Telefon ins Jenseits

Verzauberung Drei neue Bücher über Opern gehen der Attraktion nach, die von einer alten Kunstform ausgeht

Kein Buch über Opern kommt ohne Oskar Bies schwer strapazierten Gemeinplatz vom "unmöglichen Kunstwerk" aus: Ihre "Unmöglichkeit" eben ist es ja, die dazu führt, dass man über das musikalische Theater und sein auf vielfältige Weise immer neu himmlisches Scheitern am Konzept "Gesamtkunstwerk" so viele Worte machen kann. Auch der zuerst 1989 erschienene Opernführer, den Attila Csampai und Dietmar Holland herausgegeben haben, lässt den Topos nicht aus, weitet ihn aber kritisch-produktiv auf sein eigentlich unmögliches Genre selbst: "Der Opernführer verdankt sein Existenzrecht dem bereits entfremdeten und hoffnungslos reduzierten Theaterverständnis des ›normalen‹ Opernbesuchers, der im Grunde ein glänzendes Fest der Stimmen in prächtigen Kostümen und in repräsentativer Atmosphäre erleben will." So sprach man damals, und noch in der jetzt vom Wissenschaftsverlag Rombach betreuten, erheblich erweiterten Neuausgabe weht es einen erst einmal ein wenig adornitisch an.

Die kritische Praxis kommt dann aber der Sache durchaus zugute: Auf meist erstaunlich lesbare Zusammenfassungen der Handlung folgen nämlich Kommentare der inzwischen mehr als zwanzig Autoren, die nicht nur Interpretationsfragen anreißen, sondern eine Haltung erkennen lassen. Das funktioniert, im Sinne der Vermittlung, meist besser als der übliche Handbuchstil, der objektive Wahrheiten ex cathedra verkündet, nur gelegentlich nervt Launigkeit.

Dass auch bei einem Ziegel von 1.600 Seiten Wichtiges fehlt, ist unvermeidlich, aber auch eine Folge der Entscheidung der Herausgeber, das Einzelwerk halbwegs ausführlich zu bedenken. Heißt: Henzes Elegie ist drin, selbst We come to the River, aber nicht die Bassariden, von Reimann nur Lear, von Vivaldi nur Orlando (der bei Händel fehlt). Netrebkos glamouröse, aber schlecht dirigierte Salzburger Traviata-DVD wird empfohlen, aber Carlos Kleibers Aufnahme nicht. Weit ist das Feld der "weiteren Opernkomponisten", die am Ende noch summarisch vorkommen, undsoweiterundsoweiter. Wer ein solches Unternehmen wagt, muss mit enttäuschten Besserwissern leben. Der perfekte Opernführer ist ein unmögliches Kunstwerk, und der "Csampai/Holland" gehört (neben Ulrich Schreibers mehrbändigem Opernführer für Fortgeschrittene) ohne Zweifel zum Best-Möglichen.

Für die Zonen jenseits der Opernführer, die Leerstellen des Repertoires interessiert sich Jens Malte Fischer. Der Münchener Theaterwissenschaftler nähert sich dem Wunderwerk der Oper von den Rändern her, auch von den Fragwürdigkeiten des "Betriebs". Gleich in der Einleitung seines Aufsatzbandes reflektiert Fischer die aktuellen Bedingungen ihrer Ermöglichung zwischen Kostendruck und Regie-Willkür: Warum, fragt er, hat keine Dramaturgie Doris Dörries fatalen Irrtum verhindert, Verdis Rigoletto in München auf den "Planet der Affen" zu katapultieren? So kämpferisch aber bleibt er nicht.

Das Schwächste an Fischers Buch ist sein allzu glänzender Titel, denn er verspricht zuviel: Vom Wunderwerk der Oper ist da zwar allerdings, aber doch eher punktuell die Rede. Das hat damit zu tun, dass in den meisten Beiträgen eine Lanze für zweifellos zu Unrecht Übersehenes, Missachtetes gebrochen wird: für die doch vorhandenen Qualitäten von Weills Happy End und Pfitzners Armen Heinrich, für Dvoraks Dimitrij und die Zukunftsmusik in Busonis Faust, den verkannten Wagneristen Alberic Magnard, für Meyerbeer und Cherubini und so fort - alles richtig, aber doch erst, wenn man sich über spezifische Wunderwerkerei der Oper schon verständigt hat. Klug rührt Fischer im Material, mal mehr, mal weniger aufschlussreich, mit kompetentem Seitenblick auf das sängerische Element der Oper, doch von den Peripherien stößt er zum Kern der Sache Wunderwerk kaum vor. Ohne den Kontext der Programmhefte und Themenbände, für die die Mehrheit der Stücke konzipiert wurde, stehen sie ein bisschen verloren da.

