Wolfgang Wippermann
20.07.2011 | 12:05 22

Terror und Nachspiel

Debatte Der Historikerstreit ist nicht vorbei – er beginnt von Neuem, aber was, bitte schön, hat die Schoah mit den alten Griechen zu tun? Eine Replik auf Egon Flaig

Vor 25 Jahren begann eine geschichtspolitische Kontroverse, die als „Historikerstreit“ bezeichnet worden ist. Ausgelöst wurde sie durch einen Artikel des Historikers Ernst Nolte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In ihm hatte Nolte die folgende, rhetorisch gemeinte Frage gestellt: „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler, eine ‚asiatische‘ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potenzielle oder wirkli­che Opfer einer ‚asiatischen‘ Tat betrachteten? War der Archipel Gulag ursprüng­licher als Auschwitz?“

Noltes Vergleich zwischen dem „Archipel Gulag“ und „Auschwitz“ wurde sofort scharf kritisiert. Der Philosoph Jürgen Habermas warf Nolte in einem Artikel für die Zeit vor, die Singularität des Holocaust geleugnet zu haben. Es gebe keinen kausalen Nexus zwischen den Verbrechen Stalins und denen Hitlers. Verschiedene Publizisten und auch einige Historiker schlossen sich der Habermas’schen Kritik an. Das Megaverbrechen des Holocaust sei einzigartig, und die Vergleiche zwischen Hitler und Stalin seien abzulehnen. All das diene nur der „Normalisierung“ der nationalsozialistischen „Vergangenheit“, die nicht, wie dies Nolte offensichtlich wollte, „vergehen“ dürfe.

Das war vor 25 Jahren. Heute ist oder scheint zumindest alles anders zu sein. Heute redet kaum jemand mehr über die Singularität des Holocaust, worunter übrigens nur der Genozid an den Juden und nicht der an den Sinti und Roma verstanden wurde und immer noch wird. Heute werden überall und von allen möglichen Historikern und Publizisten aufrechnende Vergleiche zwischen Hitler und Stalin und selbst zwischen Hitler und Honecker gezogen, was selbst Nolte nicht eingefallen ist und was dennoch in Teilen der neuen DDR-Forschung geschieht.

Nur eins ist noch nicht vergangen und vorbei. Und das ist die nationalsozialistische „Vergangenheit“. Sie ist nach wie vor eine nicht vergangene Vergangenheit, weil sie nach wie vor auch die Gegenwart prägt und uns daran hindert, beides – die Gegenwart wie die Vergangenheit – zu „normalisieren.“ Das passt einigen nicht in den geschichtspolitischen Kram. Zu ihrem Sprecher hat sich ein in Rostock lehrender Althistoriker gemacht – zumindest möchte er das. Er heißt Egon Flaig und hat am 13. Juli dieses Jahres natürlich in der FAZ und keineswegs natürlich in der renommierten Rubrik „Geisteswissenschaften“ einen Artikel veröffentlicht, in dem er sich vehement für eine „Renormalisierung des Geschichtsbewusstseins“ einsetzt.

Nachtreten

Gemeint ist das „Geschichtsbewusstsein“ der Deutschen. Eines Volkes, dessen „Vergangenheit nicht zwölf Jahre beträgt, sondern ein gutes Jahrtausend.“ Dass man die deutsche Geschichte nicht auf die zwölf Jahre der NS-Diktatur reduzieren darf, ist zwar richtig, derlei wird aber auch von keinem ernst zu nehmenden Historiker gemacht. Falsch ist dagegen die Behauptung Flaigs, dass die deutsche Geschichte „ein gutes Jahrtausend“ umfasst. Die Könige und Kaiser des durch Karl den Großen erneuerten Imperium Romanum waren ebenso wenig Deutsche wie der Häuptling der germanischen Cherusker „Hermann the German“. Das sollte Flaig eigentlich wissen.

