Team Deutschland

Sportplatz Kolumne

Ein Ruck geht durch das Land. Alle ziehen an einem Strang und der heißt Deutschland. Wir haben zwar nicht so geniale Individualisten wie Brasilien, aber durch Zusammenhalt, Teamspirit und gegenseitige Unterstützung können Träume wahr werden. Unsere Nationalelf zeigt, dass Individualismus allein nicht ausreicht. Nur in der Gemeinschaft können große Ziele verwirklicht werden, und deshalb ist Team Deutschland ein Zukunftsmodell.

Oswald Spengler wusste schon in den zwanziger Jahren, dass die Deutschen tief im Herzen nur in der Gemeinschaft glücklich sein können, während unsere Rivalen, die Engländer, lediglich eine Gesellschaft bildeten, eine vom kalten Konkurrenzprinzip bestimmter loser Zusammenschluss von Individuen. Diese deutsche Volksseele spürte wohl auch Jürgen Klinsmann als er seiner unter modernsten Bedingungen arbeitenden Mannschaft den absoluten Teamgeist einimpfte. Mannschaftliche Geschlossenheit wurde zwar auch schon unter Klinsmanns Vorgänger Rudi Völler gefördert, doch erst Klinsmann verband sie mit einer modernen, offensiv-dynamischen Spielweise.

Seitdem halten die Ersatzspieler vor jedem Spiel aufmunternde Reden in der Kabine, altgediente Nationalspieler wie Bernd Schneider lassen sich ohne Grummeln für den U-21 Spieler David Odonkor auswechseln und selbst Oliver Kahn gratuliert öffentlich seinem ehemaligen Rivalen Jens Lehmann. Kahn selbst war es, der mit seiner heroischen Geste der Unterordnung den Gemeinschaftsgedanken zum entscheidenden Durchbruch verhalf: "Die Weltmeisterschaft im eigenen Land ist wichtiger als die Person Oliver Kahn, denn es geht nicht um persönliche Eitelkeiten und persönliche Schicksale, sondern um das ganz Große", erklärte Kahn bei einer auf mehreren TV-Kanälen übertragenen Pressekonferenz zwei Monate vor WM-Beginn.

Spieler wie Kahn, Ballack, Schneider und Klose sind die aktuellen Gegenbilder zur Egoisten-Generation um Matthäus, Effenberg und Basler, die vor allem sich selbst statt der Mannschaft dienten und so für die Misserfolge der Nationalmannschaft in den Jahren bis zur WM 2002 mitverantwortlich waren. Zwar wurde Michael Ballack anfangs vorgeworfen, er sei nicht rücksichtslos und aggressiv genug, doch mittlerweile hat sich die besonnene, freundliche und moderierende Art des Kapitäns der Nationalelf als stilbildend durchgesetzt. Auch jüngere Spieler, wie der sich für jeden Einsatz bedankende David Odonkor, betonen immer wieder den Vorrang der Gemeinschaft. Rote Karten und Disziplinlosigkeiten, wie der Stinkefinger von Effenberg gegenüber deutschen Fans bei der WM 1994, sind seltener geworden, auch wenn sich Torsten Frings von aufgebrachten Argentiniern provozieren ließ. Notorische Stänkerer wie Christian Wörns wurden erst gar nicht für den WM-Kader nominiert.

Selbst die Trainer sind heute ein Team, in dem jeder seine Vorzüge zum Nutzen des Ganzen am besten zur Entfaltung bringen soll. So beschreibt Klinsmann seine Position nicht als Teamchef, sondern als Koordinator, der die Arbeit verschiedener Experten zusammenführt. Sein Mannschaftskonzept ist darauf ausgerichtet, jeden Spieler ersetzen zu können. Diese Idee der Gemeinschaft ist letztlich auch der Schlüssel zu den Herzen der Fans, die in schwarz-rot-goldener Einigkeit die junge Nationalmannschaft unterstützen. Beim Fußball ist Deutschland letztlich wieder ganz bei sich angelangt.

Aber nicht in allen Bereichen wird die Kraft der Gemeinschaft erkannt. Josef Ackermann spielt noch immer den Stefan Effenberg unter den deutschen Bankchefs und viele Reformen im Sozialbereich, wie die Förderung der privaten Altersvorsorge, zielen auf die Zerstörung einer moralisch-ökonomischen Gemeinschaft. Es bleibt das Verdienst der Nationalmannschaft, vorgeführt zu haben, dass sich Gemeinschaft und Erfolg, Gefühl und Profit, Zusammengehörigkeit und individuelle Entfaltung nicht ausschließen. Diese WM kann das Land verändern, denn Team Deutschland zeigt uns einen Weg in die Zukunft.


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00:00 07.07.2006

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