Der Kern der Sache Oper, das ist für Jean Starobinski klar, ist Zauberei. Les Enchanteresses nannte der heute 87-jährige Professor für französische Literatur in Genf seine späte Studie über jene Wirkmächte der Oper, die unsere arme Vernunft so oft übersteigen; deutsch ist dieser luzide Essayband als Die Zauberinnen zu lesen. Als "Darstellung einer wunderbaren Handlung", zitiert der Artikel Opéra in Diderots und d´Alemberts aufgeklärter Encyclopédie La Bruyère, der die Eigenart des Kunstwerks Oper darin sah, "die Geister, die Augen und Ohren in einer gleich bleibenden Verzauberung zu halten." Hier waren alle Mittel recht, und auch vorhanden, wenn der absolutistische Souverän sich selbst als Opernheld in Szene setzte. Wozu auch der Maschinenzauber gehörte. Schön zeigt Starobinski, wie eindrucksvoll krachend dann bald die Fassadenschlösser und sonstigen Truggebilde zum Einsturz kommen, als Rousseau die Bühne frei räumte für die Momente der wahren Empfindung. Die Reiche der Zauberinnen, der Armidas und Alcinas, müssen untergehen - im Untergang aber singen sie ihre schönsten Lamentos.

Es gibt in Starobinskis Geschichte der Opernzauberkunst kein Kapitel über Wagner, den Nietzsche ja immerhin einen "alten Zauberer" nannte, aber es gibt auch kaum ein Kapitel ohne ihn. Wo wir bei den großen Abgängen der Zauberinnen alter Schule sind, fällt es dem Autor etwa ein, dass ja der junge Kapellmeister in Dresden Glucks Armida dirigiert hat; Jahre danach wird er die Reihe der gefährlichen Frauen um eine späte Schwester verlängern. Auch die hysterische Zauberin Kundry weiß christliche Ritter zu Fall zu bringen, nur eben den reinen Parsifal nicht, und sie kriegt, bei ihrem Untergang, auch keinen schönen Abschiedsgesang mehr zugestanden: Hier wird nur noch, verhältnismäßig lapidar, "entseelt zu Boden" gesunken.

Was auch damit zu tun hat, dass inzwischen der genial schaffende Künstler, erst recht der Gesamtkunstwerker, zur Instanz der Bezauberung geworden ist. Nietzsche sah es deutlich, wie der Musiker selbst zum Orakel wurde, "ein Priester, ja mehr als ein Priester, eine Art Mundstück des ›An-sich‹ der Dinge, ein Telephon ins Jenseits". Und beschimpfte Wagner als "Klingsor aller Klingsors": Dieser Zauberer ist bloß noch Betrüger. Und mit den gefährlichen Frauen wird bald blutig aufgeräumt werden, mit Carmen, Lulu, Salome: "Man töte dieses Weib."

Zu Starobinskis Methode einer "verlebendigenden Lektüre" gehört nicht nur ein einschüchternd weiter Horizont der Stoff- und Ideengeschichte, sondern immer auch der Blick aufs sprechende Detail. Mit gleicher Begeisterung folgt er der genau disponierten Zirkulation der Gegenstände im Figaro, etwa dem komplizierten Weg der Nadel, und wenn die Gärtnerstochter Barbarina ihr "L´ho perduta" singt, dann hört Starobinski dahinter, daneben, darunter eben nicht nur Glucks "J´ai perdue" (mon Euridice nämlich), sondern auch die gleiche Formel in Rousseaus Devin du village. Zum Charme des Buches gehört, dass es nicht die Pointe sucht, nicht mit dem Nachweis von Quellen und Einflüssen zu imponieren sucht; Starobinskis Lektüren erschließen, immerhin: Möglichkeitsräume des Verstehens.

Csampai, Attila/ Holland, Dietmar (Hg.): Opernführer. Neuausgabe. Rombach, Freiburg 2006, 1600 S., 38 EUR

Jens Malte Fischer: Vom Wunderwerk der Oper. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2007,
301 S., 24,90 EUR

Jean Starobinski: Die Zauberinnen. Aus dem Französischen von Horst Günther. Hanser, München 2007, 326 S., 24,90 EUR


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00:00 29.06.2007

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