Dennoch setzt er noch eins drauf und führt seine deutsche Ahnensuche bis in die Antike fort. Die „Vergangenheit der Deutschen als Teil der europäischen Kultur“ reiche nämlich „mindestens zur griechischen Klassik“ zurück. Wie bitte? Geradezu grotesk wird es, wenn Flaig dann noch bekennt, dass ihm die „athenische Demokratie“ näherstünde und für ihn „bedeutsamer“ sei als die „Schoah“. Was soll das denn? Was hat der Holocaust mit der „athenischen Demokratie“ zu tun? Absolut nichts!

Nun könnte man diese höchst merkwürdigen und zudem schwer verständlichen Tiraden als Stoßseufzer eines zu wenig beachteten und darob etwas frustrierten Althistorikers abtun und mit Missachtung strafen, wenn es sich dabei nicht um einen ziemlich verspäteten Beitrag zum längst beendeten und, wie man deutlich sagen muss: zugunsten Noltes entschiedenen Historikerstreit handeln würde. In der Fußballsprache nennt man so was „Nachtreten“.

Und getreten, ja verbal verprügelt, wird vor allem Jürgen Habermas. Ihm werden „Zitate-Verkrümmungen,“ mangelhafte „Bildung“ und die Anwendung von „journalistischen Tricks (...), die sonst dem Lumpenjournalismus vorbehalten waren“, vorgeworfen. Alles ohne Beweis und ohne Begründung. So geht es nun wirklich nicht.

Noch schlimmer hat es Dan Diner, einen weiteren Beteiligten am Historikerstreit, getroffen. Ihm unterstellt Flaig eine „Sakralisierung der Schoah“ und vergleicht sie mit dem biblischen „Tanz um das goldene Kalb“. Die „quasi-religiöse Sinnstiftung“ der Schoah durch diesen Wissenschaftler, auf dessen jüdische Herkunft übrigens im Subtext verwiesen wird, sei mit „Feind-Erklärungen“ und „moralischen Vernichtungsdrohungen“ seiner deutschen (und wie zu ergänzen wäre: christlichen) Gegner verbunden gewesen. Diner habe eine „Sprache des politischen Terrors“ verwendet.

Flaigs abschließende Bemerkungen über die „pestartige Virulenz der Political Correctness und des Gutmenschentums“ sind unerträglich banal und gehören hier einfach nicht hin. Im „Historikerstreit“ ging es um den Holocaust und seine Deutung. Das hat mit einem ominösen „Gutmenschentum“ nicht das geringste zu tun.

Flaigs Versuch der „Renormalisierung des (deutschen) Geschichtsbewusstseins“ durch Rekurs auf die „griechische Klassik“ ist gescheitert und musste scheitern, weil „Schoah“ und „athenische Demokratie“ auch nichts miteinander gemein haben und das eine nicht durch das andere erklärt oder gar entschuldet werden kann. Die nationalsozialistische ist und bleibt eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist und auch nicht vergehen darf. Man muss sie aufarbeiten. Doch wie?

Die „anderen Opfer“

Einmal, indem die Täter nicht zu Opfern von irgendwelchen, wie Nolte meinte, „asiatischen Taten“ gemacht werden. Zu den Tätern sind zudem keineswegs nur, wie im Historikerstreit geschehen, Hitler und einige wenige hohe Funktionäre seiner Partei, sondern große Teile der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt auch wissenschaftlichen Eliten zu zählen. Opfer waren keineswegs nur die Juden, sondern auch die Sinti und Roma und viele Angehörige der slawischen Völker sowie die Behinderten, „Asozialen“, Homosexuellen und nicht zuletzt, sondern zuerst – wurden sie doch als Erste verfolgt – die Kommunisten. Von diesen, wie sie bezeichnenderweise auch genannt werden, „anderen Opfern“ war im Historikerstreit ebenfalls nicht die Rede.

Während des Historikerstreits war auch immer nur von der nationalsozialistischen Vergangenheit die Rede. Kaum beachtet wurde die faschistische Vergangenheit und Gegenwart bei uns und in unseren Nachbarländern. Faschismus ist nämlich ein generisches, globales und epochenübergreifendes Phänomen. Es hat ihn schon immer gegeben, und es gibt ihn immer noch. Nicht nur in Italien, Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern, sondern weltweit. Nicht nur vor, sondern auch nach 1945.

