Tauben, Tratsch, Trainingsjacken

Literatur Andreas Merkel googelt sich halbgebannt durch Michael Rutschkys Freunde, Feinde und Verflossene
Tauben, Tratsch, Trainingsjacken
Michael Rutschky, am 25. Mai 2019 ausgezeichnet Heinrich-Mann-Preis für sein bisheriges Lebenswerk

Foto: Kalaene Jens/Picture Alliance/dpa

Donnerstagnachmittags, Regen:

Wir sind im taz-Café verabredet. Ich komme zu spät, weil ich erst im ehemaligen Café in der Rudi-Dutschke-Straße nach dem neuen in der Friedrichstraße fragen muss. Vor dem sitzt der alte Indianer Helmut Höge mit zwei älteren Sizilianern (wahrscheinlich auch nur taz-Redakteure) bei Kaffee und Zigarette – ein schönes Bild, das ich störe, indem ich frage, ob hier das neue taz-Café ist. Missmutiges Nicken. Tatsächlich sitzt Detlef Kuhlbrodt, König der taz-Serie „Berliner Szenen“ (kleine Alltagsbeobachtungen des Gestern unserer Gegenwart, die er in Morgens leicht, später laut aufbewahrt hat), schon drinnen. Wir tragen heute beide Sportjacken gegen den Regen und gegen zu große literarische Ambition. (Seine ist von Reebok, und da wir irgendwie befreundet sind, erscheint mir bereits diese Beobachtung fast schon unbotmäßig: als hätte ich sie heimlich hinter seinem Rücken gemacht.) Der Grund für unser Treffen ist Michael Rutschkys Gegen Ende, dritter und letzter Band eines autobiografischen Tagebuch-Projekts. Nach seinem Tod 2018 ist es nun posthum erschienen. Der Grund, warum ich es gelesen habe, ist aber Detlef, der es mir mit Verweis auf Karl Ove Knausgård empfohlen hat.

Rutschky war ein Name, den ich immer schon kannte, ohne richtig zu wissen, wer das war. Fälschlicherweise hielt ich ihn für einen taz-Redakteur. Wie mich Detlef bei Kaffee und Kuchen aufklärt, war Rutschky mit seinem Essay Erfahrungshunger in den frühen 80ern so was wie ein Shootingstar der intellektuellen Szene, wurde von Hans Magnus Enzensberger zu Transatlantik (dem „deutschen New Yorker“) geholt. Später war er Herausgeber der Zeitschrift Der Alltag, arbeitete für Spiegel und Fernsehen, gab bei Suhrkamp die Jahresbücher heraus, die genauso floppten wie sein Erfolgshunger-Nachfolger Wartezeit. Und er war mit Katharina Rutschky verheiratet, offenbar ein Socializer vor dem Herrn, immer neugierig auf unbekannte Autoren, back in the days libidinös eng mit dem jungen, unbekannten Rainald Goetz befreundet. Deswegen hatte ich mir 2015 Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen besorgt. Dort gab es ein paar lustige Anekdoten mit Young Goetz, aber auch viel Langweile und Namedropping um Leute aus dem nicht ganz so lustigen Enzensberger-Umfeld der Münchener 1980er. Band 2, In die neue Zeit (über die Jahre 1988 bis 1992), hatte ich nicht mehr gelesen. Jetzt aber, angefixt von Detlef und ein paar vernichtenden Kritiken, den düsteren Abschlussband über die Jahre 1996 bis 2009 …

Detlef erzählt so intensiv von Rutschky, dass wir kaum dazu kommen, den Kuchen aufzuessen. Ich muss für Gesprächspausen sorgen, indem ich zum Beispiel aufs Klo gehe. Kritiker hatten Rutschky erzählerische Härte und Indiskretion vorgeworfen (oder dass er Indiskretion mit erzählerischer Härte verwechsle) und etwas bigott seine Selbstbeobachtungen gegen ihn selbst gewendet – vor allem, wo er sie auf andere (seine Frau Katharina, den Freund Kurt Scheel, den Ex-Freund und „Jungmenschen“ Rainald Goetz …) ausweitete: So darf man sich selbst (und andere!) nicht beobachten.

Die Tagebücher haben etwas von Revenge Porn (wenn man Emmanuel Carrères Parallele zwischen Roman als Hochglanz- und Autofiktion als Amateur-Porno folgt). Gekränkte Eitelkeiten und Intimitäten, mickrige Schwänze und Alters-Homosexualität. Die Frage, ob Alltag einen Roman hergibt. Der Kampf mit dem Zuviel an Gossip, der sich im Laufe eines hypersozial gegen die Einsamkeit am Schreibtisch angelebten Autorenlebens aufgestaut hat – ein Kampf, den „R.“, wie Rutschky sein Ich meidet, auch mit übertriebener Lakonie kaum noch gewinnen konnte. Detlef meint, diese Selbstdarstellung in dem Buch, das er zweimal gelesen habe, hätte ihn total überrascht. Er habe Rutschky immer ganz anders erlebt, uneitel, freundlich, zugewandt. Ich meine, dass – im Gegensatz zu Knausgård – vor allem die aussparenden Anspielungen genervt hätten: Wenn Stephan Wackwitz sich über Goetz’ „eisige Höflichkeit“ und „Gemeinheit“ auslässt und der Eintrag abbricht. Oder das ganze insiderische Namedropping (wenn man sich schon freut, wenigstens Kathrin Passig, David Wagner und Falko Hennig zu kennen). Detlef verteidigt das als Purismus, „den Rest kann man ja googeln“. Wir setzen uns dann lieber raus in den Regen, rauchen eine und reden über unsere eigenen Nicht-Karrieren.

Freitagnachmittags,Sonnenschein: Ich müsste eigentlich diese Kolumne schreiben. Stattdessen bildgoogle ich erfolglos Rutschky-Liebschaften wie Lou Schreyer und gucke mir auf Youtube an, wie Rutschky den Merkur-Redakteuren Christian Demand und Ekkehard Knörer etwas über die „zweite Lesung“ eines Enzensberger-Artikels über Massentourismus erzählt. Das Video ist von 2017. Man sieht Rutschky schon die Chemotherapie an, aber er redet mit angenehm berlinerisch gefärbter Stimme über Enzensbergers negative Dialektik und das depressive „Kenn ich schon“: eine Enttäuschung, die er auf seinen Reisen nie empfunden hätte. Da ist Rutschky ein witziger, souveräner Erzähler, dem man öfter so ein Forum gewünscht hätte. „Anything else?“, fragt er fröhlich am Ende, Knörer und Demand nicken beziehungsweise schütteln den Kopf. „It was a pleasure.“ Vor meinem Fenster ficken zwei fette graue Tauben im grünen Laub gegen die literarische Hybris ihrer Beobachtung an.

Info

Gegen Ende. Tagebuchaufzeichnungen 1996 – 2009 Michael Rutschky Berenberg 2019, 360 S., 24 €

06:00 13.07.2019

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