiert", dann tut Ihr überrascht.

"Also der Kohl, das hätten wir dem nie zugetraut, nimmt Bakschisch wie ein Großwesir."

Nu', freut mich natürlich, dass man einem alten Anarchisten doch noch Gehör schenkt, wenn auch spät. Zu spät. Ich war schon drauf und dran, für immer zu schweigen, denn, wie oft ich das schon gesagt habe: Helmut Kohl, schwarze Kassen, Bestechungsgelder.

Die jetzige Debatte verfolge ich mit Vergnügen. Den Geißler zum Beispiel. Nennt den Kohl'schen Regierungsstil patriarchalisch. Was will er uns damit sagen? Ist die CDU eine Mischung aus Damenkränzchen und Landfrauenverein? Sind wir alle kleine Kinderlein? In was für einer Demokratie leben wir eigentlich? Ein Fettsack macht, was er will und die Senatoren kuschen?

Leben wir im alten Rom?

Ich seh' schon Tante Hannah Ahrendt rotieren. Neuer Begriff in der Politik: Neben dem Totalitarismus gibt's jetzt noch das Patriarchat. Worin unterscheiden sich die beiden? Ganz einfach. Wenn der Diktator was unterschlägt, liegt das in seiner bösen Natur. Der Patriarch dagegen klaut für die Familie, ist also im wesentlichen ein guter Mensch.

Wenn Herr von Brauchitsch redet, kommen mir gleich die Tränen. Die Industrie hat die CDU immer nur aus staatsbürgerlicher Verantwortung geschmiert, weil die Väter im Grundgesetz vergessen haben, die Parteienfinanzierung zu regeln. Frag ich mich nur, warum sie nicht auch die KPD und die DKP geschmiert haben.

Richtig ist: Leute wie Kohl, Schröder oder Joschka Fischer treffen nicht die falschen Entscheidungen, weil sie geschmiert werden. Müsste man befürchten, sie würden sich irgendwann mal richtig entscheiden, kämen sie gar nicht erst in die Positionen, wo es sich lohnt, sie zu schmieren. Da sie aber stets so entscheiden, wie es von ihnen erwartet wird, ist es nicht mehr wie richtig, dass sie sich schmieren lassen.

Bisschen dumm ist der Ströbele von den Grünen. Behauptet, die geheime Parteienfinanzierung wäre verboten, weil die deutsche Industrie mit ihrer Knete den Nazis an die Macht verholfen hat.

Also weeßt'u: Die bürgerlichen Parteien haben vielleicht keine Wirtschaftsknete gekriegt und trotzdem im Reichstag für den Hitler gestimmt, 1933, und 1949 waren deshalb alle Parteien bis auf die Sozen und die Kommunisten so diskreditiert, dass kein Adenauer oder Heuß auch noch Staatsknete für seine Fortsetzung des deutschen Reiches verlangen konnte.

Für Leute wie Adenauer war sowieso ganz klar, dass die Bankiers seinen Verein finanzieren müssen, wenn er jetzt dafür sorgte, dass die Sozen und Kommunisten sich nicht durchsetzen konnten mit ihren Ideen, die 1949 ja noch ein bisschen linker waren.

Etwas naiv ist deshalb auch die Vorstellung, die Industrie müsste nu' jetzt im Einzelfall zahlen, quasi für jeden Panzer und jedes Arzneimittel oder Kernkraftwerk. Nee, nee, die zahlen pauschal. Also ganz klarer Fall: Die Parteien in der Bundesrepublik haben von Anfang an Klasseninteressen vertreten. Problematisch wurde das erst, als sie sich Volksparteien nannten und da hat man ja dann auch 1983 per Gesetz verfügt, dass sie ihre Einkünfte auf Schwarzkonten verstecken muss ten, wenn man nicht wissen wollte, woher sie kamen und wofür. Das war aber nicht schon seit '49 so.

Wenn du mich nun fragst: "Was tun?" kann ich als alter Anarchist nur antworten: Die Parteien abschaffen. Das ganze System ist hirnrissig. Wenn du überlegst, dass sämtliche Führungspositionen in der öffentlichen Verwaltung und Politik prinzipiell nur an Parteimitglieder vergeben werden und dass lediglich drei Prozent der Bundesbürger einer Partei angehören, bedeutet das, dass die gesamte politische Elite des Landes sich aus drei Prozent der Bevölkerung rekrutiert und dazu kommt noch die enorme Negativauslese, die einer im Laufe seiner Karriere durchmacht, ganz davon abgesehen, dass solche Parteien, die die Eigentumsverhältnisse in Deutschland ändern würden, verboten sind.

Also kurz: Jetzt so tun, als ob der Kohl der Schuldige wär', ist zwar klug, aber ziemlich dumm.

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