Dies haben wir vergessen und sollten wir wohl auch bei der während des Historikerstreits betriebenen nationalen Nabelschau vergessen. So gesehen, hat uns der Historikerstreit entpolitisiert. Damit sollte jetzt, 25 Jahre nach seinem Beginn, Schluss sein. Aufarbeitung der Vergangenheit und Bewältigung der Gegenwart, Historisierung und Politisierung sind angesagt.

Der Historiker Wolfgang Wippermann (geb. 1945) wurde von Ernst Nolte habilitiert. Über seinen missratenen Lehrer gibt er Auskunft in dem eben erschienenen Band Singuläres Auschwitz. Ernst Nolte, Jürgen Habermas und 25 Jahre Historikerstreit, hg. von Mathias Brodkorb, Adebor Verlag 2011

Kommentare (22)

hokoerner 22.07.2011 | 10:12

Was soll denn das sein? Eine Replik? Ohne jedes stichhaltige Argument?
Zitat: "Nur eins ist noch nicht vergangen und vorbei. Und das ist die nationalsozialistische „Vergangenheit“. Sie ist nach wie vor eine nicht vergangene Vergangenheit, weil sie nach wie vor auch die Gegenwart prägt und uns daran hindert, beides – die Gegenwart wie die Vergangenheit – zu „normalisieren.“"

Und wo bliebt die Begründung, oder gilt hier das Motto: Beweis durch Behauptung? Inwiefern prägt die NS-Vergangenheit die Gegenwart, außer durch die ständige Beschwörung durch Leute, die ihre liebgewordenen Feindbilder nicht verlieren möchten und ihre vermeintliche moralische Überlegenheit als Repressionselement einzusetzen gewohnt sind?

Und wieso soll die griechische Klassik nicht zur europäischen Kultur und damit auch zur deutschen gehören? Weil wir es nicht wert sind, uns darauf zu berufen? Oder weil man den Wettstreit der Argumente gern zu einem Wettstreit um die höhere Moral (wobei die eigene stets die höchste ist) wandeln möchte? Mit feststehenden Ausgang?

Welche "Aufarbeitung der Vergangenheit" vermißt der Autor angesichts des Dauertrommelfeuers der immer realitätsferneren 68er-Propaganda auf die Nachgeborenen? Und wie soll uns dergleichen helfen, die Probleme der Gegenwart zu bewältigen?

Und wieso behauptet der Autor, Prof. Flaig könne nicht beweisen, daß Herr Habermas Zitate verzerrt und verfälscht hat, wo das doch jeder des Lesens Kundige z. B. bei Emmanuel Geiss nachlesen kann?

So viele Fragen und keinerlei auch nur ansatzweise sinntragende Antworten. 0 Punkte, Herr Wippermann, setzen!

koslowski 22.07.2011 | 20:27

Imanuel, nicht Emmanuel Geiss, Herr Oberlehrer. Behaupten Sie nicht, zu des Lesens Kundigen zu gehören? Aber auf die Details kommt es auch nicht an, solange klar ist, dass die Nachgeborenen sich befreien müssen von der Hegemonie der "68er-Propaganda". Ihr Kommentar zeigt, dass Wippermanns Artikel leider notwendig und seine These plausibel ist, die NS-Vergangenheit sei noch nicht vorbei und die geschichtspolitische Debatte von 1986 noch nicht erledigt.
Vielen Dank, FREITAG, für Wippermanns Artikel.

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Ehemaliger Nutzer 22.07.2011 | 21:46

25 Jahre. Jubiläum. RatzFAZ muss ein Artikelchen in die Zeitung, dahinter immer ein kluger Kopf stecken soll.

und so ging's los, vor 25 Jahren:

„War nicht der ‚Archipel GULag' ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ‚Klassenmord' der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords' der Nationalsozialisten? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit, die nicht vergehen wollte?"
Ernst Nolte, Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte (zuerst in: FAZ, 6.6.1986)

Die Habermas-Replik "Eine Art Schadensabwicklung" in DIE ZEIT, 11.7.1986 Nr. 29

Eine ausführliche Zusammenfassung bietet:

