Tausche May gegen Merkel

Großbritannien Der 29. März sollte der „Brexit Day“ werden, naja. Im Café „Sovrano“ in Coventry haben die Menschen meist andere Sorgen

Es wird immer schlimmer“, stöhnt Mick (57), Bauarbeiter in Coventry, und nutzt die Frühstückspause, um mit der großen Portion Würstchen, Spiegelei und Baked Beans seinen Frust über den Zustand der Politik in England zu bekämpfen. Auch er habe damals, im Juni 2016, für den Austritt aus der EU gestimmt. „Die Leute im Büro waren für den Verbleib, wir Arbeiter mehr für den Austritt.“ Mittlerweile sei er nachdenklich geworden. „Das Ganze ist eine Farce, und die Politiker sind eine Schande. Die sollen gefälligst tun, wofür sie bezahlt werden, aber jeder denkt nur an seine eigene Karriere.“ Dabei gäbe es genug zu tun, man müsse nur an die Arbeitslosen denken, die Wohnungslosen, die steigende Gewaltkriminalität.

Mick sitzt mit einem Kollegen im italienischen „Café Sovrano“ mitten in der Fußgängerzone „The Precinct“ von Coventry. Das Etablissement passt in eine Situation, in der nichts ist, wie es scheint. Das „Sovrano“ simuliert mit schönen Schwarz-Weiß-Fotos das Italien der 1950er, greift aber zugleich auf sonstiges kontinentaleuropäisches Repertoire zurück, den Eiffelturm, das Kolosseum, den schiefen Turm von Pisa, das Pantheon. Dabei ist der Eigentümer ein Iraner, der das Lokal seit knapp zwei Jahrzehnten führt. Heute allerdings hat der 17 Jahre alte Sohn Ashkan Managerdienst. Seine Mitarbeiter für Küche und Service kommen aus Rumänien, das auf der britischen Insel Polen als Herkunftsland der meisten Arbeitsmigranten überholt hat. Im „Sovrano“ treffen sich einheimische Stammgäste vor allem aus der Arbeiterschaft, die eine große Portionen des typisch englischen Frühstücks und den moderaten Preise zu schätzen wissen.

Einer Illusion aufgesessen

In Coventry, einer Stadt mit Geschichte, die bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht, hatten einst Automarken wie Rover, Morris und Jaguar ihre Stammsitze. Während des Zweiten Weltkrieges kam es zu schweren Angriffen der deutschen Luftwaffe, bei denen vier Fünftel der Innenstadt zerstört wurden. Auch die mittelalterliche St Michael’s Cathedral war betroffen, wenigstens der Turm dieser wunderschönen Kirche blieb erhalten.

Nach dem Krieg wurde die mit 350.000 Einwohnern inzwischen achtgrößte Stadt Englands ohne großen Anspruch wieder aufgebaut, sodass heute mittelalterliche Baureste neben den weit verbreiteten Betonklötzen aus den 1970er Jahre stehen und sich Einkaufzentren in den unterschiedlichen Stadien des Verfalls an Neubaukolosse wie Filialen des Möbelkonzerns Ikea reihen. Da die Stadt zwei Universitäten beherbergt, an denen gut 70.000 Studierende (die Hälfte davon aus Asien) eingeschrieben sind, dient fast jedes Gebäude in der City mit mehr als fünf Stockwerken als Wohnsilo für diese Stadtbewohner auf Zeit. Zwölf Quadratmeter inklusive Nass- und Küchenzelle gibt es für 800 bis 1.000 Pfund im Monat, zu bezahlen selbstredend auch während der fünf Monate Semesterferien. Keine Frage, mit seinem architektonischen Inventar ist Coventry konkurrenzlos eine der hässlichsten Städte des Vereinigten Königreichs.

