Tauchen im Seehamer See

Kehrseite 1 Ich gehe angekleidet ins Wasser, nicht in der Badehose wie die anderen, denn es ist kühl hier für einen in meinem Alter. Dicht unterm Wasserspiegel ...

Ich gehe angekleidet ins Wasser, nicht in der Badehose wie die anderen, denn es ist kühl hier für einen in meinem Alter. Dicht unterm Wasserspiegel halte ich die Luft an und schaue hinauf zum verzerrten, tanzenden Vollmond.

Wegen seiner großartigen Menschen bin ich in dieses Dorf gezogen: Seeham am See. Wegen der Männer mit ihren barocken, interessanten Gesichtern, wegen der semmelblonden Kinder und wegen der hellhäutigen Mütter, die ihre Kammer nicht abschließen, wenn der Mann nicht mehr heimkommt. Nackt liegen sie dort in der Morgensonne, die durch die vorhanglosen Fenster fällt.

Nur als Mitglied eines Vereines würde ich den Menschen im Dorf näherkommen, hatte man mir gesagt. Fünf Vereine gab es, von jedem hing ein Kasten für Bekanntmachungen am Feuerwehrhaus. Fußball kam wegen der Schmerzen für die Beine nicht in Frage, Schießen lehne ich ab, die Kleintierzucht ist ebensowenig meine Sache wie das Schachspiel.

So blieb der Tauchverein. Kindertraining am Freitagnachmittag, Treffen mit Diavortrag jeden dritten Samstag im Monat. Wettbewerbe im Dauertauchen bei Vollmond, ganzjährig. Ich habe riesige Lungen und nehme teil, um noch mehr Anschluss an die Dorfgemeinschaft zu finden. Ich komme immer als letzter nach oben, oft als einziger.

Ja, in den nächsten Wochen werde ich wieder die semmelblonden Locken einiger Seehamer Halbwaisen streicheln und wohl auch ihre Mütter besuchen. Aber es geht hier in erster Linie um Sport, und im Sport hält man sich in Seeham fair an die Regeln.

Ich habe immer noch Luft. Mit dem Auftauchen lasse ich mir Zeit.

Rupprecht Mayer, Autor, Sinologe und Übersetzer, lebt in Burghausen. Veröffentlichungen in Zeitschriften. Eine Sammlung von Prosaminiaturen ("Aus der Welt des Dreisprungs") erschien im Frühjahr in der Edition Thaleia.

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00:00 01.10.2004

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