Terror und Taktik

Engagement Literaturpolitik in Ungarn nach dem Volksaufstand 1956

Der Einmarsch der sowjetischen Truppen in Budapest im Herbst 1956 bedeutete, dass der Aufstand militärisch niedergeworfen wurde, er zog jedoch keineswegs automatisch den politischen Durchbruch der von János Kádár gegründeten "Arbeiter- und Bauernregierung" nach sich. Sowohl die Arbeiterräte, die erfolgreich Streiks und Demonstrationen organisierten, als auch der Schriftstellerverband leisteten weiterhin Widerstand. Allerdings waren das bereits Rückzugsgefechte: Die Bevölkerung war von den Kämpfen ermüdet und in der zerstörten Hauptstadt verbreitete sich Apathie. Ungefähr 200.000 Ungarn verließen das Land, über Grenzen, die man eigens zu diesem Zweck offen gelassen hat.

Nachdem im Dezember die einflussreichsten Arbeiterführer verhaftet worden waren, ging die neue Regierung zur Offensive gegen die Schriftsteller über. Am 18. Januar 1957 wurde der Verband der ungarischen Schriftsteller durch eine Verordnung des Innenministeriums aufgelöst. Literarische Angelegenheiten wurden bis auf weiteres von einem "Literarischen Rat" verwaltet, der direkt der Regierung unterstellt war.

Ein Teil der Autoren versuchte, eine Art passiven Widerstand zu organisieren. Als im Frühjahr 1957 die ersten neuen Kulturzeitschriften erschienen, wurden diese von zahlreichen, darunter auch prominenten Autoren boykottiert. Diese so genannte "Schweigebewegung" war jedoch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Einerseits gefährdete der "Schriftstellerstreik" die Autoren, die publizieren mussten, weil dies ihre einzige Einkommensquelle war. Andererseits war es der neuen Führung gelungen, durch geschicktes Taktieren ausgerechnet jene "bürgerlichen" Schriftsteller zu gewinnen, die in der Ära Rákosi aus der Öffentlichkeit verbannt worden waren. Die größte Staatsauszeichnung, den Kossuth-Preis, erhielten im März 1957 keine Parteimitglieder, sondern drei früher als "bürgerlich" verfemte Autoren - ein bis dahin beispielloser Fall in der Geschichte der kommunistischen Kulturpolitik.

Als sich die Gemüter einigermaßen beruhigt und die Regierung die Situation unter Kontrolle gebracht hatte, begann der eigentliche Terror. Zehntausende wurden in Gefängnisse und Internierungslager gebracht und politische Prozesse durchgeführt, in deren Rahmen Angeklagte aus allen Bevölkerungsschichten zu schweren Gefängnisstrafen, teilweise zum Tode verurteilt wurden. 1958 fanden in Budapest mehrere "Schriftstellerprozesse" statt, bei denen mit drakonischen Rechtssprüchen die "literarische Rebellion" zwischen 1953 und 1956 geahndet werden sollte.

Erst mit der Wende kamen die erschütternden Dokumente ans Tageslicht, die über den düsteren Kerkeralltag ungarischer Autoren nach 1956 berichten. Eine Sammlung von Briefen enthält unter anderem Gesuche von Ehefrauen, die hofften, auf diese Weise ihren Männern helfen zu können - gewissermaßen ein Stück osteuropäischer Literaturgeschichte, geschrieben von Frauenhand.

So appellierte die Gattin des zu neun Jahren Gefängnis verurteilten Tibor Déry direkt an den sowjetischen Parteichef Chruschtschow während seines offiziellen Besuchs in Ungarn im Dezember 1959: "Eine ungarische Ehefrau bittet Sie, ihren Herzenswunsch anzuhören! Mein Gatte Tibor Déry ist ein 66-jähriger schwerkranker Mann ... Ich weiß nicht, wie schwerwiegend die von ihm begangenen Fehler sind, aber er war vierzig Jahre lang Mitglied der Partei und hat sein ganzes Leben in den Dienst des Kommunismus gestellt. Ich garantiere mit meinem Ehrenwort: Wenn er nach Hause kommt, wird er in seinem ganzen, ihm noch verbleibenden Leben durch Arbeit seine Treue gegenüber der Sache des Kommunismus beweisen! Genosse Chruschtschow, wenn Sie es irgendwie für möglich halten, sagen Sie dem Genossen Kádár ein paar gute Worte ... damit mein Mann nicht als Feind im Gefängnis sterben muss!"