Am 23. Juni 2016 stimmten hier mehr als 55 Prozent für den Brexit, auch wenn gut 47 Prozent aller Güter aus der Gegend in den EU-Raum exportiert werden, und 62 Prozent der bezogenen Importe von dort stammen. Derzeit können sich laut Umfragen im Großraum Coventry jedoch nur vier Prozent einen No Deal-Brexit vorstellen, den Ausstieg ohne Vertrag.

Und dann ist es soweit und der Tag gekommen, an dem der Ausstieg eigentlich besiegelt sein sollte: der 29. März 2019. Bei strahlend blauem Himmel und 14 Grad verläuft das Leben wie immer. Man spürt keine Spannung, die Läden sind mehr oder weniger gut besucht, die Pubs füllen sich langsam mit Mittagsgästen, in einem Brunnen glänzen Seifenblasen in der grellen Frühlingssonne, weil ein Witzbold Waschmittel hineingeschüttet hat – aber sonst passiert nicht viel, bekanntlich ist der Ausstieg storniert, auch wenn die EU auf Klarheit drängt.

An einem Zeitungsstand ist zu sehen, was die Boulevardpresse titelt: „SHUT IT!“ (Macht den Sack endlich zu !), „COME ON ARLENE!“ (in Anlehnung an einen Popsong aus den 70ern wird Theresa May aufgefordert, auf Tempo zu gehen). Der Mirror bringt es auf den Punkt: „It‘s Brexit Day and May still can‘t get her dire deal done“ (Es ist Brexit Day, und May kann immer noch nicht ihren grässlichen Vertrag durchbringen). Im „Café Sovrano“ in der Fußgängerpassage von Coventry neben dem neuen Einkaufszentrum „The Orchard“ sind fast alle Plätze besetzt. Drei junge Leute trinken Tee oder Kaffee und bekennen. „Wir haben seinerzeit nicht mit abgestimmt und hatten ohnehin keine Ahnung, was da los ist mit der EU.“

Bingo für jung und alt

Benny ist Reinigungskraft, Michelle Kindergärtnerin und Sara, die Älteste, Verkäuferin in einem Supermarkt. Zeitung würden sie nicht lesen, aber der Fernseher laufe zuhause immerzu. Sara hat Mitleid mit Theresa May: „Alle wollen ihren Job, und keiner hilft ihr.“ Benny widerspricht: „Sie ist ein fucking Alien!“ Einig sind sie sich im Urteil über die wirtschaftliche Situation. „Wer einen Job sucht, der findet ihn. Aber was gar nicht geht im 21. Jahrhundert, in dem wir Menschen zum Mond schicken, das sind derart viele Wohnungslose, die auf der Straße leben. Da müsste im Parlament etwas passieren. Die wissen doch gar nicht, was Arbeit ist. Die sind auf Privatschulen gegangen und machen uns das Leben schwer.“

Natürlich denken die drei auch über eine mögliche Nachfolge für May nach. Boris Johnson fällt ihnen ein. „Der ist zwar verrückt und geht einem auf die Nerven, aber ab und zu sagt er was Gescheites.“ Bauingenieur Kevin (51) mischt sich ein. „Die EU hat uns doch eine Illusion verkauft. Die Politiker, die uns einst in die Europäische Gemeinschaft geführt haben – allen voran Edward Heath (Premier von 1970 – 1974, die Red.) – hatten doch nur ihr Bild für die Nachwelt im Kopf. Ich bin für ein zweites Referendum, das zeigen wird, wie die Mehrheit für einen Austritt immer größer wird.“

Stanley, in Coventy geboren und Rentner, meint: „Ich bin 80 Jahre alt geworden in diesen Tagen. Es gab fast nie Verantwortliche in der Regierung, die sich um die soziale Absicherung, um Gesundheitsfürsorge oder erschwingliche Wohnungen gekümmert haben. Unser ganzes System, bei dem sich viele auf Kredit Immobilien kaufen und dadurch häufig ein Leben lang verschuldet sind, verführt zur Not. Wenn die Zinsen auch nur um ein Prozent steigen, treibt das 20 Prozent der Hausbesitzer aus der Mittelklasse und Unterschicht in den Ruin. Woher kommen denn die vielen Mittellosen, die auf der Straße schlafen? Politiker haben Coventry ruiniert. Da ist mir der Brexit ziemlich egal. Es gibt Wichtigeres.“

