Tchibo

A–Z Es wird kalt, und wir eilen in den Tchibo-Laden, um warme Unterhosen oder Handschuhe (vergebens) zu finden. Nur Kaffee suchen wir dort eher nicht mehr. Das Wochenlexikon
Redaktion | Ausgabe 47/2015

A

Ausraster Der Wahnsinn haust überall. Etwa in einer Tchibo-Filiale in Bochum. Der Schriftsteller Wolfgang Welt, der wegen seiner Schizophrenie Lithium schlucken muss, schrieb darüber. In seiner Erzählung Der Tunnel am Ende des Lichts (2006) berichtet Welt, wie er sich für J. R. Ewing hielt, vom Geheimdienst verfolgt wähnte und beim ➝ Kaffeeröster randalierte: „Als ich dran war, sagte ich, einmal ohne alles, und mit einer Armbewegung fegte ich die hundert Tassen, die da standen, vom Tisch. Mann, wie das schepperte. (...) Da kam eine von den braungeschürzten Tchibo-Frauen und wies mich in den Keller und schloss hinter mir ab.“

Manche Kritiker schimpfen, Welt schreibe lediglich persönliche „Erinnerungsstenogramme“. Andere verehren ihn als den Vater der heutigen Pop-Literatur. Fest steht: Der Alltagsirrsinn ist sein Thema. In der Erzählung Einmal Tchibo und zurück heißt es: „Meine Schwester (...) holte sich das gleiche Gesöff wie ich. Unsere gesamte Familie ist süchtig nach Tchibo ohne alles.“ Katja Kullmann

B

Bedürfnisbündel Werbung galt für Roland Barthes als wichtiger Träger seiner Mythen des Alltags. Für die Glück versprechende Bedürfniserzeugung ist Tchibo ein beredtes Beispiel. Exemplarisch zeigt sich hier eine spezielle Form der Warenpräsentation, die man Bedarfsbündel nennt. Üblicherweise findet sich in den Regalen das Sortiment nach Produkttypen sortiert, im Modebereich oft nach Marken. Die Bedarfsbündelung folgt einem unterstellten Kundeninteresse und konzentriert die Bestandteile verschiedener Sortimente an einem Verkaufspunkt im Laden unter Mottos wie „Alles fürs Bad“ oder „Schulanfang“. Tchibo trieb das Konzept weiter, indem es mit den Non-food-„Themenwelten“ gezielt solche Bündel in die Läden holte. Hier wird nicht mehr das existierende Sortiment besonders präsentiert, sondern Erlebnis und Bedürfnis – wie „Trachten, Dirndl und Partydeko“ – extra erzeugt. Der Mythos ist für Barthes eine „Weise des Bedeutens“, eine „Form“: In den Themenwelten hat er eine Entsprechung. Tobias Prüwer

C

CDU Die Tchibo-Familie hat ein Herz für die CDU, nein, viele Herzen. Die Parteispenden werden nämlich aufgeteilt, sodass die Geldflüsse nicht auf der Bundestags-Webseite angezeigt werden, sondern erst eineinhalb Jahre später im Rechenschaftsbericht der CDU auftauchen. Tchibo wurde 1949 von Max Herz mitbegründet, inzwischen gehört das Unternehmen (➝ Firmengeflecht) hauptsächlich seinen Söhnen Michael und Wolfgang Herz.

Im Jahr 2005 spendete die Familie insgesamt 115.000 Euro an die Union – aufgeteilt in kleinere Beträge: Michael gab 40.000 Euro, Wolfgang 15.000 Euro, ihre Mutter Ingeburg 25.000 Euro und die Beteiligungsgesellschaft Participia Holding 35.000 Euro. Im Jahr 2013 war es ähnlich, nur dass neben Mutter Ingeburg diesmal ihre Tochter Daniela und ihr Sohn Günter sowie dessen Kinder Christian und Michaela spendeten. Sie alle besaßen damals keine Tchibo-Anteile (mehr). Aber ein Herz für die CDU. Felix Werdermann

F

Firmengeflecht Angesichts seiner kleinteiligen Ladengeschäfte vergisst man oft, dass Tchibo eines der umsatzstärksten deutschen Einzelhandelsunternehmen ist. Der größte Kaffeehändler des Landes ist Herzstück der Holding Maxingvest, in der circa 30.000 Menschen arbeiten. Die Gesellschaft hält auch eine Mehrheitsbeteiligung an der Beiersdorf AG, die Marken wie Nivea, Tesa und Labello führt. Auch am Floristen Blume 2000 und Büchergroßhandel Libri ist Maxingvest beteiligt. Der lang anhaltende Erfolgskurs von Tchibo ist indes ins Stocken geraten.

