The Making of Wowereit

Medientagebuch Vom Tempelhofer Stadtrat zum hauptstädtischen Spitzenkandidaten

In der letzten Woche konnte man vor den Bildschirmen der Fabrikation eines Politikers zuschauen. Gewiss, Klaus Wowereit war in Berlin schon länger als neuer Hoffnungsträger der Sozialdemokratie bekannt. Ein Berufspolitiker, der sich von der Bezirksarbeit ins Abgeordnetenhaus hochgekämpft hat und den zerstrittenen Fraktionen und Grüppchen der eigenen Partei als Heiland erschienen war, der sie aus dem Tal der Depression und der Minoritätspartei in der großen Koalition herausführen würde.

Dass die Affäre um die Berliner Bankgesellschaft seine Chance sein würde, verstand man spätestens in dem Augenblick, als er in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in Live-Schaltungen der Nachrichtenmagazine zu sehen war. Die Verhandlungen der Parteien der großen Koalition in einer Villa im Berliner Grunewald waren gescheitert. Nun traten die Spitzenpolitiker beider Seiten vor die Presse und vor allem die Kameras. Als der Berliner SPD-Vorsitzende Peter Strieder von der Reformunfähigkeit der CDU sprach und besonders das Krisenmanagement des Regierenden Bürgermeisters, Eberhard Diepgen, in Sachen Berliner Bankgesellschaft kritisierte, stand neben ihm Klaus Wowereit. Er wusste schon damals, was vier Tage später auf ihn zukommen würde, nämlich das Amt des Spitzenkandidaten seiner Partei. Aber man sollte ihm den Triumph ob der erfolgreichen Dissenspolitik nicht ansehen dürfen. Und so machte er ein ernstes, demonstrativ nachdenkliches Gesicht.

Eberhard Diepgen wiederum gab in dieser Nacht bereits die Parole aus, mit der die CDU den Niedergang der Koalition und mögliche Neuwahlen erklären und kompensieren möchte. Er sehe, so sprach er in seiner nächtlichen Erklärung vor den vielen Kameras, die alle um eine gute Position rangelten, in den Vorgängen vor allem einen Verstoß gegen die politische Moral. Damit meinte er nicht das Verhalten seines langjährigen Wegbegleiters und Stellvertreters im Amte des Berliner CDU-Chefs, Klaus Rüdiger Landowsky, der als einer der Bankenchefs für das milliardenteure Finanzdesaster der Berliner Landesbank die Verantwortung trägt, sondern die Möglichkeit, dass die SPD nicht nur gemeinsam mit den Grünen, sondern auch mit der PDS ihn als Regierenden Bürgermeister in einem konstruktiven Misstrauensantrag abwählen könne. Wie immer trug Diepgen sein Statement in der ihm eigenen Redetechnik vor, die lange Pausen liebt und im Schwenken des Kopfes von links nach rechts und wieder zurück so etwas wie ein Charakteristikum hat. Diese Technik soll Nachdenklichkeit demonstrieren und Zuwendung zu den Zuschauern bedeuten. In dieser Nacht signalisierte sie allein Hilflosigkeit und schlecht maskierte Panik.

Was würde Wowereit dem entgegensetzen? Das konnte man dann am nächsten Sonntag in einer Live-Übertragung des Sonderparteitages der Berliner SPD auf Phoenix bewundern. Während in Paris das Endspiel der Französischen Tennismeisterschaften zwischen Kuerten und Corretja lief und der erste Satz fast vom Winde verweht wurde - was der wahre Fan natürlich auf Eurosport sah - hielt der frischgewählte Spitzen-Kandidat der SPD seine Antrittsrede. Es war eine kampfesmutige Rede, die zurückliegende wie zukünftige Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen nicht eskamotierte. Es schien, als wollte er nicht nur seiner eigenen Partei, sondern vor allem auch der Öffentlichkeit zeigen, dass er mit den alten Hierarchien und vor allem Seilschaften der SPD nichts zu tun habe.

Es war eine Rede voller Schwung und Verve, die am Ende die Erklärung des 47jährigen Politikers einschloss, er sei homosexuell. Die meisten Genossinnen und Genossen werden das schon gewusst haben, da Wowereit am Tag zuvor den Führungskreis seiner Partei darüber informiert hatte. Dennoch schien es so, als zögere die Versammlung mit einer Reaktion auf das Bekenntnis. Dann brandete der Beifall um so heftiger auf. Nahezu begeistert nahm die Partei das Bekenntnis zur Homosexualität auf - eine Partei, die besonders in Berlin ihre Verklemmung und ihre Sexualneurosen nie ganz abgelegt hat und der sexuelle Devianz immer noch wie eine Verirrung vom wahren proletarischen Weg erschien, auch wenn das der letzte Rest an altem Arbeiterbewusstsein sein sollte.

Am nächsten Tag erfuhr man, dass eine Boulevardzeitung des Springer-Konzerns ihre Reporter auf die in Medienkreisen kolportierte Homosexualität des Sozialdemokraten angesetzt hatte. Wowereit hatte davon erfahren und wollte der wie auch immer gearteten Publikation durch andere zuvorkommen. Clever war die Formel seiner Parteitagsrede, er mache als Schwuler Politik, aber keine Schwulen-Politik. Auch wenn sie nicht ganz von ihm stammt. Der neue Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, der sich kurze Zeit vor der Wahl geoutet hatte, erklärte damals vor Fernsehkameras, er sei homosexuell, werde aber zukünftig nicht den "Homosexuellen vom Dienst" spielen.

Sein Auftritt und sein Bekenntnis katapultierten den mediengerechten Kandidaten, der wohl zu sprechen weiß und sich anständig kleidet, in das Fernsehen. Er war jetzt nicht nur einer von vielen Kandidaten und Bewerbern, er war nun ein Mann mit Geschichte, mit Biografie, also mit Eigenschaft. Und solche werden nun einmal vom Fernsehen gesucht. Denn sie kann man befragen, untersuchen, analysieren. Und sie kann man, wenn sie geschickt genug und kameragerecht sind, sich selbst interpretieren und inszenieren lassen. Noch am selben Abend saß er bei Christiansen in der ARD. Hier ließ er dem Generalsekretär seiner Partei, Müntefering, den Vortritt, wenn es galt, politisch gegen einen nahezu ausgeknockten Gegner zu punkten, als wolle er sich menschlich zurückhalten.

Am nächsten Tag tauchte Wowereit in den eher psychologisch fundierten Talkshows auf. Erst sprach er mit Sandra Maischberger auf ntv, die ihn nebenbei klug nach den Details seiner politischen Ziele befragte und so eine gewisse Ungenauigkeit und Unbeholfenheit des gerne nachdenklich wirkenden Politikers freilegte. Am Abend war er dann bei Beckmann (ARD) zu Gast. Hier muss er kurzfristig eingeladen worden sein, da er als vierter zu den üblichen drei Gästen dieser Talkshow auftrat. Beckmann konzentrierte sich auf die Geschichte des Outing, das er als einen selbstverständlichen Akt ansah. Wowereit antwortete zurückhaltend und geschickt. Spätestens an diesem Abend wusste er, er hatte es geschafft.

Er war zu einer Medienfigur geworden. Die Wahl zum Regierenden Bürgermeister ist verglichen damit nur noch ein Klacks.

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00:00 15.06.2001

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