Terror und Terra

Verwundbare Zivilisation Im "Krieg gegen das Böse" erreicht die Zerstörung der ökologischen Perspektive der Menschheit einen neuen Höhepunkt

Als 1991 die Sowjetunion zerfiel und kurz zuvor der Golfkrieg gegen den Irak stattgefunden hatte, wurde die Vermutung laut, an die Stelle des Ost-West-Konflikts werde nun der zwischen Nord und Süd treten. Das war insofern zweifelhaft, als es in der "Dritten Welt" damals schon zu einer so weitgehenden Differenzierung gekommen war, dass der Begriff selber überholt schien: Die Gegensätze etwa zwischen prosperierenden Schwellenländern in Asien und marginalisierten Zonen in Afrika oder zwischen ölproduzierenden und nicht ölproduzierenden Ländern waren zu groß.
Außerdem schienen die Kriege etwa auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR oder Jugoslawiens zu zeigen, dass es vielleicht überhaupt keinen großen - sozusagen systemischen - Konflikt mehr geben würde, sondern nur viele kleine Kriege und Bürgerkriege - und auf der anderen Seite die Dominanz der USA.
Beide Beobachtungen sind nach wie vor nicht falsch, doch hat sich inzwischen eine Struktur herauskristallisiert: Es geht der Führungsmacht des Nordwestens hauptsächlich um die Sicherung der für ihre verschwenderische Ökonomie notwendigen natürlichen Ressourcen, besonders Öl und Gas. Die Regionen, in denen sie lagern, sind daher der einzig wichtige Teil der Dritten Welt. Dort finden auch viele der kleinen Kriege statt, um deren Regulierung man sich kümmern muss - von dort geht der Terrorismus aus.
Die Ost-West-Polarität wurde also durch den Konflikt mit dem Teil des Südens ersetzt, der dem Nordwesten die wichtigsten natürlichen Lebensgrundlagen bereitstellt, wobei dieser Teil der Menschheit nur zufällig eine besondere Rolle spielt. Wie es beim Ost-West-Konflikt zwar zunächst um Frieden ging, im Grunde aber um gerechte Entwicklung, so steht hinter der Friedensfrage heute die Gefährdung der Schöpfung. Mit anderen Worten: eine weitere Zuspitzung der Menschheitssituation gegenüber der Zeit des Kalten Krieges. Man kann das an der schon seit den siebziger Jahren wachsenden Tendenz erkennen, von der aufgeklärten Vernunft zu einem religiösen Fundamentalismus überzugehen, und zwar nicht nur in der islamischen Welt, sondern auch in der christlichen, zumal in den USA. Denn trotz beträchtlicher inhaltlicher Unterschiede vertreten alle fundamentalistischen Bewegungen eine leibfeindliche Ethik und haben die Hoffnung auf Verbesserung im Diesseits aufgegeben.
Viele in den Industrieländern waren daher schon zur Zeit des Ost-West-Gegensatzes der Auffassung, dass dieser nur wirklich überwunden werden könne, wenn unser Verhältnis zur Natur korrigiert würde, und zwar auf beiden Seiten. Da dies nicht geschehen ist, stattdessen der Krieg gegen die Natur weitergeführt wurde, blieb auch der internationale Frieden weiterhin trügerisch.
Das Traurige an diesem Vorgang ist, dass er wie ein blind-mechanischer Prozess abläuft, obwohl die ökologischen Fragen uns seit Anfang der siebziger Jahre bewusst sind und an ihnen (auch in den USA) so intensiv gearbeitet worden ist, dass ihre Beantwortung zweifellos ohne Bomben möglich ist. Sie ist sogar mit Wohlstandsgewinn und ohne die außerordentlichen moralischen Anstrengungen möglich, die wir zunächst noch für notwendig hielten. "Die Lösungen für die meisten Probleme sind längst da - sie müssen nur umgesetzt werden." (v. Uexkull). Nötig wäre allerdings eine "Effizienzrevolution" (Ernst U. v. Weizsäcker) in der Technik und Wirtschaft, die gegen den Widerstand der traditionellen Industrien durchgesetzt werden müsste.
Man kann sich daher nur wundern über die "Weitsicht" einer Führungsmacht, die diesen Weg, der ihrer Tradition technologischen Pioniergeistes doch genau entspricht, seit Anfang der achtziger Jahre dezidiert nicht eingeschlagen hat. Statt dessen beantwortet sie die ökologische Frage nicht nur in unverantwortlicher, sondern auch in dümmster Weise, nämlich mit einem wahnwitzigen eigenen Energie- und Ressourcenverbrauch, also mit Ineffizienz eigenen Wirtschaftens und überholter ziviler Technik, und mit einem immer raffinierteren Vorgehen, das nur dazu dient, diese Defizite an Innovationskraft durch Gewalt zu ersetzen und anderes menschliches Leben gegebenenfalls zu vernichten. Im "Krieg gegen den Terror" erreicht die Zerstörung der ökologischen Perspektive der Menschheit einen neuen Höhepunkt.
