Theater-Boxen

Von den Höhen der Kunst in die Niederungen der Tarife Die Theaterlandschaft Deutschland kann nur lebendig reformiert oder zu Tode konserviert werden

Neulich im Berliner Ensemble: Werner Schroeter inszeniert Adam Schaf hat Angst oder Das Lied vom Ende. Es handelt sich um ein "Musical in zwei Akten", das seinerseits aus 20 Liedern von Georg Kreisler besteht. Tim Fischer, eingeführte Größe auf den so genannten Kleinkunstbühnen der Hauptstadt, spielt und singt "Adam Schaf", dem die Rahmenhandlung vorgibt, ein alternder Schauspieler zu sein, der vor seinem Auftritt noch einmal sein Leben Revue passieren lässt. Wohl wegen der Abgegriffenheit solcher Geschichten belässt man es aber bei ungefähren Andeutungen in der Form kurzer, wenig aufschlussreicher Zwischentexte. Um die Situation wenigstens bühnenillusionstechnisch etwas auszugestalten, hat man Steffi Kühnert - seit Andreas Dresens Film Halbe Treppe auch Nicht-Theatergängern ein Begriff - die Rolle einer "Inspizientin" angewiesen: Sie hilft Adam Schaf in diverse Mäntel, rückt seine Perücke zurecht oder hilft anderweitig den dramaturgischen Leerraum zwischen den Songs zu füllen, unter denen sich bewährte Gassenhauer ("Wie schön wäre Wien ohne Wiener") und weitere allzeit flotte Zeilen ("Staatsbeamter möchte jeder gerne sein, Staatsbeamter, schon der Titel schüchtert ein") befinden.

So ungewöhnlich das Inszenierungsprojekt auf den ersten Blick scheinen mag, stellt es doch auf den zweiten genau das dar, was Theater heute so alles sein will: Hochkarätig besetzt, zeitkritisch und populär, dabei offen für alle Kunstformen von Kabarett bis Sport und für Verfahren, die man aus Film und Fernsehen kennt. Zu Beginn steigen zwei Boxer in den Ring und machen ein bisschen Schaukampf. Das erinnert an die seligsten Zeiten des modernen Theaters - hat nicht Brecht, der legendäre Hausherr des BE, einmal gesagt, Theater müsse wie Boxkampf sein? Während das Schattenboxen noch andauert - die Herren versuchen, sich gegenseitig auf keinen Fall weh zu tun, weil wir ja im Theater sind - kommen die ersten Zweifel: Brecht wollte, dass der Zuschauer Theater guckt wie einen Boxkampf und eben nicht umgekehrt: Boxen, das in Wahrheit nur Theater ist. Von diesem Moment des Zweifels erholt sich der Abend nie wieder so ganz, trotz hochkarätiger Regie, gelungener Gesangsdarbietung und allen sichtbaren Mühen des Schauspiels.

Das Theater rühmt sich, die einzig wahre Live-Kunst unter allen staatlich subventionierten Sparten zu sein. Ein letzter Ort, an dem noch literarische Texte zu Gehör gebracht werden, wo Reflexionen stattfinden und man über das Verhältnis von Realität und Simulation nachdenkt; dem Fernsehen überlegen, das, auch wenn es live ist, nur überträgt, und noch weiter überlegen der "Konservenkunst" Film. Die kulturell Interessierten von einst erinnern sich vielleicht: Filmpremieren, das waren Veranstaltungen für Banausen, denn Filme konnte man ja genausogut am nächsten Tag noch sehen, oder in der nächsten Woche. Der Besuch einer Theaterpremiere jedoch war tatsächlich ein bisschen wie ein Boxkampf; um zu sehen, wie es ausgeht, musste man schon dabei sein.

So landet jeder Artikel zum Stand des Theaters heute zwangsläufig im Kulturpessimismus. Das Sperrige, das Schwierige, das Anspruchsvolle, wo hat das noch seinen Platz? Vor allem jetzt, da allüberall Sparen angesagt ist? Im Sommer hat Antje Vollmer, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, das Ansinnen geäußert, die einmalige deutsche Theaterlandschaft zum Weltkulturerbe erklären zu lassen und damit zu schützen vor der drohenden Zerstörung durch Kaputtsparen. Die Horrorvision der Zukunft, die im Raum steht, sieht so aus: Die stattlichen Häuser stehen leer, nur ab und zu werden die prächtigen Portale noch geöffnet für die "Antikultur" der "Events" und anderer kommerzieller Unternehmungen.

