Teilen, nicht herrschen

Galerie Wem gehört Kunst? Das fragt eine neue Ausstellung in Leipzig – und antwortet mit farbenfrohen Werken

Ist Arbeit am Ende? Oder nur unsichtbar? Noch bevor die Corona-Pandemie Homeoffice, digitale Konferenzteilnahmen und durch Zoom-Meetings huschende, potenzielle Infektionsgruppenmitglieder normalisierte, vereinte die Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) in Leipzig vor einem Jahr unter dem Titel Am Ende diese Arbeit Neuerwerbungen, Leihgaben und Sammlungsbestände aus drei Jahrzehnten. Zentral war die Installation BEYOND II von Till Exit: Eine echte Kettenzuggarderobe, dank derer mehrere Dutzend Mitarbeiter:innen ihre Kleidung platzsparend in die Höhe ziehen können, statt sie gehäuft an Haken zu hängen. Der Künstler fand sie im Dornröschenschlaf auf dem Leipziger Schlachthof, der 1991 geschlossen wurde. Selbst Kleidungsstücke hingen noch daran.

Aus Seidenpapier geschnittene Jacken und Hosen stehen für die Verletzlichkeit des Einzelnen, für die zweite Haut, die Identifikation mit dem, was wir tun. Ein starkes Bild für die tiefgreifenden Narben, die die Wiedervereinigung hinterlassen hat. Obwohl bereits 1996 angekauft, wurde die Installation erstmals in der Galerie ausgestellt – eine Zwischendecke musste entfernt und eine tragende Konstruktion in den Altbau gefügt werden. Ein Aufwand, der im Sinne der Nachhaltigkeit rechtfertigt, dass sie aufgrund pandemiebedingter Schließungen auch jetzt, ein Jahr später, noch zentraler Teil der neuen Sammlungspräsentation des Hauses ist.

Vom Haben und Teilen – Wem gehört die Sammlung? steht nun über den jüngsten Neuerwerbungen. Die Frage nach Besitz und Eigentum in Hinblick auf Kunst zu stellen, ist interessant. Die Antworten darauf mehr als komplex: Wer ein Kunstwerk kauft, darf entscheiden, wo und wie es präsentiert wird. Die Idee gehört weiterhin der Person, die sie künstlerisch ausformuliert hat – wobei künstlerische Arbeit immer auch im Austausch mit anderen entsteht und maßgeblich dadurch geprägt ist, wer über welches Wissen und welche Ressourcen verfügt. Was passiert, wenn Kunstwerke in den Besitz von Museen gelangen? Wie verändern sich Bedeutung und (Markt)Wert? Wem gehören die Bestände einer öffentlichen Sammlung, Stichwort Enteignung und Raubkunst? Es sind große Themen, die der Ankündigungstext aufwirft. Ihre Verhandlung leistet die Präsentation nur bedingt.

Anna Haifisch liefert gegenüber dem Kassentresen eine ironisch-humorvolle Antwort: Lebensgroße Figuren, die alle ein wenig an Donald Duck erinnern, bestaunen ein wurmartiges Wesen, das hinter einer Glaswand auf dem Boden liegt, gefilmt von einer Handykamera. „This is so real!“, „Sooo contemporary“, steht in den Sprechblasen. Auf den zweiten Blick ist das Gesicht des Schweizer Super-Kuratoren Hans Ulrich Obrist zu erkennen. Wer blickt hier auf wen?

Hinter der Jalousie

Die ausgestellten Bilder, Installationen, Filme und Objekte werden von Helmut und Johanna Kandls Recherchen zu Materialien der Malerei zusammengehalten. Das Paar geht ihnen buchstäblich auf den Grund, untersucht Terpentin, Gummi arabicum, Mastix, Perlleim und Leinöl auf Stofflichkeit und Herstellung und reist an die Orte, wo sie gewonnen und verarbeitet werden. Das Interesse hat auch biografische Gründe: Johanna Kandl verbrachte als Kind viel Zeit in der Farbenhandlung ihrer Eltern. Unweit davon befindet sich heute ihr Wiener Atelier.

