Testament des Scheins

Tanz mir den Berlusconi Pop irrlichtert zwischen Affirmation und Dekonstruktion

Drei Zeichen genügen sich selbst. POP steht in großen, blauen Neon-Buchstaben über einem heruntergekommenen Bürohochhaus am Berliner Ostbahnhof. Die Leuchtzeichen bedürfen keiner weiteren Erläuterung. Pop muss man nicht erklären. Pop ist Pop. Pop is all around. Und Pop steht über allem. Nun ist das Maria am Ostbahnhof, direkt zwischen einem verwahrlosten Industrieareal und dem gläsernen High-Tech-Fernbahnhof gelegen, keineswegs ein reiner Pop-Treffpunkt. In dem kultigen Nachtclub mit den blinden Fenstern und der schönen Bröckelfassade treffen sich von slamigen Trash-Poeten über Fotokünstler bis zur raffinierten Elektro-Avantgarde diverseste Popper. Doch mit der größten Selbstverständlichkeit werben seine Betreiber mit einem selbstevidenten Label. Nicht nur am Maria lässt sich die Karriere eines Begriffs zum kulturellen Passe-partout-Markenzeichen ablesen.

Denn überall ist Pop. Aus jeder Shopping-Mall von der Berliner Mitte bis zu den Sümpfen Floridas, aus jedem Fernsehkanal quillt der Pop. Ubiquitär wie der Muzak-Sound ist die Rebellion des Körpers und der populären Zeichen zur konsumfördernden Begleitmusik der Dienstleitungsideologie verkommen - eine Art Dextro-Energen der Neuen Mitte. Und wenn man inzwischen von dem populären Reimeschmied Walther von der Vogelweide über Johann Sebastian Bach bis zu Tony Blairs "Cool Britannia" alles unter Pop fassen kann, was einigermaßen volkstümlich daher kommt, ist das subversive Zauberwort zum schwammigen catch-all-Begriff mutiert. Hinter dem sich alles und nichts mehr verbirgt. Ganz so ungefährlich schätzt die Chicagoer Polizei seine diversen Ableger zwar noch nicht ein. Und erließ im Sommer 2000 eine "Anti-Rave Ordinance". Rave-Organisatoren müssen eine Strafe von 10.000 Dollar bezahlen, wenn sie ohne Lizenz öffentliche Räume zu Party-Arealen umwidmen.

Doch wenn schon weiße Rapper wie der umstrittene US-Star Eminem für den Pop des homophoben, frauenfeindlichen weißen outcast mit dem Grammy geehrt werden - ist der Pop dann vielleicht doch so ein bisschen am Ende? Stimmt dann noch die euphorische Diagnose des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Leslie Fiedler? In seinen legendären Freiburger Vorträgen hatte der 1968 noch euphorisch davon gesprochen, dass "Massenkultur in jeder Gesellschaft subversiv wirkt". Sollte man also nicht wieder Grenzen zwischen Hoch- und Trivialkultur einziehen, wie die Zeit angesichts der Schwemme von Produkten der Herz- und Schmerz-Literatur seufzte? Oder etwa, wie der Berliner Theoretiker Diedrich Diederichsen meint, den inflationär gewordenen Pop wieder exclusiver machen, seine "Unverständlichkeit" organisieren? Oder vielleicht ganz einfach, wie jüngst Robbie Williams, den Hut ziehen vor einer der schönsten Leichen der Kulturgeschichte? Das musikalische Chamäleon, erfolgreiches Spaltprodukt aus einer Stammzelle des Klonpop namens Take That schlüpfte bei seinem Londoner Auftritt vor zwei Wochen in das Fifties-Outfit Frank Sinatras, erlag dem Charme seiner "Ol´ blue eyes" und konvertierte zum Swing. Pop ade?

Die "Krise des Pop", die Thomas Assheuer im April diesen Jahres in der Zeit schwer besorgt diagnostizierte, ist weniger eine Krise der Kolonisierung der Lebenswelten durch den Pop. Zwar hat er sich wie Mehltau über den Alltag gelegt. Doch löst er sich darin womöglich eher auf, frei nach dem Brecht-Motto, dass sich unsichtbar macht, was große Ausmaße annimmt. Pop - das Esperanto der Gegenwartskultur - mit diesem Titel beschwor Ende November eine Tagung der Evangelischen Akademie im bayerischen Tutzing die Funktion als entscheidendes Zahlungsmittel. Doch vielleicht leuchtet das blaue Zeichen über dem Relikt des grauen Berliner Ostens schon nur noch als Signum seines eigenen Verschwindens.

