Tausendundeine Kur

Cannes Apathie in Thailand, Prekarität in Portugal und Schatzsuchen in Rumänien: von den Entdeckungen am Rande des Filmfestivals

Verblüffendster und allerlängster Film war in diesem Jahr Miguel Gomes’ Arabian Nights. Das aus drei Langfilmen bestehende, über sechs Stunden währende Epos nimmt es mit den ökonomischen Ungleichheiten der Gegenwart auf. Es gab nicht viele an der Croisette von Cannes, die Vergleichbares wagten. Aus Formaten ausbrechen, neue Zugänge riskieren – das ist im geglätteten, durchrationalisierten Kino der Gegenwart schwieriger denn je. Man benötigt dazu eine Portion Wahnsinn, Wagemut und auch Produzenten, die großzügig denken.

Ein ganzes Jahr lang hat Gomes in seiner portugiesischen Heimat gefilmt, um die Auswirkungen des von der EU auferlegten Sparkurses von 2014 auf Land und Bevölkerung zu thematisieren. Nicht rein dokumentarisch, nicht als Fiktion, sondern in einer Mischform, die sich wie ein Organismus in viele Richtungen zugleich entwickelt: Reale Geschichten von wachsender Prekarität, von Arbeitslosigkeit und Selbstmord, aber auch von Verliebten und Vogelfängern werden in eine mythologische Struktur eingepasst, die an die Geschichte der Scheherazade angelehnt ist.

Marx Brothers im Garten

Selbst wenn dem Filmemacher im Prolog das Projekt über den Kopf wächst, er panikartig die Flucht vor seinem Team ergreift – das Rezept geht auf. Gomes zeigt ein Land im Würgegriff der Fiskalpolitik, er hält der Depression jedoch Erfindungsgeist entgegen. Der Realität will er das hinzufügen, was dem nüchternen Blick auf Defizite entgeht: den menschlichen Horizont.

Wie soll man sich das vorstellen? Als freie, einmal burleske, dann aberwitzige, schließlich dokumentarisch beseelte Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Arabian Nights wechselt zwischen Melancholie, Komik und rechtschaffenem Zorn. Der Besuch von EU-Gesandten, die öffentliche Gelder kappen wollen, gerät zur Satire über männliche Potenzfantasien. Im zweiten Teil wird ein flüchtiger Mörder in einer Naturlandschaft zum lumpenproletarischen Helden, weil er sich erfolgreich dem staatlichen Zugriff entziehen konnte.

Jede Episode hat ihr eigenes Timbre: In einem Wohnbau zieht Zigarettenqualm durch die Gänge, während auf der Tonspur Songs von Lionel Richie oder Rod Stewart erklingen. Das ist mehr als ein Gag, denn es sind Lieder aus einer Zeit, in der die Porträtierten glücklich waren. Gomes schließt an die Tradition des Schelmenromans an, indem er eine aus den Angeln gehobene Welt in der Verzerrung besser sichtbar macht.

Einen ähnlich offenen Weg schlägt auch Corneliu Porumboiu (Police, Adjective von2009) ein. In Comoara (The Treasure) bildet ein Robin-Hood-Kinderbuch den Hintergrund, vor dem der rumänische Regisseur den Traum vom schnellen Reichtum erörtert: Zwei Nachbarn, die beide mit den Folgen der Wirtschaftskrise hadern, formieren mit einem Experten für Metalldetektoren ein Team, um im Garten nach einem Familienschatz zu suchen. Die grotesk-realistische Idee funktioniert wie eine Mischung aus Marx Brothers und Witold Gombrowicz. Nüchtern und doch auch umwerfend komisch behandelt Porumboiu den Zusammenhang von Geld, Eigentum und damit verbundenen Gegenleistungen.

Beide Arbeiten waren in Cannes nur in Nebenschienen zu sehen. In dieser Hinsicht war die 68. Ausgabe des Festivals ein seltsames Jahr der Kopflosigkeit. Während der Wettbewerb nur in wenigen Fällen, etwa mit The Assassin von Hou Hsiao-Hsien, dem lange erwarteten Historienfilm des taiwanesischen Altmeisters, zu ästhetisch anmutiger Form fand, blieb das persönliche, von kontinuierlichen Verfeinerungen gekennzeichnete Autorenkino an den Rand gedrängt. Selbst der vormalige Gewinner der Goldenen Palme, der Thailänder Apichatpong Weerasethakul, wurde nur in der Reihe „Un Certain Regard“ gezeigt. Cemetery of Splendor mag zurückgenommener, verschlossener wirken als Uncle Boonmee von 2010, weniger sinnlich und mysteriös ist er nicht.

Ein Tier aussuchen

Wie schon in Syndromes and a Century (2006)ist ein Krankenhaus Schauplatz des Films. Es liegt in Khon Kaen, der Heimat des Regisseurs. Soldaten laborieren dort an einer seltsamen Schlafkrankheit. Der Blick des Films ist auf die freiwilligen Helferinnen gerichtet, ihren Umgang mit den Kranken. Die Apathie des Landes, die Traumata der Geschichte – all das prägt den Film fast unmerklich. Wie Weerasethakul mit minimalistischen Mitteln, der Farbgebung etwa, Texturen erzeugt, in denen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchdringen, ist betörend.

Einen Beitrag gab es doch im Wettbewerb, der durch Einfallsreichtum und Tonfall auffiel: The Lobster von dem Griechen Yorgos Lanthimos. Der Film entwirft eine bizarre Parallelwelt, die die Partnerschaft ihrer Bürger reguliert. Wer allein bleibt, wird zu einem Kuraufenthalt verpflichtet. Lernt man auch dort niemanden kennen, droht eine drastische Maßnahme: Verwandlung in ein Tier – in welches, ist zumindest frei wählbar. Die Originalität des Verkupplungsszenarios liegt darin, dass es an einem liebesfeindlichen Ort angesiedelt ist. Die Komik resultiert aus der Selbstverständlichkeit, mit der sich die meisten dem Regime unterwerfen.

Im zweiten Teil malt sich der Film die Gegendystopie aus. Im angrenzenden Wald leben, angeführt von einer resoluten jungen Frau, die „Loners“: Singles, denen jede romantische Neigung verboten ist. Mancher hat Lanthimos’ Entwurf als Science-Fiction abgetan. In Wirklichkeit korrespondiert dieser Film aber mit einer Gegenwart, die immer wieder mit überspannten Diskussionen um Identitätskonzepte irritiert.

11:20 27.05.2015
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