Das Recht zu schreiben war in Kádárs Gefängnissen keine Selbstverständlichkeit, sondern - im Jargon der Strafvollzugsanstalt - "eine Vergünstigung". Déry nützte dieses Privileg, indem er an seiner antistalinistischen Satire Der Herr G. A. in X. arbeitete. Seine Ausnahmebehandlung bis zur Amnestie im Frühjahr 1960 war auf den internationalen Protest gegen seine Einkerkerung zurückzuführen, den unter anderem Camus, Sartre, Maugham und Eliot unterstützten.

Gleichzeitig schrieb Déry aus dem Gefängnis Briefe an seine 90jährige Mutter, in denen er sie beruhigte, und ihr vormachte, er befände sich im westlichen Ausland und sei mit der Verfilmung seiner Erzählungen beschäftigt. Die Behörde ließ sich auf das makabre Spiel ein, was sicher eine besondere "Vergünstigung" war, obwohl die Mutter ihren Sohn nie wieder sehen sollte. Diese Geschichte bildete den Stoff für die Erzählung Liebe sowie den gleichnamigen erfolgreichen Film.

Die Tatsache, dass die Staatsordnung im Oktober 1956, und sei es auch nur für elf Tage, gestürzt werden konnte, zwang die Pragmatiker der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei zu einer für den damaligen Ostblock untypischen Politik. Man praktizierte Terror und man wusste, dass man damit die Probleme langfristig nicht lösen konnte. Peitsche und Zuckerbrot gehörten - auch in der Lenkung des geistigen Lebens - unzertrennlich zusammen.

Die taktische Linie der Partei setzte sich zunächst auf dem Gebiet der Massenkultur durch. Dem parteieigenen Kossuth-Verlag gelang es damals auf recht unorthodoxe Weise aus den roten Zahlen zu kommen. Er veröffentlichte zunächst die Romanserie Tarzan und danach das erste ungarische sexuelle Aufklärungsbuch der Nachkriegszeit. Diese beiden Neuerscheinungen machten durch ihren Erfolg bei den Massen alle Verluste wett, die der Verlag durch die Werke des Marxismus-Leninismus erlitten hatte. Gleichzeitig machte ein anderer Staatsverlag Françoise Sagans Bonjour Tristesse zum Bestseller.

Anders als in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre, forderte die offizielle Sprachregelung keine "Parteilichkeit" von den Autoren, sonder sie verwendete einen sanfteren Begriff, den des "Engagements". Diese Nuance bedeutete, dass der Künstler nicht unbedingt nur kommunistisch, sondern auch schlicht und einfach "fortschrittlich" oder gar "humanistisch" denken durfte. Ein Leitartikel der Wochenschrift Élet és Irodalom beschrieb im Januar 1959 die aktuelle Situation: "Eines der wichtigsten Charakteristika der Enzwicklung unserer Literatur ist ... die Koexistenz die Konkurrenz der sozialistischen und der nichtsozialistischen Strömungen." Allerdings sollte diese Idylle im Fußbett der sozialistisch interpretierten "nationalen Einheit" bleiben: "Wir können jedoch keiner der Strömungen einen selbständigen organisatorischen Rahmen garantieren. Die Garantie eines solchen Rahmens würde nämlich bedeuten, dass sich einzelne Schriftstellergruppen in feindliche politische Gruppen verwandelten." Unter diesen Voraussetzungen genehmigte die Führung des Landes im Herbst 1959 die Neugründung des Schriftstellerverbandes.

Die Amnestien zwischen 1959 und 1963 brachten allen inhaftierten Autoren die Freiheit und verbesserten das literarische Klima. So konnte der Parteichef Kádár im Januar 1963 in einem Interview, das in der französischen KP-Zeitung erschien, mit mehr oder weniger Recht behaupten: "Heute werden alle bedeutenden Autoren in Ungarn veröffentlicht." Obwohl diese Lage weit entfernt von einer Freiheit der Literatur war, erhielten die aus dem Gefängnis entlassenen oder mit Veröffentlichungsverbot belegten Schriftsteller nach und nach die Möglichkeit, ihre Werke zu publizieren. Im Unterschied zum übrigen Osteuropa mussten sie ihre Rückkehr in die Literatur nicht mit geschmackloser öffentlicher Reue erkaufen.

Der Autor schöpfte beim Schreiben dieses Aufsatzes aus eigenen früheren Arbeiten, so aus den Vorträgen an der "fliegenden Universität" im Oktober-November 1978 und dem Buch Vom Propheten zum Produzenten, Wespennest-Essay, Wien, 1992.


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00:00 20.10.2006

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