Die neuerliche Kulturkritik am Pop entstammt eher den alten linken Vorbehalten gegen die Oberfläche. Man mag es bedauern, dass nach Warhols Brillo-Boxen heute Yogurette-Riegel, Kinderzimmer und das akkurat gefaltete Toilettenpapier im Berliner Hotel Adlon von den Protagonisten der Generation Golf und den schlechten Dandys der Tristesse Royal so euphorisch präsentiert werden. Während der kritische Frühpopper Rolf Dieter Brinkmann in den sechziger Jahren die Fundstücke des Alltags noch als "Schrott-Zivilisation" bespie. Doch Pop ist nicht nur ein unentbehrlicher Spiegel der Massenkultur. Die geschmähten Pop-Literaten der jüngsten Generation wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Christian Kracht zum Beispiel liefern für den Rostocker Germanisten Moritz Baßler mit ihren textuellen Materialsammlungen ein Archiv der Gegenwart. Beschreiben, ohne das Aufgetürmte auf den kritischen Begriff zu bringen, ist für Baßler kein Vergehen. Weil es die Welt zunächst einmal zeigt, wie sie ist. Das ist zwar keine ganz so neue Leistung, wie sie ihr geistiger Mentor, der Münchener Lektor Martin Hielscher mit den glühenden Augen des Ideologen auch in Tutzing wieder in den Rang einer Kulturrevolution erhob. Ein paar Bruchstücke der angeblich tabuisierten bundesdeutschen Wirklichkeit haben auch schon die angeblich verkalkten Modernisten Böll und Lenz in ihren Werken platziert. Und das angeblich ganz neue Pop-Programm ist natürlich den Protagonisten der Sixties entlehnt - Pop-Artisten wie Richard Hamilton, Roy Lichtenstein oder Andy Warhol. Interessant ist es eher, wie sie es auf die bundesrepublikanische Gegenwart anwenden. Da scheiden sich die Geister.

So viel unreflektierte Affirmation ist dem guten, alten 68er natürlich ein Gräuel. Und er wird hellhörig da, wo er sonst überhaupt nicht mehr hinhört, weil er schon bei Roxy Music misstrauisch das Handtuch geworfen hat. Doch die neueste Wendung weg von der Bejahung kommt doppelbödig daher. Testament der Angst - die letzte Scheibe der deutschen Band Blumfeld spiegelt ein neues Unbehagen in der Konsumgesellschaft. Doch so klischiert und idealistisch wie der Sänger und Gitarrist Jochen Distelmeyer die Insassen der "Diktatur der Angepassten" anschreit, die die Erde vergiften und morden: "Ihr habt alles falsch gemacht. Habt ihr nie drüber nachgedacht? Gebt endlich auf, es ist vorbei" muss man über so viel ungewohnte Emphase unwillkürlich schmunzeln. Und es beschleicht einen der Verdacht, dass das große Nein zu "Medien, Märkten, Merchandise" auch eine semantische Strategie ist, sich rechtzeitig zu unterscheiden. Und selbst die fröhliche Revolutionsbegeisterung, die der gerade schwer gehypte Francospanier Manu Chao in jeden guten Linken elektrisierenden Songs wie Proxima Estacion: Esperanza verbreitet, wirkt inszeniert naiv. Glaubt jemand trotz der Wut auf alle möglichen Schweinereien von der Globalisierung bis Afghanistan an die eine große Hoffnung?

Die Apologeten des reinen, sprachlosen Körper-Fun sind durch diese Entwicklung zwar unter Druck geraten. Im Berliner GMF-Club, genau hinter dem Hochaltar der Hochkultur, dem Pergamon-Museum, gab der aufgescheuchte Techno-DJ Paul van Dyk deshalb Mitte November eine Nachhilfe-Lektion seiner Politics of Dancing. Eigentlich, mahnt er im Booklet seiner gleichnamigen neuen Scheibe, habe die elektronische Tanzmusik als Kulturstrategie angefangen. Ihre Produzenten hätten immer Ausschau gehalten "for something different". Ein Ausbund an subversiver Kreativität ist das neue Album aber nicht. So monoton und angestrengt funny, ja nachgerade um coolen Durchhaltewillen bemüht, hörte sich noch keine CD des Partykönigs aus Eisenhüttenstadt an, der die Clubs zwischen Ibiza und New York beschallt. Sondern so, als ob er seinen Jüngern das Credo des "feeling good" und der Körperfreude mit schweren Stromschlägen einhämmern müsste.