Debatte: Der Historikerstreit
von Klaus Große Kracht

h.yuren 22.07.2011 | 23:23

die historiker, im streit oder nicht, stehen im sold des staates, dessen geschichte sie studieren. wie soll dabei etwas zustande kommen, das über die vernebelte nabelschau hinaus interessant wäre?

wann z.b. fangen diese hystoriker endlich an, über herrschaft zu schreiben? wann über die historisch dokumentierten formen von wahn und gewalt?

wann legen die professörchen der histörchen, bevor sie lauter lautere beweise ins feld führen, ihre ideologischen prämissen auf den tisch?
das wäre doch redlicher, als neue geschichten zu dichten.

koslowski 23.07.2011 | 00:41

Es ist ziemlich absurd, wenn Sie denken, der Historikerstreit von 1986 und seine mögliche Neuauflage 25 Jahre später seien lediglich der Streit beamteter Professoren darüber, wer von ihnen im staatlichen Auftrag die Geschichte plausibler fälsche. Lesen Sie einfach mal die Links von born2bmild.
Im Übrigen gibt es viele historische Untersuchungen zu Geschichte von Herrschaft und Gewalt, und seit den 70er Jahren gehört es zu den Standards wissenschaftlicher Untersuchungen, dass der Autor seine theoretischen und methodischen Prämissen offen legt.

wwalkie 23.07.2011 | 15:29

Der "Gegenstand" als "Beute" von Historikern. Da ist was dran, vielleicht muss es auch so sein. Schließlich lebt er von seiner "Jagd". Wie ein guter Detektiv folgt der Historiker den "Spuren" seines flüchtigen, oft geliebten Objekts (Carlo Ginzburg hat Kluges dazu geschrieben). Er sieht dann überall die "Zeichen" seines Opfers. Und stolz betrachtet er am Ende seine "Strecke", die allerdings tote Beute.

wwalkie 23.07.2011 | 15:51

Ist das Ihr Ernst? Die erwähnten Historiker sind doch schon selber lange Geschichte!

Hans-Ulrich Wehler zitiert in seiner Gesellschaftsgeschichte von Giesebrechts Urteil über das Ottonische Reich, für G. der Höhepunkt deutscher Geschichte, "als der deutsche Mann am meisten in der Welt galt und der deutsche Name den vollsten Klang hatte". Selbst der "borussische Geschichtsideologe" von Sybel fand dessen "Geschichte der deutschen Kaiserzeit" (1855ff) "naiv und anachronistisch" (vergl. Wehler, DGG,3, S. 240).

Über Lamprecht, der in seiner Geschichtsschreibung bekanntlich von den "Großen Männern" weg wollte, was ihm damals (vor über hundert Jahren!) scharfe Kritik seiner Zunft einbrachte, urteilt ein nüchterner Kenner wie Georg G. Iggers: "Lamprechts Werk wurzelte tief im romantischen Verständnis von Morphologie, Volkspsyche und Entwicklungszyklen, die der deutschen Tradition der Geschichtsschreibung nicht fremd waren" (Neue Geschichtswissenschaft, S. 39).

j-ap 23.07.2011 | 16:17

Historiker wissen eben um die alte Jägerweisheit: Den Platzhirsch kann man nur auf seiner Weide stellen.

Deshalb gerinnt die Geschichte unter der Hand von Historikern zur musealen Sammlung, deren kostbarste Preziosen Fakten, Fakten, Fakten sind. Ist die Zeit erst stillgestellt (was sie werden muß, um sie wissenschaftlich unters Mikroskop legen zu können), dann ist Geschichtsphilosophie nichts als Tand, Tand von Menschenhand, der schon deshalb stört, weil die historischen Fakten gefälligst in Reih und Glied anzutreten haben, damit man sie kommandieren kann, was zunächst einmal ihre Verwaltung voraussetzt.

Wenn Historiker die Geschichte inspizieren, dann blickt sie daraus nichts an außer dem Originalitätsbedürfnis des Theoretikers, der sich mit der Sache zu befassen geruht — weshalb sich heute auch kein Mensch mehr erklären kann, wie um Himmels Willen Egon Flaig auf die Idee kommt, man könne die Shoah gegen die attische Demokratie eintauschen. Als hätte es nie einen Gerhart Hauptmann gegeben, der in seiner letzten Veröffentlichung von der Atriden-Tetralogie in den »Untergang Dresdens« sprang.

