Tennis

A–Z Am 31. August starten die US Open in Flushing Meadows – zwei Wochen voller Schlachten am Abgrund der menschlichen Existenz. Das Lexikon der Woche
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Foto: Timothy A. Clary/AFP/Getty Images

A

Amateur Vermutlich träumen insgeheim alle, die sich jetzt erst durchs Qualifikationsturnier kämpfen müssen, von einem gigantischen Moment. Allerdings dürfte jedem auch klar sein, dass der Über-Giga-Moment, der sich bei den French Open ereignete, kaum zu toppen ist: Am 5. Juni 1989, einen Tag nach dem Massaker auf dem Tian’anmen-Platz, traf der damalige Weltranglistenerste Ivan Lendl im Achtelfinale des Turniers auf den 17-jährigen Michael Chang, die Eltern Einwanderer aus Taiwan. Und obwohl der Teenager zwischendurch vor Krämpfen kaum noch laufen konnte (➝ Übertragung), schaffte er die Sensation. Mit 4:6, 4:6, 6:3, 6:3, 6:3 besiegte er den Favoriten und gewann sogar das Turnier. Einen ähnlich beziehungsreichen Sieg wird es in New York wohl nicht geben. Aber einige Spieler, denen ein großer Erfolgsmoment zu gönnen wäre. Über diejenigen, die sich vor ganz kleinem Publikum auf Nebenplätzen erst qualifizieren müssen, gibt es mit Foot Soldiers of Tennis übrigens einen liebevollen Blog. Elke Wittich

G

Geschichte Schon 1881 fanden die ersten U.S. National Championships statt, die Vorläufer der US Open. Seit 1997 wird das Turnier im Arthur-Ashe-Stadion, der mit über 22.000 Sitzplätzen weltgrößten Tennisanlage, ausgerichtet. Die US Open zählen neben den French und den Australian Open sowie Wimbledon zu den Grand-Slam-Turnieren. Ein Grand Slam, also ein Sieg aller vier Turniere, gelang im Einzel bisher nur sieben Männern und zehn Frauen. Unter ihnen: Fred Perry (1935), Steffi Graf (1988) sowie ihr Mann Andre Agassi (1999). Gespielt werden auch Nightsessions unter Flutlicht (➝ Hölle). Unangenehme Partien, denn Luftfeuchten von mehr als 80 Prozent sind völlig normal. Seit ein paar Jahren werden deshalb zusätzliche Pausen eingelegt, wenn die Wetterbedingungen zu extrem sind. Tobias Maier

H

Hölle Das Stadion. Die Verachtung kommt aus allen Sektoren. Es ist ein Nachtspiel. Rafael Nadal starrt in die New Yorker Schwärze über ihm. Der Fluch des Flutlichts trifft sie alle: Borg, Becker, Seles, Agassi, Federer. Kein anderes Tennisstadion verwandelt Zuschauer bei Nachtspielen zu Tieren und das Kunstlicht zu Feuer. Spott und Buhrufe gehören hier zu einer Kulisse, die aus dem riesigen höhlenartigen Raum steil bis zu den billigen 20-Dollar-Sitzen steigt (➝ Trophäe). Die Fans im Arthur-Ashe-Stadion sind ständig ungeduldig, fordern Drama. Ein Dunstgemisch aus Hamburgern, Bier, Zigaretten und Seifenblasen schwebt über den Spielern. Hitze und Flutlicht verwandelt die Spieler zu Engeln der Hölle.

Serena Williams hat unter diesen Umständen eine Linienrichterin übel beschimpft und bedroht, Pete Sampras seinen Magen entleert und Monica Seles bitterlich geweint. Trotzdem werden solche Emotionen pausenlos verhöhnt, kein Referee kann die Zuschauer daran hindern. Dabei entwickelt jeder Spieler seine eigenen fatalen Strategien, um den Fluch des existenzialistischsten Tennisstadions der Welt zu überwinden. Tom Kummer