Diese Politik gründet sich offenbar auf die Vorstellung, dass Mensch und Natur ohnehin in einem unüberwindbaren Widerspruch zu einander stehen. Danach bedeutet menschliches Produzieren nun einmal Zerstörung von Natur, während Bewahrung der Natur im Grunde bedeuten würde, das menschliche Leben aufzugeben. Aufgelöst wird das Dilemma dann durch die Formel: Weil die einen sich auf Kosten der Natur entwickelt haben und leben, müssen die anderen eben um der Natur willen auf Entwicklung und Leben verzichten. Damit sind wir aber fast wieder bei der "alten und furchtbaren Wahrheit" aus vorindustriellen Zeiten angelangt, "dass nur Gewalt und Herrschaft über andere einige Menschen frei machen" (Hannah Arendt) können. Aber ist diese Wahrheit nicht durch Technik und Industrie längst überholt? War es nicht die Verheißung des Liberalismus, uns genau von dieser Art der Gewalt zu befreien? Gewiss, nur glaubt jene Politik eben nicht mehr an diese Verheißung, sondern denkt im Grunde fundamentalistisch.
Der Terrorismus andererseits ist der gewaltsame Versuch, sich gegen die beschriebene Rollenzuteilung zu wehren und den Anteil der islamischen Völker an Leben und Entwicklung der Menschheit einzufordern. Ein verzweifelter Versuch, glaubt er doch selber nicht an Leben und Entwicklung, sondern verlegt beide ins Jenseits, denkt ebenfalls fundamentalistisch! Dadurch kann der verzweifelte Kampf endlos weitergehen, da hat Bush Recht. Denn die Chance des Terrorismus liegt ja darin, dass der Nordwesten mit all seiner technischen Überlegenheit, mit all den Wundern der "zweiten" Natur, die er geschaffen hat, immer von der "ersten" Natur abhängig bleibt, was sich am Öl nur besonders massiv zeigt. So kann er den "Krieg gegen den Terror" zwar auch von oben, ohne leibhaftigen Kampf Mann gegen Mann führen, aber abgesehen davon, dass er damit nichts oder das Gegenteil erreichen wird: Wenn er nicht mehr über genug Öl verfügt, dann muss er auf den Boden herunter, in dem es drin steckt und sich doch leibhaftig durchsetzen. Um es mythologisch auszudrücken: Die Stärke des Terrors ist unsere nicht akzeptierte Abhängigkeit von der Erde, was übrigens auch sprachgeschichtlich zutrifft. Er ist sozusagen eine Ausweitung des Schreckens, den die bebende Erde (terra) den übermütigen Menschen immer wieder bereitet. Es ist nur ein anderer Aspekt des gleichen Sachverhalts, dass unsere Zivilisation trotz all ihrer militärischen Überlegenheit verwundbar bleibt - nicht nur in den äußeren Strukturen, auch in der inneren Verfassung.
Indem der islamische Fundamentalismus die Cartesische Methode des Westens bekämpft und sich gegen die "Entzauberung der Welt" wendet, verteidigt er auch implizit die Natur gegen die Selbstherrlichkeit des Menschen. Aber eben nur implizit und ebenfalls ohnmächtig, denn er führt bloß hinter den Stand von Naturerkenntnis und Technik zurück, nicht über ihn hinaus; er beharrt auf einer religiösen Identität, ohne sie fruchtbar zu machen; er bietet keine Alternative, sondern übernimmt einfach die westliche Technik, zumal die militärische.
Weil konstruktive Zivilisationskritik, die seit den siebziger Jahren vernünftige Alternativen entwickelt hat, nicht oder nur symbolisch umgesetzt wurde, kommt es nun zur destruktiven Zivilisationskritik. Da die Waffe der Kritik stumpf geworden ist, herrscht nun die Kritik der Waffen: Eine Schule unserer Angewiesenheit auf die Natur ohne liberale Pädagogik.

Der Autor war als Theologe 1989 Mitbegründer der DDR-Oppositionsbewegung Demokratischer Aufbruch, wechselte 1990 in die SPD, die er seither als Abgeordneter im Deutschen Bundestag vertritt.

00:00 31.05.2002

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