Techies für das Grundeinkommen

Tal der Träumer Ist die Automatisierung aus dem Silicon Valley Gefahr oder Chance für unsere Zukunft?
Manuel Ebert | Ausgabe 25/2016 5
Techies für das Grundeinkommen
Schöne bunte Welt
Foto: David McNew/Newsmakers/Getty Images

Van Gogh sähe neben den psychedelischen Fraktalmustern in San Franciscos Kunstgalerie Gray Area wie ein biederer Realist aus. Eigentlich erwarte ich hier ein Amalgam aus Alt-Hippies mit Seidenschals und jungen Künstlern, die noch zu viel LSD vom letzten Burning-Man-Festival übrig haben. Doch die Unterhaltungen zwischen den schweren Rahmen passen nicht ins Bild: „Hast du gehört, dass mein Kumpel Dave sein Start-up an Salesforce verkauft hat, für 30 Millionen Dollar?“ – „Nee, was macht er denn jetzt?“ – „Na, ein neues Start-up. Was mit Sharing Economy.“

Wenn das eher nach Ritalin als nach LSD klingt, dann liegt das daran, dass ein Computer die Kunstwerke dieser Ausstellung gemalt hat. Google versteigerte an dem Abend das Lebenswerk seiner künstlichen Intelligenz „DeepDream“ für bis zu 8.000 Dollar pro Gemälde und spendete den Erlös einer Kunststiftung. Bravo, Google. Nach Taxifahrern werden also auch hungernde Künstler wegautomatisiert.

Haben Sie mal versucht, ein Gespräch mit Siri anzufangen? Neulich bat ich Siri darum, meiner Freundin zu schreiben, dass ich erst spät von der Arbeit nach Hause kommen würde. Ohne mit ihrer elektronischen Wimper zu zucken, fragte Siri, durch den Lautsprecher im ganzen Büro hörbar, welche „Freundin“ ich denn meinte. Anstand ist wohl nicht einprogrammiert.

An Siri sieht man schnell dass künstliche Intelligenz von Nerds nach ihrem Ebenbild erschaffen wurde: Unschlagbar im Schach, allwissend und dediziert bei jeder Aufgabe, die wir ihr geben. Aber nicht in der Lage, für mehr als zwei Minuten eine vernünftige Unterhaltung zu führen.

Vielleicht dauert es ja gar nicht mehr so lange, bis die Roboter uns die Jobs wegnehmen. Manch ein Ökonom erklärt, dass zuerst Fabrikarbeiter, Lkw-Fahrer, und andere Jobs mit geringen Ausbildungsanforderungen dran sind. In Wirklichkeit jedoch werden auch immer mehr Aufgaben von Radiologen, Bankangestellten, Steuerberatern und Anwälten von Computern ausgeführt. Die Computer sind offenbar halt doch ganz gut darin, auf Bilder zu gucken sowie schlicht und monoton Formulare auszufüllen.

Es ist natürlich einfach, die Tech-Riesen dafür zu hassen. Aber auf der anderen Seite ist Kunst ja erst möglich geworden, weil Technologie die Menschen produktiver gemacht hat. Um 1900 herum hat noch fast die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft gearbeitet. Heute sind es weniger als zwei Prozent, aber jeder Landwirt produziert mehr als 30-mal so viele Lebensmittel wie damals, sodass sich mehr Menschen denn je im Büro Katzen-Videos auf Youtube ansehen können, statt für ihr nacktes Überleben arbeiten zu müssen.

Tatsächlich ist die Mehrheit der Techies in Silicon Valley für ein bedingungsloses Grundeinkommen und glaubt daran, dass zunehmende Automatisierung die ökonomische Voraussetzung dafür ist. Und vielleicht brauchen wir die digitalen Giganten eben doch, um Fakten zu schaffen. Ohne den kommerziellen Erfolg Teslas etwa hätte Norwegens ehrgeiziger Plan, ab 2025 nur noch Elektroautos zuzulassen, wohl nicht so viele Fans gefunden.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco. Seit Oktober 2015 schreibt er im Freitag-Wirtschaftsteil die Kolumne Tal der Träumer

06:00 06.07.2016

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