Gleich einem Leitsystem sind Tür- und Fensterrahmen der Villa der GfZK in verschiedenen Farben gehalten. Wandtexte informieren etwa über Lein, seit Jahrhunderten das wichtigste Bindemittel für Ölfarben, dessen Verwendung als Leinwand die Malerei revoltierte – großformatige Gemälde konnten nun kostengünstig gefertigt und transportiert werden. Kandls an Illustrationen aus Welterklärbüchern der DDR erinnernde Leinwände ziehen sich ebenfalls durch die gesamte Schau, thematisieren Menschen, Handelsbeziehungen und Kolonialisierung, die in die Produktion von Kunst eingeschrieben sind.

Seit Bestehen der GfZK ist es ihr ein Anliegen, lokale Themen im Zusammenhang mit globalen Entwicklungen zu bearbeiten. Anlässlich der Ausstellung hat sich Kandl mit der Geschichte der Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Villa auseinandergesetzt. Bauherr Hermann Credner (1841–1913) war ein bedeutender Geologe und kartierte die Region Sachsen. Gesteinsproben aus seiner geologischen Sammlung sind nun in sein einstiges Wohnhaus zurückgekehrt.

Stein taucht auch in drei Videos der Kunstfigur Natascha Süder Happelmann wieder auf – sie waren 2019 Teil des von GfZK-Direktorin Franciska Zólyom kuratierten Deutschen Pavillons in Venedig. Ein Körper mit einem steinähnlichen Gebilde auf dem Kopf bleibt vor Ankerzentren stehen, bewegt sich als Tramper durch Italien und steht vor einem Rettungsschiff im Zollhafen des sizilianischen Trapani. Wofür steht der Stein? Für Entmenschlichung? Für versteinerte Köpfe? Oder für die Last, die Geflüchtete auf ihrem Weg in die Festung Europa tragen? Fragen, die auch zwei Jahre nach der Biennale nicht an Aktualität verloren haben. In einem anderen Video von Anna Witt sprechen Kinder über nicht eindeutig zu dekodierende Pressebilder, spekulieren darüber, ob es sich um Obdachlose oder um Menschen handelt, die ihr Land verlassen mussten. Es sind solche Querverbindungen, die die Werke innerhalb der etwas zu groß geratenen Diskursklammer zusammenhalten.

Auf fröhlich gemusterten Sitzbänken von Céline Condorelli können Interessen und Ideen zu den Themen und Werken der Ausstellung notiert werden. Die Ergebnisse werden fortlaufend präsentiert, als Teil der Sammlung, und sollen künftig in die Arbeit der GfZK einfließen. Museen sind dritte Orte des Austauschs, der Inspiration, der Auseinandersetzung mit anderen Menschen und alternativen Lebens- und Denkmodellen. Als solche fehlten sie in den vergangenen Monaten nicht nur den Berufsbesucher:innen.

Bewegliche Objekte der Installationskünstlerin Haegue Yang, Farbflächen aus Stoff und Jalousien, die zwischen sich einen Raum bilden, fragen nach Transparenz und Abgrenzung. Im vergangenen Jahr noch Teil einer Sonderausstellung zu Kunst und Handwerk, scheinen sie nun für den Rückzug ins Private zu stehen, für den individuell verfügbaren Raum. Nicht nur dank FFP2-Maske und den beschlagenen Brillengläsern der Autorin schreibt sich die Pandemie in die Rezeption ein, verbinden sich die Werke mit dem, was wir alle kollektiv und doch je nach Lebenssituation so unterschiedlich erleben. Förmlich spürbar werden nach monatelanger Bildschirm-Rezeption Areale im Gehirn aktiviert, die Größenverhältnisse, Materialien und Oberflächen der Werke aufsaugen. Die Frage, unter welcher thematischen Setzung Kunst gezeigt wird, rückt angesichts steigender Infektionszahlen in den Hintergrund. Dass sie gezeigt wird, real erlebbar in Raum und Zeit, das ist die hoffnungsvolle Botschaft dieser Sammlungspräsentation.

Info

Vom Haben und Teilen – Wem gehört die Sammlung? Galerie für Zeitgenössische Kunst GFZK, Leipzig, bis zum 27. Februar 2022

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 22.05.2021

Kommentare