Tellerwäscher

Kommentiert II Der Spruch, dass jedermann seines Glückes Schmied sei, klingt arg antiquiert. Hält er doch eine bürgerliche Vorstellung aus der Wirtschaftswunderzeit ...

Der Spruch, dass jedermann seines Glückes Schmied sei, klingt arg antiquiert. Hält er doch eine bürgerliche Vorstellung aus der Wirtschaftswunderzeit für wahr, als man von seiner Hände Werk gut leben konnte. Dies gelingt immer weniger Menschen: Allein in den ersten acht Monaten des vergangenen Jahres stieg die Zahl der erwerbstätigen Hartz-IV-Bezieher um 16 Prozent. Fast 1,3 Millionen Arbeitnehmer erhalten am Monatsende sowohl ihren Lohn wie auch Arbeitslosengeld II überwiesen. Wer will noch Fleiß und Ehrgeiz anmahnen, wenn nicht mehr nur Teilzeitjobber, sondern auch Menschen mit einer vollen Stelle des Staates bedürfen? Mit dem Arbeitslosengeld schützt der Staat sie immerhin vor weiterem Abstieg und erkauft sich dafür eine gewisse Loyalität. So lange es keinen Mindestlohn gibt, manifestiert sich eine Gesellschaft, in der die traditionelle bürgerliche Mitte zerbröselt - einige steigen auf, etliche sacken ab. Und was sich die alimentierten Monatslöhner künftig vielleicht erzählen, sind Geschichten, die vom Zufall und nicht mehr vom Glück handeln, wie die vom Tellerwäscher, der zum Millionär wurde.

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