"Teile des Finanzmarktes einfach schließen"

Im Gespräch Der britische Wirtschaftshistoriker Lord Robert Skidelsky hält einen Europäischen Währungsfonds für ebenso notwendig wie eine EU-Wirtschaftsregierung

Der Freitag: Was wären wichtige Instrumente, um mit der Finanzkrise kurzfristig fertig zu werden und auf längere Sicht mit nötigen Reformen zu beginnen?

Lord Skidelsky:

Wir können für Jahre nicht wirklich mit Erholung rechnen, sondern müssen mit hohen Staatsschulden und einer Reihe neuer Einbrüche leben – eine düstere Aussicht. Ich weiß nicht, wie wir da herauskommen sollten, wenn wir nicht etwas tun, das für mich im Moment unvorstellbar ist. Nämlich, dass die Regierungen weitgehend die Kontrolle über die Wirtschaft übernehmen und die Ausgaben steuern.

Radikale Neokeynesianer wie Paul Krugman und Joseph Stiglitz kritisieren schließlich, dass selbst das große US-Konjunkturprogramm viel zu klein ausgefallen sei. Während die Konservativen in Großbritannien die Auffassung der deutschen Regierung teilen und eine Schuldenbremse einführen wollen. Mit anderen Worten: Der Konflikt um den Weg aus dem Abgrund ist noch nicht einmal entschieden, von einer Debatte über notwendige Reformen ganz zu schweigen. Es ist eben sehr viel einfacher, gar nicht erst in den Abgrund zu stürzen, als sich wieder daraus zu befreien.

Ist jetzt die Deflationsgefahr durch ein frühes Sparen größer als die Gefahr, die durch die Staatsverschuldung eintritt?

Bezogen auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist Deflations­gefahr zweifellos das größere Übel. Aber die Finanzmärkte, besonders die für Staatsobligationen, sehen das anders. Tatsächlich müsste man – sollten Programme zur wirtschaftlichen Erholung in nennenswertem Umfang aufgelegt werden – große Teile der Finanzmärkte einfach schließen, Kapitalflucht verhindern und Spekulation auf Währungen ausschließen.

Alternativlose Schritte?

Die Alternativen wären eine dürftige Erholung auf Jahre hinaus, minimale Wachstumsraten, die ständige Gefahr weiterer Zusammenbrüche und die Abhängigkeit von der Stimmung auf den Finanzmärkten. Die werden sich immer wieder gegen die Regierungen stellen. Selbst wenn deren Politik der Realwirtschaft objektiv zugute kommt, werden sie eine Kehrt­wende erzwingen. Sie müssen nur die Zinsen für Staatsverschreibungen erhöhen oder Währungen unter Druck setzen. Die Eurozone erlebt das gerade.

Kann man den Euro noch retten?

Was mich zunächst einmal als Wirtschaftshistoriker beeindruckt, ist eine auffallende historische Parallele. Die Weltwirtschaftskrise begann 1929, aber die internationale Finanzkrise kam erst zwei Jahre später, als der Goldstandard zusammenbrach. Auch jetzt hat es seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 zwei Jahre gedauert, bis wir mit einer Krise des Währungssystems konfrontiert wurden. Sie könnte wirklich zu einer Zersplitterung der Eurozone führen. Wenn einige Länder zur Aufgabe des Euro gezwungen wären, gäbe es andererseits vielleicht eine Chance, den dann kleineren Wirtschaftsraum einer effektiveren gemeinsamen Wirtschaftspolitik zu unterwerfen. Was dann aber droht, ist jener Währungskrieg, der bereits die dreißiger Jahre überschattet hat und bei dem sich verschiedene Währungen einen erbarmungslosen Unterbietungswettbewerb lieferten. Wenn das Währungssystem zusammenbricht, wird auch die Versuchung des Protektionismus übermächtig. Ich würde den Zusammenbruch der Euro-Zone sehr bedauern, aber sie ist auf wackeligen Fundamenten aufgebaut. Bei der ersten großen Krise zeigt sich, sie verfügt nicht über zentrale Steuerungsinstrumente.