Eric (70), Lebenskünstler und Weltreisender, sieht das ähnlich: „Das Ganze ist schändlich und wird auf unserem Rücken ausgetragen, dazu kommt die hohe Kriminalitätsrate. Besonders die Messermorde beunruhigen mich.“ Derartige Verbrechen sind mittlerweile nicht nur in Coventry ein großes Problem, sondern in ganz England. Stichwaffen sind einfach beschafft und leicht zu verstecken. Angriffe damit enden oftmals tödlich. Täter und Opfer sind häufig Jugendliche aus den gesellschaftlichen Randgruppen und kommen eher selten aus dem Milieu der Migranten. Erst Anfang März gab es wieder einen Messerangriff, bei dem ein Jugendlicher verblutete. Die große Angst davor manifestiert sich heute auch künstlerisch. So hat der Bildhauer Alfie Bradley aus 100.000 Messern von der Straße den „Knife Angel“ als Mahnmal entworfen, das neben den Resten der St Michael‘s Cathedral aufgestellt ist. Auch wenn bei den Gästen des „Sovrano“ latent die Angst vor Migranten mitschwingt, wird diese selten als Problem benannt. Der 17-jährige Psychologiestudent Ashkan, der Sohn des Besitzers, meint dazu, er habe selten Ausländerfeindlichkeit gespürt, aber er könne verstehen, dass Polen, bisher mit etwa 3.000 Personen die größte Migrantengruppe aus einem EU-Land in Coventry, zahlreich in ihre Heimat zurückkehren. „Es gab da ein paar hässliche Vorfälle.“

Coventry hat „nur“ rund 4.400 Arbeitslose , aber gerade im Zentrum schlafen viele Menschen auf der Straße, da sie ohne Wohnung sind. Weit verbreitet ist die Ansicht, Arbeit gäbe es genug, nur müsse man sie auch machen wollen. Das ist bedingt richtig, denn real hat sich die Anzahl der qualifizierten Arbeitsplätze vorrangig durch den Niedergang der lokalen Autoindustrie verringert. Es gibt Arbeit in der Servicebranche, bei der Stadtreinigung etwa. Diese Jobs verlangen wenig Qualifikation und werden unterdurchschnittlich bezahlt. So ist es nicht verwunderlich, dass sich gerade bei manch jüngerem Coventarian das Gefühl breitmacht: Weder die in London – und schon gar nicht die unbekannten Wesen in der EU kümmern sich um mich.

Früher war das anders. Da gab es Bingo- Hallen, wo sich jung und vor allem alt zur gemeinsamen Unterhaltung trafen. Da gab es die High Street mit Läden in der dritten oder vierten Generation, wo man mit Nachbarn und Ladenbesitzern ein Schwätzchen hielt. Und da gab es die gemütlichen Cafés, in denen man bei englischem Frühstück – ein Ausdruck hiesiger Lebensart – den Tag begann. Gerade diese Konvention will man in Coventry nicht missen. Dafür akzeptiert man viel, auch das „Sovrano“, ein italienisches Café mit iranischem Besitzer, wenn nur Sausage, Egg, Black Pudding und Baked Beans auf der Karte stehen. Auch deshalb sind fast alle Gäste des „Sovrano“ in einer Zeit der politischen Wirbelstürme und an einem Brexit Day ohne Brexit weiter für den Brexit. Mit Einschränkungen, versteht sich. Stammgast Eric macht dem deutschen Besucher am Ende des Tages ein Angebot: „Können wir vielleicht Merkel gegen May tauschen?“

Christoph Meier-Siem ist Medienkaufmann und Dozent in Hamburg und London

06:00 07.04.2019
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