I

Irrwitz Als ich vor genau einem Jahr mit dem Institut für Zeitgenossenschaft für unser Buch New York Tennis – Remis ne va plus recherchierte, fuhren wir zum Finalspiel raus an den Ort des Geschehens. Da wir uns – wie echte Journalisten – keine Tickets leisten konnten, wollten wir wenigstens von außen draufschauen. Jedoch, ist man erst einmal an der Station Mets/Willets Point angekommen, wird man per strenger Durchordnung der Bezahlstraße (➝ Preisgeld) zugeführt. Ein langer, auswegloser Brückengang leitet in Richtung Flushing Meadows, das Stadion erscheint am Horizont weit und unerreichbar. Viel Acht wird darauf gegeben, dass an dieser Stelle noch nichts geboten wird: Hier gibt es nichts zu sehen! Irgendwann erfolgt ein effektvoller Sicherheitscheck, den nur passiert, wer 25 Dollar für ein Ground Admission Ticket bezahlt hat. Nun darf der Sportsmann direkt ans Stadion, um dort mit seinem Zehndollarbier in der Hand darauf zu warten, dass die Zuschauer irgendwann wieder herauskommen. Timon Karl Kaleyta

L

Liebe Es gibt eine tiefere Wahrheit im Tennissport. Vor langer Zeit wurde Tennis der weiße Sport genannt. Und vielleicht hat dieses Weiß etwas mit verlorener Unschuld zu tun, mit großen Gefühlen, die wir wiederentdecken können. „Weiße Hemden betonen das Dunkle der Existenz“, sagte einmal vor langer Zeit Schauspieler Sean Penn unter meiner Regie. Ein schöner, rätselhafter Gedanke, der einen abheben lässt. Dabei ist die Schlacht auf dem Centre Court voller existenzieller Abgründe (➝ Übertragung). In seinen intensivsten Momenten ist Tennis ein machtvolles Bild des Lebens – seiner Schönheit, seiner Verletzlichkeit und Verzweiflung, seines unberechenbaren und oft selbstzerstörerischen Muts. Jedes Tennismatch ist eine Geschichte, ein einzigartiges und bis ins Äußerste verdichtetes Drama ohne Worte. Am Ende kennt der Tennisspieler, besser als irgendein anderer Mensch es je von sich weiß, seine körperlichen und psychischen Kräfte. Er weiß, wozu er fähig ist und wozu nicht.

Und die Zuschauer im Tennisstadion sind vielleicht die aufregendsten Voyeure im Sport überhaupt, immer wieder über Stunden von den Kameras eingefangen, um die langen Pausen zwischen den Ballwechseln zu überwinden. Tennis ist unsagbar intim und ein sehr altes Spiel. Ganz im Sinne des Begriffs soll dabei eine Magie zelebriert werden: gelbe Bälle schlagen! Einfach schweben, loslassen, entspannen … Plop! Plop! Plop! Tom Kummer

N

Návratilová, Martina Dass ihr Twitter-Nick lediglich aus ihrem Vornamen besteht, beweist die Internetaffinität der viermaligen US-Open-Gewinnerin, die, als sie ihren Account im Februar 2012 anlegte, vermutlich die erste @Martina dort war (denn Extrawürste für Promis gibt es beim Kurznachrichtendienst nicht).

@Martina zeigt dort, was man eigentlich schon zu ihrer aktiven Zeit wusste, nämlich dass sie auch abseits des Tennisplatzes immens cool ist. Ihre Tweets beschäftigen sich nicht nur mit Sport, nein, Návratilová nutzt das Medium auch gern, um sich mit der US-Waffenlobby und den Republikanern anzulegen, gegen die Todesstrafe zu argumentieren sowie Donald Trump zu dissen. Aber sie verfolgt auch sehr genau, was im Tennissport passiert, gerade vor einigen Tagen twitterte sie zum Fall Nick Kyrgios. Der australische Profi hatte kürzlich während eines Spiels in Montreal unverschämte sexuelle Bemerkungen über die Freundin seines Gegners gemacht, was Návratilová empörte. So ein Benehmen sei auf dem Platz fehl am Platz, twitterte sie. Návratilová galt immer als äußerst faire Spielerin. Elke Wittich

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Preisgeld Kommt man als Dame ins Halbfinale der French Open, hat man 375.000 Dollar sicher. Es würde also reichen, das einmal im Leben zu schaffen, man hätte ausgesorgt. Statt mich jahrelang mit einer schulischen Ausbildung zu quälen, statt mich zu zwingen, auch danach noch an der Uni die Schulbank zu drücken mit vagesten Aussichten auf Erfolg, statt mich nebenbei von Anfang an mit wirklichkeitsfremden Konzepten wie Ehrlichkeit, Nächstenliebe und Fairness zu verderben, hätten meine Eltern mich lieber in eine Tennisakademie stecken sollen.

