Teamworx à trois

Event-Event Vor zehn Jahren ist Nico Hofmann vom Regisseur zum Produzenten geworden. Das hat den Fernsehfilm verändert

In dem vergessenen Fernsehkrimi Der Tod kam als Freund aus dem Jahr 1991 stößt ein Privatdetektiv in Ludwigshafen auf Spuren eines Verbrechens, die in die Nazizeit führen. Die war damals noch so nahe, dass Respektspersonen jener Jahre ihr Berufsleben in dieser begonnen haben konnten. Diese Zusammenhänge vermitteln dem Publikum schwarzweiße Rückblenden; die Hauptfiguren - gespielt von den inzwischen verstorbenen Martin Benrath und Werner Kreindl - wurden als junge Männer verkörpert von zwei damals unbekannten Darstellern: Sebastian Koch und Heino Ferch.

Zehn Jahre später spielten beide gemeinsam im Mauerflucht-Zweiteiler Der Tunnel (Sat.1, 2001). Seither stehen sie exemplarisch für das dramatisch dröhnende, clever kalkulierte "Fernseh-Event". Ferch arbeitete sich in Die Luftbrücke (Sat.1, 2005) und Die Mauer - Berlin ´61 (ARD, 2006) an der deutschen Teilung ab sowie, untypischerweise in einer Nebenrolle, in Das Wunder von Berlin (ZDF, 2008) an deren Überwindung. Koch war der entführte Richard Oetker (Sat.1, 2001) und der Fernseh-Stauffenberg (ARD, 2004); außerdem hatte er die Ehre, in einem internen Unternehmensfilm den Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn zu verkörpern.

Alle diese Filme entstammen der Bertelsmann-Produktionsfirma Teamworx, die Nico Hofmann, Regisseur des eingangs erwähnten Krimis, vor zehn Jahren gegründet hat. Inzwischen sieht sich das Unternehmen als "europaweiter Marktführer im Bereich Event-Produktionen". Zumindest hat Hofmann, der gern von "deutschen Heldengeschichten" redet, die deutsche Fernsehlandschaft durch Eventisierung umgepflügt. So wie das Fernsehen sich alles aneignet, was ihm wichtig erscheint, indem es darüber in Talkshows spricht, kann sich jeder Sender alles, was in der Vergangenheit passiert ist (oder nach im weiteren Sinne wissenschaftlichen Auskünften aktuell passieren könnte), mit heutigen Hauptfiguren in gängigen dramaturgischen Konstellationen erzählen lassen. Gern verbinden sich beide Reflexe: Dann sitzt Veronica Ferres, die für die ARD als "Die Frau vom Checkpoint Charlie" auftrat, in dieser Rolle auch in der folgenden Anne-Will-Show. Der Zweiteiler wurde nicht von Teamworx produziert, sondern von einer Bertelsmann-Schwesterfirma; inzwischen schöpft eine Vielzahl von Firmen aus dem gleichen Reservoir an Stoffen und Schauspielern Events wie Wir sind das Volk (Sat.1, 2008) und Der Mauerfall (ARD, 2009).

In Gang gesetzt hat Hofmann, Jahrgang 1959, die Entwicklung durch einen ziemlich singulären Schritt. Vor zehn Jahren wechselte der vielfach prämierte Regisseur aus dem Regie- ins Produzentengeschäft; wie vor ihm nur Alexander Kluge, in seinem Segment ähnlich geschäftstüchtig. Fernsehregisseure mit Prestige und eigenen Handschriften sind außer Dominik Graf derweil verschwunden. Die halbwegs bekannten drehen Krimi um Krimi und beklagen mitunter geschwundene künstlerische Spielräume. Die liegen, wie im amerikanischen Filmstudio-System, bei den Geldgebern, den Sender und Produzenten. Und da zählt Hofmanns Handschrift zu den wirkmächtigsten. Sie ist unschwer zu erkennen an Hauptfiguren und deren Darstellern, bei der üppigen musikalische Untermalung (symphonisch säuselnd fürs ZDF, als aggressives Sounddesign bei RTL) und in der melodramatischen Machart.

Die Rezepte werden in beispielhafter Transparenz offengelegt. In einem derzeit in Südafrika entstehenden ZDF-Zweiteiler geht Veronica Ferres als Tochter eines "renommierten Walforschers" dessen ungeklärtem Unfalltod nach und deckt einen Umweltskandal auf: "Annas Kampf um den Erhalt der Wale wird dabei auch zum Kampf um ihre Familie", so die Pressemitteilung. Alles verstärkt einander, auf dass starker Eindruck entsteht. So funktioniert verdichtete Fernsehdramatik.