Non-Food-Strecken bietet mittlerweile jeder Discounter. Rossmann operiert zum Beispiel ebenso mit ➝ Bedürfnisbündelung. Bei einem Angebot zwischen Pyjamas und Zahnversicherung, Hausbooten und Lockenstäben hat sich das Unternehmen wohl verzettelt. Daher sollen in der Hamburger Konzernzentrale bis 2017 rund 350 von insgesamt 2.000 Stellen abgebaut werden. Das Sparprogramm nennt sich „Fit for Growth“, ganz so, als würde Tchibo nur ein bisschen heilfasten. Tobias Prüwer

G

Geschenke Dass es den Menschen heute insgesamt viel zu gut geht und niemand mehr die kleinen Freuden des Lebens zu schätzen weiß, das bemisst sich vielleicht am eindrücklichsten daran, was sich die Leute gemeinhin so schenken, wenn sie genau genommen gar nicht wissen, was sie einander schenken sollen. Früher jedenfalls, so erinnere ich das, also zu Zeiten der alten Bundesrepublik, als Tchibo seinen Konkurrenten Eduscho noch gar nicht geschluckt hatte, schenkten sich die Erwachsenen andauernd gegenseitig Filterkaffee. Herrliche Menschen wie meine Oma gingen also zu Tchibo, kauften ein Pfund ganze oder gemahlene Bohnen (➝ Name), packten das Ganze in Geschenkpapier – oder auch nicht – und schenkten es dann dem Onkel, der Tante, der Großmutter oder sogar dem Ehepartner zum Geburtstag. Und das war ok. Damals gab es bei Tchibo halt noch echte Geschenke. Timon Karl Kaleyta

I

Ideenklau Es ist schon toll, was Tchibo sich alles einfallen lässt. Zum Beispiel einklappbare Kopfhörer oder raffinierte Fahrradschloss-Halterungen. Dummerweise sind das nicht immer genuine Tchibo-Einfälle. So hatte das Unternehmen immer wieder mit dem Vorwurf des Ideenklaus zu kämpfen (➝ Image). Der Schlosshersteller Trelock etwa verklagte Tchibo wegen der Schloss-Halterung, die seiner eigenen zum Verwechseln ähnlich sah. Sennheiser, laut Patentschein wahrer Erfinder besagter Klappkopfhörer, stoppte deren Verkauf per einstweiliger Verfügung. Aber was soll Tchibo denn auch machen? Wer damit wirbt, jede Woche eine neue Welt aufzutun, der stößt irgendwann an die Grenzen der eigenen Erfindungskraft. Benjamin Knödler

Image Es war Herbst, Unterhemdenzeit. Kompliziert, die richtigen zu finden, sagte ich, zu lang, zu kurz, zu dünn, zu kratzig. Oder eben zu teuer. Die Freundin aus dem bürgerlichen Viertel lächelte. „Tchibo“, sagte sie. „Da kaufe ich übrigens auch meine Dessous.“ Sollte das ein Witz sein? War sie jetzt der Ostler? Anfangs war es nur der Kaffee, sagte sie, und dann kam „jede Woche eine neue Warenwelt“.

Nur was konnte sexy sein an BHs, die neben Kiwi-to-go-Box ( Sortiment) und Gummihandschuhen für Kleingärtner hängen? Sie sei auch mal zu La Perla gegangen, so die Freundin, gab 60 Euro für einen BH aus. „Aber Tchibo saß einfach besser.“ Also auch Wickelkleider und Bettwäsche. 2008 hat Tchibo es dann mit Premiummode versucht: Unter der Marke „Mitch & Co.“ hat der Designer Michael Michalsky zum Beispiel Poloshirts bei Tchibo vertrieben (nach ähnlichem Prinzip wie H&M-Aktionen mit Designern) Es war ein Flop. Den Kunden war es nicht stylish genug. Und zu teuer. Maxi Leinkauf

K

Kaffeeröster Gemessen an den einstigen Konkurrenten ist Tchibo ein Youngster. Kaiser’s zum Beispiel kann bis auf das Jahr 1880 zurückblicken, als Josef Kaiser in den elterlichen Kolonialwarenladen in Viersen eintrat und bald ein beachtliches Filialnetz aufbaute. Kaiser’s Kaffeegeschäft, wie die Kette nach dem Krieg hieß, gehört zu meiner Kindheit wie die erste italienische Eisdiele am Oberlindenbrunnen. Wenn meine Mutter Geld übrig hatte und ihr ewig schlechtes Gewissen beruhigen wollte, gingen wir zu Kaiser’s.