Schlechter als Boris Becker wäre ich kaum gewesen, der hat ja einfach immer nur so draufgedroschen, als würde er seine Garagentür besiegen wollen, ist manchmal nach den Bällen gehechtet, das macht vermutlich sogar Spaß. Die Osteuropäer haben das früh verstanden, weswegen es so viele russische, weißrussische, tschechische, polnische und jugoslawische Tennisspielerinnen (➝ Amateure) gibt. Aber keine einzige aus Ostdeutschland! Auch hier wollten sie uns nicht und haben uns von Anfang an Steine in den Weg gelegt, sogar heute noch scheuen sie nicht davor zurück, Jahr für Jahr große Regionen Ostdeutschlands mit Wasser zu überfluten, um unsere Tennisplätze zu zerstören. Jochen Schmidt

T

Trophäe Die Frage, wie man die eigene Teilnahme an einem bedeutenden, jedoch flüchtigen Ereignis unvergessen macht, ist eine der großen Herausforderungen des modernen Sportmarketings. Aus Verzweiflung angesichts dieser Aporie sammeln Menschen von jeher Eintrittskarten; allein die Durchnummerierung verleiht dem Dokument eine auratische Qualität. „I was there“ lautet die schlichte, aber eindrückliche Illokution dieser Geste. Während der US Open kann der Besucher im Bereich rund um das Arthur-Ashe-Stadium (➝ Irrwitz) eine Vielzahl an Dingen erwerben, die diese Vergegenwärtigung erleichtern sollen, einzig die Firma Wilson, die seit 1979 den offiziellen Spielball des Turniers stellt, bietet Trophäen mit historischer Zeugenschaft an.

Mitarbeiter dieser Firma scheinen in weiser Voraussicht sämtliche seit 1979 bei den US Open verwendeten Tennisbälle gesammelt und archiviert zu haben, sodass sie diese nun auf den Ballwechsel genau datiert zum Verkauf anbieten können. Vom nicht wettkampfrelevanten Trainingsball aus dem Jahr 2009 (fünf Dollar) bis zu dem Ball, mit dem Federer 2005 mit einem letzten Ass das Finale gegen Agassi gewann (hinter Glas, Preis auf Anfrage). Tilman Ezra Mühlenberg

Ü

Übertragung Auch wer die US Open live in Flushing Meadows erlebt, kann die Erfahrung einer sonderlichen Sportübertragung machen: Nach der Einlasskontrolle werden Schächtelchen verteilt, darin ein Radioempfänger, ein Monokel fürs Ohr. Einohrig, mono und monopolistisch, da nur die Lautstärke einer Frequenz kontrolliert werden kann. Vor allem außerhalb des Stadions ermöglicht der Spielsender den Eindruck des Dabeiseins (➝ Liebe); man schaltet sich akustisch individuell hinzu, in das Arthur Ashe und zur Masse der anderen Ohren. Das Lokalradio schafft einen begrenzten Raum des gleichzeitigen Lauschens, des imaginierenden Schweigens.

Tennis im Radio macht hörbar, was nicht zu hören ist, oder vermittelt nur das geringe Spektrum an Geräuschen, die wenig verraten: das Schlagen der Schläger, das Quietschen der Gummisohlen, das Stöhnen der Spieler, gelegentliche Reaktionen des Publikums. Wer Tennis im Radio hört, der hört vor allem sich selbst beim stummen Vernehmen. Man ahnt wie selten, welch wortlose Macht der stillen Vergemeinschaftung das Radio schon immer auszeichnete. Tennis ist Radio. Martin Schlesinger

Z

Zwölfton Tennis ist Musik, begriff der Erfinder der Zwölftonmusik Arnold Schönberg. Er entwickelte aus dieser Erkenntnis ein abstraktes Zeichensystem, das ein Match quasi atonal transkribieren konnte: die Tennisnotation. Kinetik, Taktik und Fehler, jedes Crescendo, jeder Halbton auf dem Court dokumentiert mit den Mustern der Musik – ein Spiel, das lesbar ist wie ein Liedtext. Während die Spieler in der Musik den Noten folgen, folgt hier die Notation den Spielern. Bisher wurden Tennisstücke nur notiert, nicht aber wieder aufgeführt. Damit ist Schönberg neben anderen tennisliebenden Kompositeuren wie George Gershwin (sein treuer Tennispartner in New York), Claude Debussy (eher ein mittelguter Spieler), Sergei Prokofjew (➝ Preisgeld) und Benjamin Britten (totaler Spielfeldsadist) der einzig wahre Tenniskomponist. Samira El Ouassil

06:00 09.09.2015
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