Tele-Beichten

MEDIENTAGEBUCH Christiansen

Spannende Tage vor dem Fernsehgerät: Bei Christiansen (ARD) tagt seit Wochen der Vorstand der CDU sonntags um 21.45 Uhr live in wechselnder Besetzung. Man kommt kaum nach, sich die Namen derjenigen aus der zweiten oder dritten Reihe zu merken, die sich in der Affäre schnell einen Namen machen wollen, ehe die übrig gebliebenen Pfründe verteilt sind. Wer präsent ist und nicht kneift, scheint Punkte zu machen.

Die Provinzfürsten der Christdemokraten geben sich seit Tagen vor den Kameras zerknirscht und schmücken den Begriff "Aufklärung" mit Superlativen wie "brutalst". Ihren teigigen, von roten Flecken gemusterten Gesichtern sieht man an, dass diese Wortwahl reine Notwehr ist. Sie wissen nicht mehr weiter. Die alten Strategien taugen nicht mehr, und die neuen greifen noch nicht. Die Maske kommt in der Hektik der Ereignisse nicht nach.

Aus den Archiven quillt ihnen die Vergangenheit in der Form alter Werbespots entgegen, in denen Parteifreunde wie Manfred Kanther als Schützer von Recht und Ordnung auftraten. Politische Sprüche müssen nicht auf die Goldwaage gelegt werden, um als gezinkt erkannt zu werden.

Am Dienstag gerät das Warten auf die angekündigte Pressekonferenz von Schäuble im ZDF mindestens so spannend wie eine Übertragung des Biathlon. Während die ARD am Normalprogramm festhält (und diese Katastrophe trägt den Namen Ingo Dubinski), bleibt der Mainzer Sender konsequent in Berlin. Tritt Schäuble zurück? Zweieinhalb Stunden später als erwartet kommt die Antwort. Er bleibt, hat aber wohl die Kohlfreunde endgültig niedergerungen. Seine Freude darüber schimmert auf seinem Gesicht durch die Spuren der tagelangen Anstrengung hindurch.

Zwei Tage später wird die Bundestagsdebatte live übertragen. Schäuble entschuldigt sich, während er sein Taschentuch, das er wohl aus Versehen mit dem Stichwortzettel herausgeholt hatte, in der Innentasche seines Sakkos verstaut. Doch der Eindruck verpufft, als wenig später der Suizid des für Finanzen zuständigen Fraktionsmitarbeiters bekannt wird. Der parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, der die Nachricht mit mausgrauem Gesicht bekannt gibt, schiebt gleich nach, dass nach den bislang bekannten Informationen die Motive der Tat im persönlichen Bereich lägen. Pures Entsetzen steht bei diesen Worten in seinem Gesicht.

Generalsekretärin Angela Merkel wechselt am Wochenende von einem Live-Interview zum nächsten so schnell, dass ihr kein Zapper folgen kann. Am Samstagabend zeigte die Top-Nachricht von heute (ZDF), wie sie in den Fahrstuhl stieg, um sich in den Raum zu begeben, wo ihr Gespräch mit Ruprecht Eser für halb 12 (ZDF) für den nächsten Tag aufgezeichnet wurde. Ahnung eines Versprechens einer möglichen Aussage. Genial.

Die Krise der CDU ist ein Fernsehereignis ohnegleichen. Die Geständnisse erfolgten live (Kohl bei Was nun...? im ZDF, Schäuble bei Farbe bekennen in der ARD), als sei das Fernsehstudio der moderne, säkulare Beichtstuhl. Das hat die schlafenden Hunde zum Jagen getrieben. Es ist, als ob mit einem Male politischer Recherchejournalismus so ausgebrochen wäre wie die Frühjahrsgrippe.

Politikerinterviews kennen nun kritisches Nachfragen. Und die Befragten reagieren nicht mit jener Pampigkeit, die sie einst alle von ihrem großen und sich als übermächtig herausstellenden Vorbild Helmut Kohl gelernt haben. Selbst altgediente TV-Journalisten wie Werner Sonne (WDR/ARD) erleben den zweiten Frühling, so wach und kregel präsentieren sie die neuesten Fakten, aber auch die wildesten Spekulationen.

Gespeist wird ihre Energie von jenem schwarzen Loch, das Kohl mittels der elf Millionen hatte sponsern wollen, läuft am Samstag als heiße Nachricht durch die ARD. Die Tagesthemen zeigen gar die von deutschen und französischen Fernsehjournalisten recherchierte Geschichte zweimal. Einmal die deutsche, dann die französische Version, die sich kaum unterscheiden. Es ist, als wollte sie sagen: Doppelt genäht, hält besser.

Am Sonntag dann machen die ZDF-Nachrichten um 17.00 Uhr mit der Meldung auf, Kohl wolle endlich die Namen preisgeben - allerdings nur vor einem Gremium der höchsten Funktionäre dieses Staates. Noch ehe man sich diese Versammlung (von Johannes Rau bis Egidius Braun) so recht vorstellen kann, kommt in der ARD eine Stunde später das Dementi. Eine simpel gefälschte Fax-Nachricht schaffte es, für eine Stunde die Republik zu verstören.

Am Abend berichtet um 21.45 Uhr eine Extra-Ausgabe der Tagesthemen von der Präsidiumssitzung der CDU, die - wie wir heute wissen - erst weit nach Mitternacht zu Ende gehen wird. Wir erfahren deshalb wenig. Nur: Bernhard Vogel habe die Sitzung kurzfristig verlassen. In der Tat sah man den alten Haudegen das Berliner Gebäude der Bundes-CDU verlassen. Und schwupps saß er wenige Minuten später bei Sabine Christiansen. Schon klingt alles nicht ganz so schlimm. Das Katastrophenmanagement wirkt routiniert. Aber das Spiel geht weiter. Wir schauen zu.

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00:00 28.01.2000

Ausgabe 42/2021

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