Tatsächlich geht es den deutschen Stadttheatern nicht gut. Die Steuernöte der städtischen Haushalte betrifft sie unmittelbar - und dazu meist doppelt, weil ein Zuschuss aus den städtischen Hauhalten oft mit dem aus dem Landeshaushalt unmittelbar verkoppelt ist. Aus Freiburg hört man die fast unglaubliche Geschichte, dass einer frisch angetretenen, vielgelobten Intendantin die Subventionen für die Zukunft so gekürzt werden, dass ihr nichts anderes übrig bleiben wird, als sämtliches künstlerisches Personal zu kündigen und den Spielbetrieb einzustellen - damit von den restlichen Subventionen die Arbeitsplätze des nicht-künstlerischen Personals bezahlt werden können. Denn, so das immer wiederkehrende Argument in den aktuellen Spardebatten, der Großteil der Etats lässt sich weder umschichten noch sinnvoll in Sparmaßnahmen umsetzen, da er für die gesetzlich geregelten Gehälter des öffentlichen Dienstes ausgegeben werden muss. Mit den Kürzungen der Subventionen zwingen die Rathäuser die Theater, die Tariferhöungen selbst zu erwirtschaften oder in Eigeninitiative mit der Gewerkschaft partielle Verzichtslösungen auszuhandeln. Was zur Schräglage führt, dass dem Heizungstechniker am Theater nicht dasselbe gegönnt wird, was für seinen Kollegen im Rathaus selbstverständlich ist. Damit befindet man sich allerdings schon wieder in Diskussionsniederungen, in die kein Kunstinteressierter mehr so recht folgen will.

Was schade ist, denn genau hier setzen die sinnvollsten Reformvorschläge an. In der gegenwärtigen Zwangslage, in der das Rufen nach mehr Geld keinerlei Aussicht auf Erfolg hat, fordern die Theatermacher die Befreiung aus der knebelnden Verankerung im öffentlichen Dienst - um wieder mehr künstlerischen Freiraum zu haben, um Theater machen zu können und nicht nur gesetzlich bestehende Tarifverträge einzuhalten, notfalls auch ohne Aufführungen. Vorsichtig werden diese Diskussionen geführt, weil sie es sich nicht mit den Gewerkschaften verderben, wohl aber erreichen wollen, dass diese ihre, die spezifischen Theaterbedürfnisse besser erkennen.

Ein Stück weit wäre eine solche Befreiung aber auch eine Befreiung aus genau den Strukturen, die die deutsche Theaterlandschaft heute so einzigartig dastehen lassen. Das Geld mag zwar kaum mehr reichen, trotzdem aber werden Theater in unserem Land vergleichbar reichlich bezuschusst. Ob das überhaupt noch der Fall sein wird, wenn sie weniger eingebunden sind in den öffentlichen Dienst, das ist nämlich noch die Frage. In Zeiten von zunehmenden Verteilungs- und Sozialneid mehren sich denn auch wieder jene Stimmen, die das Geld am Theater ungerecht angelegt sehen. Mit durchschnittlich 90 Euro für jedes verkaufte Theaterticket werde das kleine Völkchen der Theaterbesucher überproportional zum Rest der Gesellschaft gefördert. Eine Gesellschaft, die sich selbst so arm redet wie die deutsche im Moment, wird da in Zukunft noch viel Sparfuror entwickeln, erst recht, wenn gesetzliche Kündigungsschranken fallen.

Denn so ist es ja auch mit den vielen anderen Denkmälern des Weltkulturerbes: Reiche Gesellschaften können sie noch selber unterhalten. Das neue arme Deutschland aber kann sich die vielfältige Theaterlandschaft, der vielleicht schönste Ausdruck einer zum Föderalismus bekehrten Kleinstaaterei, nicht mehr leisten. Arme Gesellschaften haben keine Theaterlandschaft mehr, sondern allenfalls noch Hofnarren (und die Allgegenwart des Harald Schmidt, der zitiert und kritisiert wird, sobald es um den Zustand der BRD geht, kann als Hinweis gesehen werden, dass wir schon so weit sind).

Aber es gibt auch noch andere Zeichen. Schließlich wollte das Theater selbst schon immer genau jenes bürgerliche Erbe, zu dem es zählt, diese ganzen inhärenten Benimm- und Moralstrukturen abstreifen. Nie war die Chance dazu größer: die Volksbühne in Berlin scheint sie zu nutzen und zeigt dabei außerdem keinerlei Berührungsängste vor den viel geschmähten "Marketingstrategien". Andere Theater, wie zum Beispiel das Berliner Ensemble, zeigen nicht länger unnötige Scheu vor der "Eventkultur", siehe oben. Denn das Theater, das man wie einen Boxkampf guckt, ist schließlich auch nichts anderes als "Event". Insofern scheint "Adam Schaf" doch auf dem richtigen Weg zu sein.

00:00 13.12.2002

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