Während sie sich mit einem Viertelpfund Kaffee (➝ Geschenke) begnügte, schwelgte ich in den süßesten und ungesündesten Candys: Mokkabohnen waren ein Muss, rote und schwarze Geleebeeren, kandierte Früchte, Minzkissen und überzogene Bananen, alles 50-Gramm-weise abgewogen. Das Zeug verschwand dann in den Schubladen meines Kaufladens, der vordem einmal Nägel und Schrauben beherbergt hatte. Der unvergleichliche Geschmack von Stahl und Süße, wenn ich das Zeug nach und nach vernaschte, liegt mir manchmal noch heute auf der Zunge. Ulrike Baureithel

M

Mittelstand Soziologisch gesehen besteht das Zielpublikum von Tchibo vor allem aus der „oberen unteren Mittelschicht“. (Homer Simpson). Das zeigt sich nicht nur in den Preisstrukturen, sondern auch in den Geschmackswelten. Vom rot-weiß-karierten Schlafanzug bis zum putzig gemusterten Fleece-Pulli bietet Tchibo einerseits eine Ästhetik kleinbürgerlicher Heimeligkeit. Finden sich andererseits aber auch Golfreisen im Angebot, können Kunden sich dank des Kaffeerösters sogar in Oberschichtsexistenzen einfühlen. Der Soziologe Pierre Bourdieu, der diese Mischung aus ästhetischer Selbstvergewisserung und konsumistischer Aufwärtsorientierung bereits 1979 in Die feinen Unterschiede analysierte, hätte bei Tchibo also reichlich Anschauungsmaterial gefunden. Nils Markwardt

N

Name Der armenischstämmige Carl Tchilling-Hiryan, der mit Max Herz 1949 das Unternehmen gründete, gab diesem auch seinen Namen. Aus Tchilling-Hiryan (Tchi) und der Kaffeebohne (Bo) wurde Tchibo. Von der Bohne zum Mobilfunk zum Mode- und Möbelhändler: Die Umbenennung in Tchimo oder Tchimö steht wohl längst bevor. Andererseits: Wer ändert schon seinen Namen? (➝ Ideenklau) Tchibo ist immerhin unverfänglicher als das Kürzel der Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler: E.d.K., später Edeka. Ben Mendelson

S

Sortiment Ein Gang vor die Tchibo-Regale lohnt einfach immer, haben diese doch mehr zu bieten als nur Skiunterwäsche und Kaffee. Bei genauem Hinsehen offenbart sich eine Welt der Kuriositäten: Ob Bananenschneider, wasserfeste Spielkarten, passgenaue Kiwi-to-go-Box oder Scheibenwischblatt-Nachschneider. Da steht man, staunt und fragt sich, ob man Tchibo all die Jahre missverstanden hat. Steckt am Ende eine Art kapitalismuskritisches Gesellschaftsexperiment dahinter, bei dem ausgelotet wird, ob man wirklich alles zu Geld machen kann? Doch man darf Tchibo nicht nur auf diese Skurrilitäten reduzieren. Wer Luxus will, bekommt ihn auch. Vergangenes Jahr fand beispielsweise ein Designer-Hausboot den Weg ins Sortiment, dieses Jahr folgten ein Leichtflugzeug und auch einige Privatinseln, zum Beispiel vor Französisch-Polynesien oder Norwegen. Benjamin Knödler

Z

Zweck Ein Vorurteil lautet, dass Tchibo den Verkauf von Röstkaffee zugunsten eines Non-Food-Angebotes hintangestellt habe. Dabei dient das Sammelsurium bunter Plastikartikel (➝ Sortiment) lediglich der Unterhaltung: Ist das Spielzeug für Kleinkinder? Oder für den Hund? Oder für den Geschlechtsakt? Ausschlusskriterium ist das Vorhandensein von Edelstahlklingen: Dann ist es ein Küchenwerkzeug, wobei der Zweck sich mitnichten unmittelbar erschließt. Der Verpackungsaufdruck zeigt leider viel zu schnell die Lösung an, so abseitig diese auch sein mag. Zur Förderung des Rätselspaßes sollte Tchibo nachbessern: Die Artikelbeschreibung gehört auf die Rückseite der Verpackung! Uwe Buckesfeld

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06:00 02.12.2015

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