Magda 23.07.2011 | 17:15

"Inwiefern prägt die NS-Vergangenheit die Gegenwart, außer durch die ständige Beschwörung durch Leute, die ihre liebgewordenen Feindbilder nicht verlieren möchten und ihre vermeintliche moralische Überlegenheit als Repressionselement einzusetzen gewohnt sind?"

Sie prägt sie durch ihre Ungeheuerlichkeit und Einmaligkeit und auch durch ihre trotz aller Erklärungsmodelle immer wieder empfundenen Unbegreiflichkeit.
Wenn es Ihnen nicht so geht, dann sind Sie natürlich "fertig" damit.

chrislow 23.07.2011 | 21:31

Das 1000 jährige Reich hat natürlich einen anderen Ton, wenn man gerade nur die GEschichte kennt, die einem in Schule und Alltag entgegen scheint. Die sei dann nämlich häufig wirklich nur 80 Jahre alt und kennt ein 1000 jähriges Reich, wie es die Nationalsozialisten auch mal nannten - nur galt dieses Reich für die Zukunft... und nicht als das in der Vergangenheit. Also eher unangenehme Verbindung ...

Nur wer über den deutschen Tellerrand des 20. jahrhunderts hinausschauen kann, weil er sich unbeeindruckter beschäftigt, möge eine gewisse territoriale Geschichte erkennen können wollen. Diese geschichte aber geht ganz westeuropa an und nicht nur einem Deutschland. Das würde ich damit erklären, dass sich die Strukturen durch das römische Reich derart haben gebildet, dass eine Art neue Weltordnung in die nord-, mittel- und westeuropäischen Gebiete brachte. Das würde also bedeuten, dass die Römer mehr Anteil an der (polit)kultur einbrachten, als die Griechen der Antike. Wobei man erklären kann, dass schon die Römer aus dem antiken Griechenland erst erstarken und ein derart erfolgreiches Imperium bilden konnten.

Und endlich geht alle Zivilisation Nordeuropas wohl auf die millionen Jahre dauernde Wanderung der Menschen aus Afrika zurück. Und die geschah allermeist über den Flaschenhals des zweistromlandes - dem Nahen Osten. Mich wundert also nicht, dass die christliche, die moslimische und die jüdische Geschichte eben dort beginnt - worauf sich also beinahe alles bedingt, was die moderne Welt derzeit glaubt. Vielleicht sollte man einfach mal etwas relativieren und die Karten auf den Tisch legen. Es sind scheinbar "nur" 2000 Jahre Geschichte der Menschheit, die es zwar in sich haben, aber so ziemlich die einzigen gut dokumentierten zu sein scheinen. Wer will also sagen, was das "unvergleichbarste" Verbrechen aller Zeiten gewesen war? Zu Plakativ und und zu dogmatisch. Auch, wenn die shoa tatsächlich unfassbares Unheil gewesen war.

Würde man sich chinesische Geschichte mal ansehen, täte man auch anders hinsehen und anders staunen.

Ich habe auch die nordamerikanische Geschichte schon mal verglichen. Einen genozid an Ureinwohnern meint scheinbar kaum ein Mensch erkennen zu wollen. Und erst die der Spanier und Portogiesen in mittel und südamerika.

Das muß klar sein: europas geschichte ist voller Gewallt und Brutalität und Unmenschlichkeit. Und europa nahm diese Eigenschaften überall mit hin, wohin es aufbrach. Und täten es die Griechen damals soweit gebracht haben, dass sie die ganze Welt erreichen hätten können, dann täten sie auch einiges an besonderen eigenschaften mitgenommen haben.

