Tausche „ü“ gegen neuen Präsidenten

Die Doytçe Eigentlich ist egal, wer Bundespräsident wird. Hauptsache, der, die oder das macht einfach seinen Job: Schwingungen erfühlen und Impulse setzen
Ausgabe 24/2016

Bundespräsident Joachim Gauck will nicht mehr. Zeit also, sich umzuschauen, wer sein Nachfolger werden könnte. Aber vorher werfe ich noch mal kurz einen Blick an den Bosporus, wo ein anderer Präsident gerade dafür sorgt, dass ich demnächst den Umlaut „ü“ in meinem Namen offiziell auflösen und Akyuen heißen werde. Mit dieser Perspektive ist das deutsche Präsidentenmodell „Frühstücksdirektor“ gar nicht mal so schlecht. Richtig Schaden kann der ja bei uns nicht anrichten. Ein bisschen mehr, als in jedem Satz das Wort Freiheit zu bemühen, darf es aber schon sein.

Ich fasse mal kurz zusammen, was in den letzten Tagen auf meiner Timeline bei Facebook so los war: Eine Frau müsse jetzt ran, sagen die einen. Ein Migrant, fordern die anderen. Jung soll er sein. Schwul wäre mal ein Zeichen. Zusammengefasst: eine junge Lesbe mit Migrationshintergrund. Fehlt nur noch, dass sie vegan lebt.

Dabei würde es mir persönlich schon reichen, wenn der, die oder das einfach seinen Job macht. Und der besteht darin, die Schwingungen im Land zu erfühlen und ein paar Impulse zu setzen. Ich überlegte einen ganzen Tag, welcher Satz mir von Joachim Gauck in Erinnerung beiben wird. Ohne zu googeln bin ich auf keinen einzigen gekommen. Ein halbes Dutzend präsidialer Sätze fallen mir dagegen auf Anhieb bei Johannes Rau ein. Zum Beispiel der: „Wer glaubt, das ganze Leben bestehe nur aus Marktbeziehungen, der kennt letztlich von allem den Preis und von nichts mehr den Wert.“ Oder: „Wenn wir so tun, als seien unsere Möglichkeiten grenzenlos, überfordern wir uns selber. Dann verlieren wir das menschliche Maß.“ Aber am meisten hat mich berührt, als er gefragt wurde, wann er am Sinn von Politik gezweifelt hat. Rau sagte: „Nach dem Brandanschlag von Solingen. Da habe ich gedacht, es lohnt sich alles nicht, du kannst die Welt nicht verändern.“ Und er hat sie doch ein wenig verändert.

Johannes Rau war ein Bundespräsident, der uns Bürgern nicht von oben herab Ratschläge gab. Richard von Weizsäcker war auch so einer. Sein prägendster Satz: „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.“

Aber woher kriegen wir jetzt so schnell einen mit diesem Format her? Also backe ich mir mal einen Bundespräsidenten, wie ich ihn gern hätte: Väterlich wie Johannes Rau sollte er sein, Gentleman wie Richard von Weizsäcker, intellektuell wie Helmut Schmidt, unterhaltsam wie Gregor Gysi, überzeugend wie Willy Brandt, empathisch wie Mutter Teresa, scharfzüngig wie Martin Schulz, authentisch wie Malu Dreyer und mütterlich wie Helga Beimer. Jemand, der mehr Lebensmodelle kennt als nur sein eigenes. Einer, der die Menschen nicht mit Worthülsen einlullt, sondern einen klaren Standpunkt hat. Der muss gar nicht meiner sein – aber ich möchte mich zumindest an seinem abarbeiten können.

Aber Typen mit Herz und Verstand überleben den Politikdschungel leider nicht so lange, bis sie Bundespräsident werden könnten. Schade, wieder keiner in Sicht mit Ecken, Kanten und Visionen. Deshalb werden wir wieder einen Kompromisskandidaten bekommen, eine Sprechpuppe des Konsenses. So ist es dann auch egal, ob der nächste Bundespräsident männlich, weiblich, migrantisch, jung, alt, gelb, grün, schwarz oder rot ist. Aber möge er, sie, es bitte nicht so schlimm sein, dass ich mir noch einen Buchstaben aus meinem Namen wegwünschen muss.

Hatice Akyün ist deutsche Schriftstellerin mit türkischen Wurzeln. Als Die Doytçe schreibt sie für den Freitag regelmäßig über ihr Leben mit zwei Kulturen

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