Textmaschine gegen Machtmaschine

So unprätentiös wie unbestechlich Der amerikanische Linguist Noam Chomsky erhält am 23. Mai in Oldenburg den Carl-von-Ossietzky-Preis

"Staaten sind keine Agenturen für Moral", sondern "Maschinen, die Macht ausüben". So ein politisches Credo des amerikanischen Linguisten Noam Chomsky. Lege man der Maschine keine Zügel an - durch internationales Recht oder den Widerstand der eigenen Bevölkerung -, übe sie ungehindert Macht aus. Chomskys Logik schließt als Fazit ein, dass der mächtigste Staat, sich am wenigsten um Moral kümmert. Schurkenstaat Nummer eins ist für ihn deshalb sein eigener Staat - von US-Regierungen Moral zu erwarten, wäre naiv oder opportunistische Propaganda.

Man mag gegen Chomsky einwenden, die Deutungsmuster seien zu einfach, wie er sie seit 40 Jahren handhabt. Nur würde der Vorwurf ausblenden, dass der Gescholtene kein Dogmatiker ist, der Glaubenssätze aufstellt, sondern ein Empiriker, der Belege sammelt. Seine politischen Texte sind derart von Zitaten durchsetzt, dass es schon wie eine eigenwillige Stilform anmutet.

Humboldts Bildungsideal

Wenn Chomsky die US-Politik beurteilt, gilt für ihn eine allgemein nachvollziehbares moralisches Credo: Alle haben sich gleichen Regeln zu unterwerfen. Mehr Theorie braucht es für ihn nicht, um die Welt zu interpretierten, komplizierte sozialwissenschaftliche Theoreme hält er für manierierte Zeitverschwendung.

Chomsky, geboren 1928, wächst als Kind jüdischer Eltern - Vater und Mutter sind Hebräischlehrer - im Osten der USA auf. Über einen Onkel kommt er mit dem jüdischen Arbeitermilieu New Yorks in Berührung. Er lernt als Teenager die Schriften von Rudolf Rocker kennen, eines aus Deutschland in die USA ausgewanderten Anarcho-Syndikalisten. Rockers Beschreibung des spanischen Bürgerkrieges führt bei Chomsky schon früh zu einer Abneigung gegenüber dem Leninismus. Dass es einer Avantgarde des Proletariates bedürfe, um sozialer Versklavung zu entrinnen, diese Ansicht bleibt ihm zeit seines Lebens suspekt. Bis heute glaubt er ausdauernd an die freie Assoziation freier Menschen, die ihre Geschicke selbst regeln. Wie sie das tun, interessiert ihn weniger. Chomsky behelligt soziale oder andere Protestbewegungen weder mit strategischen Ratschlägen noch theoretischen Exkursen. Er vertraut darauf, dass die Menschen, wenn sie die öffentliche Propaganda durchschauen, ihre eigenen Interessen zu erkennen vermögen.

Durch einen Aufsatz von Rocker wird Chomsky auf die Verbindung von Anarchismus und klassischem Liberalismus aufmerksam und findet in dem deutschen Gelehrten Wilhelm von Humboldt eine weitere Quelle der Inspiration. Gern zitiert er dessen ganzheitliches Bildungsideal. "Humboldt sagt es sehr poetisch: ›Wenn man ein schönes Objekt sieht, das jemand unter Zwang und in Lohnarbeit angefertigt hat, dann können wir zwar bewundern, was dieser Mensch geleistet hat, werden aber das verachten, was er ist.‹ Humboldt spricht da von fremdbestimmter Arbeit im Gegensatz zum kreativen Wollen.".

Dieses Ideal beeinflusst nicht zuletzt Chomskys Medientheorie, mit der er besonders gegen Walter Lippmann, einen der Erfinder der Public Relations, polemisiert, der die Auffassung vertritt: die öffentliche Meinung und das Interesse des Gemeinwesen seien nicht kongruent, weshalb es "verantwortlichen Stellen" aufgetragen sei, für einen Konsens zu sorgen. Bis heute sind Chomsky die vorgeblich liberalen Denker suspekt, die eilfertig und beflissen der Machtmaschine zu Diensten sind.