Waldemar Maurer 24.07.2011 | 13:21

@ pavel
Jetzt aber bitte nicht den guten Heinrich I. als so eine Art Ur-Nazi [völkisches nation building]darstellen. Das wäre nun absolut auf der falschen Spur. Der letzte fränkische König Konrad I. hat in schwerem Siechtum - auf dem Totenbett liegend - seinen Bruder Eberhard beauftragt, dem Sachsenherzog Heinrich die Königswürde anzutragen. Also von den Franken zu den Sachsen - nix völkisch!!! Zuvor hatten sich die beiden Stämme noch bitter bekämpft. Das Siechtum Konrads hat möglicherweise mit Kampfverletzungen aus diesem Krieg zu tun. Konrad starb 918 im Alter von nur 37 Jahren. Alles in allem eine große Geste des sterbenden Herrschers. Zugunsten der Stabilisierung des Ostfrankenreiches, des embryonalen Deutschlands.
Für den letzten Satzteil krieg ich wieder Haue von euch - oder?

le objet petit a 24.07.2011 | 22:34

Den deutschen Tellerand des 20. Jahrhunderts über den man hinwegschauen soll, den kann ich zumindest nicht verlassen. Mir gegenüber verstellt sich die Sicht für alle Ereignisse vor, und auch nach, 33-45. Wie ein Paravent der Geschichte, durch den man, wenn überhaupt, schattig sieht, steht was zwischen mir und ein "nicht-völkischen" Geschichte des "ersten" und des "zweiten" Reichs.

Zu der Die-Anderen-waren-doch-auch-böse-Logik, die mit dem Hinweis auf die Besiedelung der beiden amerikanischen Kontinente, einhergeht, muss man glaub ich nicht so viele Worte verlieren. Vielleicht nur kurz:
Hier hat sich eine ganze "Nation" darauf verstanden, Juden, Sinti, Asoziale, Behinderte, Homosexuelle, den Status des "Menschen" (und einhergehend auch die Lebensberechtigung) abzuerkenne; dort wurden, nicht unbrutale, Kriege um Ressourcen geführt, zu meist von, im weitesten Sinne, Soldaten.

chrislow 25.07.2011 | 23:54

Deine Soldaten-Theorie überzeugt mich kein bischen.

Vielleicht aber habe ich mich auch etwas verrant - was den deutschen Tellerrand des 20. Jahrhunderts angeht. Denn was auch immer in Europa bewegendes und relevantes abging, dass hat das, was geografisch heute Deutschland ist, mit hineingezogen - oder war eben beteiligt oder gar auslöser - weshalb Geschichte Europas auch fast immer Geschichte von deutschen Landen war. Weswegen bei genauem Hinsehen eben kein deutscher tellerrand besteht.
Dies aber liegt hauptsächlich darin begründet, dass es geografisch gesehen kaum ein Weg um die Gebiete herum ging. Vor allem nicht damals vor aller Industrialisierung. Denn was immer kreuz und Quer durch Europa transportiert wurde, dass war fast gezwungen durch diese Gebiet und seiner Bevölkerung zu gehen. Ein Zeichen dafür, dass es noch heute so ist, täte man in der Tatsache sehen, dass Deutschland das Land mit den Flächenmäßig meisten Autobahnkilometer in Europa (und vielleicht gar in der Welt) ist. Eventuell mag man sich gleichauf mit Holland befinden - wofür aber der Hafen Rotterdam eine Ursache sein dürfte.

Ein solches Transitland war es auch im 18. Jahrhundert schon...und zu anderen Zeiten...

chrislow 26.07.2011 | 00:14

Anders beschrieben und verstanden ... möge man erklären, bundesdeutsche Geschichte fängt eh erst 1949 an - den Nationalsozialismus und dem zweiten Weltkrieg als Ursprungsbedingung. Dann gäb es allerdings doch einen Tellerrand - speziel einen Deutschen.

Das täte aber kaum Geschichte der Demokratiebildung in Europa (Weimarer Republik) und einen Haufen anderer tatsächlich fortschrittlicher und weltbewegender Ereignisse aus Mitteleuropa (und zuletzt Deutschlands) enthalten sein. Die waren dann 1949 einfach da... wie aus dem Nichts.

So scheints zu sein, wenn man durch etwas erheblich nahegehendes traumatisiert wird - wie durch einen krieg überhaupt - und speziel durch den zweiten Weltkrieg. Es ist dann irgendwie alles neu...