Doch egal, ob man sich der alten Idee, Kunst und Leben zu verbinden von der Seite des Politbarden her nähert oder als Fun-Regisseur. Ein Zurück zum Hüftschwung von Elvis oder zum verschwitzten Holzfällerhemd von Bruce Springsteen erscheint schwer vorstellbar. Spätestens seit dem Scheitern des Street Fighting man der Rolling Stones hat es sich erledigt, Musik und Politik direkt zu koppeln. Zwar sprießen seit dem "Summer of resistance" nach den Globalisierungsprotesten in den Nischen der homogenisierten Massenkultur neue phantasievolle Ton-Dadaisten, die Zeichen und Welt wieder in Übereinstimmung bringen wollen. In vielen aktivistisch angehauchten Versuchen, die Kunst wieder zu politisieren, reproduziert sich zudem das ausgediente Autorenmodell des Frontalunterrichts. Nicht alle schaffen es mit so viel Witz und Verve den Pop politisch zu positionieren wie das Bündnis gegen den CSU-Parteitags Mitte Oktober in Nürnberg: Tanz mir den Berlusconi hieß ihre Erkennungsmelodie gegen den Auftritt des umstrittenen italienischen Ministerpräsidenten. Wie man Pop als lernende Rezeption, nicht als Belehrung verstehen kann, hat der Schriftsteller Thomas Meinecke demonstriert. In seinen Büchern Tomboy (1998) oder Himmelblau (2001) meint man sich gemeinsam mit dem Autor durch die ausgeuferten Pop-Diskurse zu Rasse, Klasse und Geschlecht zu fressen. So kann man sich ohne moralischen Überdruck hinter Benutzeroberflächen lesen.

Der 11. September 2001 lässt sich zwar als Einbruch der Realität in die Welt des Scheins lesen. Doch das Attentatsopfer Andy Warhol wusste schon nach dem Anschlag auf ihn im Sommer 1968: "Bevor auf mich geschossen wurde, hatte ich immer den Verdacht, dass ich fernsehe und nicht lebe. Genau als auf mich geschossen wurde, wusste ich, es ist Fernsehen." Man musste gar nicht zur Kunst-Biennale nach Venedig reisen um sich das Video des amerikanischen Filmkünstlers Chris Cunningham anzusehen. Zum Björk-Song All is full of love erschaffen sich darin zwei identische Roboter, die beide wie der isländischen Pop-Star aussehen. Zum Schluss vereinen sie sich im Liebesspiel. Schon wenn man zu Hause den Fernseher einschaltet, kann man die Band New Order sehen, wie sie in dem Video zu ihrer neuen CD Get ready ihre eigenen Nachfolger in Form einer Kinderband auf die Bühne bringt.

Es gibt keine Krise des Pop. Es gibt nur eine Kunst, die sich fortentwickelt. Das People have the Power, das Patti Smith 1988 noch einmal trotzig herausbellte, war nur das letzte Aufbäumen gegen das Abflauen der Anti-Nachrüstungsbewegung. Auch die Revolution der ravenden Körper hat nicht verhindert, dass Pop vollends eine Strategie des Immateriellen geworden ist. Das gilt selbst für das Polit-Patchwork aus Reggae, HipHop und RAF, mit dem sich der deutsche Rapper Jan Delay zum neuen Star-Rebellen aufgeschwungen hat. Für den Berliner Pop-Theoretiker Ulf Poschardt ist Pop sogar das entscheidende Schlachtfeld zur Inszenierung der Identitäten im 21. Jahrhundert. Nicht auszuschließen, dass auch von solchen virtuellen Vorbildern hie und da mal wieder ein Funke auf das Leben zurückspringt. Sie zu politisieren, müsste aber wohl heißen, sie autonomer und komplexer zu machen, als es Viva und mtv zulassen - nicht unbedingt moralischer. Denn den letzten Authentic-Pop schafft wahrscheinlich nur noch Christian Ströbele.

"Macht kaputt, was Euch kaputt macht". Die Hoffnung auf ein unkorrumpierbares Außen vor der Welt der Zeichen ist verlockend, aber trügerisch. In der großen Warhol-Retrospektive in der Berliner Nationalgalerie kann man derzeit nicht nur einen vielschichtigeren Künstler in Augenschein nehmen, als es die zu Tode reproduzierte Monroe-Passe-Partouts weis machen wollen. Hier kann man Warhols Testament des Scheins in Augenschein nehmen. Mit den Campbell-Soups feiert er das Banale und Ephemere und die Verwandlung der Kunst zur Ware. Mit den Desaster-Fotoserien von Auto-Unfällen und elektrischen Stühlen popularisiert er das Grauen. Mit der ihm eigenen, irritierenden Mischung aus Ironie und Empathie zeigt Warhol Glanz und Gewalt der US-Gesellschaft. Seine Pop-Art irrlichtert zwischen Affirmation und Dekonstruktion. Die Ironie, hinter die der neue Ernst heute nicht zurück kann, hatte Warhol schon vor dreißig Jahren drauf. Seitdem geht es Pop wie der Kunst nach der Postmoderne generell. Sie lebt nicht schlecht mit der Koexistenz von Widersprüchen. Ihr Kraft kommt aus der Ambivalenz.

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00:00 30.11.2001

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