Politische Universalgrammatik

Seit 1955 forscht und lehrt Chomsky am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und sorgt seither mit seinen linguistischen Theorien für Aufsehen: Sprache werde nicht zuvörderst durch das Vorbild erworben - jedes Kind bringe eine Universalgrammatik mit, die es ihm ermögliche, bei entsprechendem Umfeld, jede beliebige Sprache zu erlernen. Kurz: Sprache ist wesentlich angeboren und nicht erworben, wie der Behaviorismus meint. Ein Reiz-Reaktions-Schema könne niemals hinreichend erklären, dass ein Kind in der Lage ist, eine unendliche Anzahl neuer Sätze nicht nur zu verstehen, sondern auch selbstständig zu bilden. Es müsse folglich das mentale Werkzeug dazu ererbt haben.

Wie dieses Instrumentarium genau aussieht, hat Chomsky in seinen Forschungen zu präzisieren versucht. Auch hier taucht das Muster des freien Menschen auf, der von sich aus kreativ sein kann. Dass für Chomsky dabei der Behaviorismus fragwürdig ist - der meint, Menschen problemlos durch Erziehung prägen zu können - mag mit seinem anarchistisch-liberalen Hintergrund zu erklären sein.

Zwar lehnt es der Gelehrte selbst vehement ab, eine Verbindung zwischen seinen linguistischen Expertisen und politischen Schriften herzustellen - doch scheint es wenig glaubhaft, dass er in seinen Essays nur theorielose Fakten subsummiert. Michael Haupt, Chomskys deutscher Übersetzer, spricht beim Vergleich zwischen dem Linguisten und dem Essayisten, gar von "politischer Universalgrammatik": "Ein begrenzter Set von Grundsätzen und Regeln reicht aus, um eine prinzipiell unbegrenzte Anzahl politischer Handlungen zu beschreiben. Anthropologische, psychologische, philosophische, geschichtstheoretische Erwägungen sind überflüssig."

Auch wenn Chomskys Gesellschaftsbefunde wegen ihrer schneidenden Klarheit bestechen, bleibt er als Kritiker der Macht letztlich deren Logik verhaftet. Das zeigt sich vorzugsweise in seiner Überzeugung von der Omnipotenz Amerikas, die andere Länder nur als Opfer oder Vasallen dieser Allmacht in Betracht zieht - nicht aber als substanzielle Akteure. In seinen Analysen zum Kosovo-Krieg (1999) bleibt so die Rolle europäischer Regierungen, die innerhalb der NATO eine zögerliche Clinton-Administration zum Krieg drängen, völlig ausblendet. Auch seine Lesart des Nahost-Konflikts erschöpft sich in der Kritik der amerikanischen und israelischen Politik, während die Palästinenser nur als Statisten auftauchen. Chomsky bleibt mit seiner immensen Textproduktion insofern immer reaktiv und kann redundante Tendenzen nicht verleugnen. Die Macht schreitet voran - ihr Kritiker folgt ihr so unerbittlich wie vorhersehbar. Eigentlich ist inzwischen fast alles gesagt, aber unprätentiös und unbestechlich bahnt sich die Textmaschine Chomsky ihren Weg.

Zuletzt erschienen: Larissa MacFarquhar / Michael Haupt, Wer ist Noam Chomsky? Europa-Verlag Hamburg und Wien 2003 9, 90 Euro; Noam Chomsky, Power and Terror. US-Waffen, Menschenrechte und internationaler Terrorismus, Europa-Verlag Hamburg und Wien 2004 9,90 Euro.

Die Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises findet am 23.Mai um 20 Uhr im Kulturzentrum PFL in Oldenburg statt. Am 24. Mai um 20 Uhr ist Chomsky bei einer Podiumsdiskussion im Hörsaalzentrum der Uni Oldenburg zu hören.


00:00 21.05.2004

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