Legendär ist die Chuzpe, mit der Teamworx in der Saison 2005/06 binnen vier Monaten drei rivalisierenden Sendern (Sat.1, RTL, ZDF) jeweils einen Zweiteiler um Ereignisse aus zwei Jahrzehnten deutscher Zeitgeschichte lieferte, in denen immer eine Frau zwischen zwei Männern stand (Die Luftbrücke, Die Sturmflut, Dresden). In Interviews sprach Hofmann von Casablanca, wo es ähnlich herging, was Epos, kraftvolle Grundstruktur und melodramatische Fallhöhe betraf. Die seien nötig, um Zuschauer in ausreichend großer Anzahl auch mit zum Beispiel politischen Inhalten konfrontieren zu können.

Aus der Eventisierung folgt die angebliche Notwendigkeit, mit Brimborium zu umgeben, was Zuschauer sonst nicht sehen wollen könnten. Das erfordern schon die hohen Kosten. In der gleichen Logik lässt sich vom lediglich normal teuren Alltagsprogramm Mut ohne Brimborium auch nicht mehr erwarten. Stattdessen begegnet man der so funktionalen "Casablanca"-Matrix immer selbstverständlicher. Etwa in Dokumentationen über Historisches, die mit ähnlichen Mitteln und noch mehr Filmmusik arbeiten: Wenn das ZDF in seiner Reihe Die Deutschen ausgewählte Exemplare von überforderten Laiendarsteller verkörpern lässt, dann in besonders emotionalen Momenten. Noch schlimmer, das Rezept penetriert auch die wenigen der wöchentlichen Fernsehfilme ohne expliziten Ereignis-Charakter, die nicht von vornherein standardisiert als Krimi oder Schmonzette angelegt sind. Alles will Ereignis sein.

Es liegt in der Natur der Events, oder wie Sat.1 sagen würde: Event-Events, dass ihre steigende Zahl auf den Ereignischarakter jedes weiteren Beitrags drückt. Natürlich wird fieberhaft an inhaltlichen Variationen gearbeitet, die neuerdings in naturwissenschaftliche Gefilde führen, zu Walen, Vulkanen und Klimawandel. Und natürlich würden Events nicht funktionieren, wenn sie alle Erwartungen, auch die bösen, nicht gelegentlich formal übertreffen würden.

Am kommenden Sonntag läuft im ARD-Programm das nächste: Mogadischu erzählt die Entführung der "Landshut" anno 1977 nicht als Zwei-, nur als Einteiler nach. Angereichert um eine Dokumentation sowie eine Talkshow zwischendrin wird dennoch ein über dreistündiger Themenabend daraus. Die melodramatische Klammer bleibt elegante Andeutung: Nadja Uhl, die Krankenschwester aus Die Sturmflut, lehnt am Morgen des Tages, an dem sie als Stewardess in den Flieger steigt, einen schlampig vorgebrachten Heiratsantrag vorläufig ab. Das soll ihr Freund nochmal besser machen. Die Entführung kommt dazwischen.

Am Rande der Handlung geht Drehbuchautor Maurice Philip Remy in wenigen Szenen seiner These nach, dass der KGB die palästinensischen Flugzeugentführer angestiftet habe. Im Flieger selbst entwickelt sich um den Piloten Jürgen Schumann (Hollywood-Schauspieler Thomas Kretschmann) eine Hofmann´sche deutsche Heldengeschichte. Als Gegengewicht wurde als Chef der Entführer noch ein supporting actor aus Hollywood engagiert: der Franzose Saïd Taghmaoui. Das verbessert die Exportierbarkeit, mit der Hofmann immer deutsche Journalisten beeindruckt, und führt dazu, dass die Entführer im Film keine Knallchargen sind.

In besseren Fällen, zu denen Mogadischu zählt, argumentieren ausdifferenzierte Spielfilme solider als die begleitende Dokumentation. Das nächste Teamworx-Event folgt allerdings schon zwei Wochen später und ist fürchterlich misslungen: Veronica Ferres als Die Patin auf RTL, eine nichtsahnende Hausfrau, die überraschend die mafiösen Geschäfte des verhafteten Gatten führen muss.

Zehn Jahre Teamworx bedeutet also vor allem: Es wäre höchste Zeit, den Ansatz eines Erzählens wiederzufinden, das gerade nicht Event sein will. Ereignen könnte sich natürlich trotzdem etwas.

00:00 27.11.2008

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