Sollte auf diese Krise mit einer Art von wirtschaftlicher Governance für Europa reagiert werden?

Erstens gibt es keinen politischen Willen dazu, zweitens würde eine gemeinschaftliche Wirtschafts- und Finanzpolitik eine sehr viel strengere Kontrolle der jeweiligen nationalen Politik in den Mitgliedsstaaten voraussetzen, als man das bisher akzeptieren wollte. Im Grunde setzt eine europäische Wirtschaftspolitik eine echte europäische Innenpolitik voraus. Das bedeutet, dass dann weit mehr als nur ein Prozent des Steuer­aufkommens dafür zur Verfügung stehen müsste.

Mit welcher Konsequenz?

Die Haushaltspolitik der Mitgliedsländer wäre dann einer strengeren politischen Kontrolle auf der europäischen Ebene unterworfen, wobei die europäischen Wirtschaftsinstitutionen ihrerseits der demokratischen Kontrolle durch die europäischen Wähler unterworfen sein müssten. Davon sind wir weit entfernt.

Zwar wurde der Fortschritt der Integration in Europa meist durch Krisen vorangetrieben, aber im Moment sehe ich keine politische Bereitschaft dazu. Obwohl Finanzminister Schäuble zur Schaffung eines Europäischen Währungsfonds aufgerufen hat. Was sicher ein guter Vorschlag ist. Aber er geht davon aus, dass die Kredite, die diese Institution vergeben könnte, an äußerst harte Bedingungen geknüpft sind. Wäre ein Land nicht bereit, sie zu akzeptieren, müsste es auf irgendeine Weise aus der Eurozone verstoßen werden. Ich weiß nicht, ob das mehrheitsfähig ist. Sicher ist, dass weder die griechische Herausf­orderung noch die Krisen Spaniens und Portugals wirklich hinter uns liegen.

Ist es nicht unglaublich, dass die gleiche Finanzindustrie, die vor Monaten noch mit großen Rettungsaktionen vor dem Kollaps bewahrt werden musste, nun die Regierungen Griechenlands und anderer EU-Staaten zwingt, Zinsen von 10 bis 15 Prozent für ihre Staatsverschuldungen zu bezahlen?

Moralisch ist das verwerflich. Aber es entspricht der Logik der Finanzmärkte. Wenn Märkte von etwas überzeugt sind, werden sie auf der Grundlage dieser Überzeugung auch handeln. Das bedeutet übrigens nicht, dass diese Überzeugung auf objektiven Tatsachen beruht. Die Finanzmärkte haben sich gründlich geirrt, was die Nachhaltigkeit des Immobilienbooms betrifft. Alan Greenspan* hat davon gesprochen, dass die Märkte weltweit das Risiko als zu gering eingestuft und aufs falsche Pferd gesetzt hätten. Jetzt irren sie sich möglicherweise wieder, weil sie das Risiko absichtlich oder unabsichtlich viel zu hoch einschätzen. Private Rating-Agenturen haben stillschweigende hoheitliche Aufgaben über­nommen. Das kann nicht gut gehen. Sobald man Finanzmärkte mit einer derartigen Macht ausstattet, endet man als ihr Erfüllungsgehilfe. Wir erleben einen eklatanten Missbrauch finanzieller Macht. Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus eine Chance hat, wenn die Finanzmärkte diese Macht behalten.

Das Gespräch führte Stefan Fuchs

Der britische Wirtschaftshistoriker Lord Robert Skidelsky (71) wurde vor allem durch eine über Jahrzehnte geschriebene dreibändige Keynes-Biografie bekannt, die internationale Preise erhielt und im Jahr 2000 zur Erhebung in den Adelsstand führte. Skidelsky gehörte einst zur Labour Party, schloss sich dann aber 1992 als Mitglied des Oberhauses den Konservativen an, zu denen er im Jahr 2001 wieder auf Abstand ging.


*Alan Greenspan war von 1987 bis 2006 Chef der US-Notenbank. Eine Langfassung des Gesprächs wurde vom Deutschlandfunk ausgestrahlt

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14:00 03.06.2010

Ausgabe 39/2020

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