Theater draußen und für die da unten?

Unterwegs in sommerlicher Kulturlandschaft "Hexenjagd" in einer Inszenierung des Theaters Schwedt und "Bruder Lustig", eine Produktion des theater89

Auch die Volksbühne hat ein "Draußen"-Programm, die Rollende Road Schau, die voriges Jahr in Rudow, Marzahn und Lichtenberg spielte. Sie zieht dieses Jahr mit vier Containern nach Neukölln und bezieht dabei ganz andere Mitspieler und ein ganz anderes Publikum mit ein als etwa zu den Wiener Festspielen.

"Ich fahre doch nicht 30 Kilometer und zahle 30 Euro, nur um mal ins Theater zu gehen, und dann ist es noch so`n Musical-Scheiß. Ich bin 33 Jahre alt, seit 27 Jahren bin ich beim Theater, wenn ich berühmt bin, dann kaufe ich mir ein Theater in Erfurt, da bin ich zu Hause, das schaff ich noch. Ich bin 33 Jahre alt, bin noch jung, hab ich doch noch Zeit!" So schreit ein zarter junger Mann - vielleicht angetrunken - vor einer Lidl-Kaufhalle im Prenzlauer Berg. Ich bin in den letzten Monaten ein paar Kilometer mehr gefahren, um mir Theater "draußen" anzusehen.

Das Theater Schwedt ist noch recht umfänglich, was Haus und Wirkungskreis betrifft; es hat selbst zwei Bühnen, und es geht viel auf Tournee. Raffinerie und Papierherstellung existieren vor Ort noch teilweise, aber für Tausende gibt es keine Arbeit mehr. Wer von den Einwohnern noch Arbeit hat, baut sich ein Einfamilienhaus, das nimmt sie dann gänzlich gefangen. Wenn nicht, dann ziehen sie weg. Das alles vermindert die Anzahl der Zuschauer.

Es ist kleinstädtisch, still, sauber und leer auf den Straßen. Das Gebäude der Uckermärkischen Bühnen, ein DDR-Neubau, steht etwas sperrig und kantig genau an der Stelle, wo einst das Schwedter Barockschloss stand. Hinter dem Theater, zum Wasser hin, wird der alte Park zum "Hugenottenpark" erweitert. Als ich da bin, fällt ein warmer Frühlingsregen, vor der Vorstellung, in der Pause und danach.

Im April hatte hier Hexenjagd von Arthur Miller unter der Regie von Karl Heinz Liefers Premiere. Das Stück entstand als Reaktion auf die Tätigkeit des Ausschusses gegen unamerikanisches Verhalten; es wurde 1953 in New York uraufgeführt. 1956 musste Miller sich selber dem Ausschuss stellen.

Hexenverfolgung: eine Volksunruhe, ein Druck von unten, verbunden mit einer dumpfen Mischung aus Bewahrung und Verfolgung heidnischer Kulte, aus Massenpsychose, der Suche nach Schuldigen und der Gier nach Menschenopfern. Der Druck von unten musste von der herrschenden Obrigkeit bewältigt und gesteuert werden. Und er wurde immer auch zur Sicherung von Herrschaft und Gewalt ausgenutzt. Meinungsterror und Verfolgung jener unbequemen Mitbürger, die die populistischen Feindbilder nicht annehmen wollen, das sind in solchen Fällen die üblichen Methoden.

Der historische Hexenprozess 1691 in Salem, Neuengland, wird von Miller psychologisch ausgedeutet. Bei ihm ist der Salemer Hexenwahn auch eine mörderische Folge des Gruppenterrors vernachlässigter, gekränkter und sexuell unterdrückter Jugendlicher. Für Brandenburger Theaterbesucher sollte so eine Geschichte von besonderem Interesse sein. Gegen Gewalt, gegen Gewalt heißen die Programme in Brandenburg, die seit Jahren laufen, um mit dem Problem einer dumpfen Aggressivität, der Enttäuschung, der Unaufgeklärtheit, schlechter Bildung und fehlender Ausbildung einer halb rechts, halb ungerichteten Jugend klar zu kommen. Dabei aber rückt auch die normale "Brandenburger Gesellschaft" fast unmerklich immer mehr ins Konservative und nach rechts.

Die Inszenierung in Schwedt betont in einem soliden Sinne die Dramatik der Handlung. Auf der kleinen Bühne neben dem Haupthaus, im intimen Theater, spielt sich das personenreiche Stück auf verhältnismäßig engem Raum ab, der beeindruckend von einer Gefängnisfassade überragt wird. Die Kostüme, die Ausstattung bleiben historisch, fast volkstümelnd. Sechs junge Laienspielerinnen sind die behexten Mädchen von Salem. Sie spielen mit großer Intensität, wie sie von ihrer Anführerin beherrscht und getrieben werden.

Gegen die verwirrten und rachsüchtigen Kinder, gegen die anmaßenden geistlichen Führer, gegen die schurkischen Landräuber, gegen die formale, rigorose Macht der Justiz verstricken sich die einfachen Leute von Salem derartig selbst in Widersprüche und Konflikte, dass es den Herren ein Leichtes wird, die Besten von ihnen auszumerzen, um alles zu beherrschen. Das gelingt ihnen dank des vom Wahn hervorgerufenen Terrors eher als gegen ihn.

So meint es Arthur Miller und so meint es auch die Inszenierung von Liefers. Man wünscht sich manchmal kompliziertere Brüche in den Charakteren und vor allem eine größere ästhetische Nähe zu heute. In der gebannten Verfolgung der äußeren Dramatik geht die intellektuelle Verarbeitung etwas verloren. Die Schauspieler greifen vielleicht sogar ihren Zuschauern zuliebe oft nach den gröberen Mitteln, draußen in Schwedt.

Nach zwei Sommerprogrammen des theater 89, die in Niedergörsdorf Premiere hatten, dem poetischen Simplizissimus und dem rücksichtslos mitreißenden It works von Oliver Bukowski, die über die Freilichtbühnen Brandenburgs im vergangenen Sommer rollten, habe ich mir nun das neue Stück Bruder Lustig, ein Märchen nach den Brüdern Grimm, angesehen.

Es gibt kaum eine Bühne, nur ein Spielpodest, einen girlandenumwickelten Mast in der Mitte als Möglichkeit bescheidensten Hinaufkletterns oder Rundtanzens, eine Teertonne, eine kleine Feuerstelle darunter, ein Brett, ein paar Blumenkästen, rechts und links die Stühle für die Erzähler, einen Musikanten. Die Bearbeitung von Hans Joachim Frank und Jörg Mihan hat, was Märchen haben müssen; es ist eine Geschichte für alle, für Kinder, für Männer und Frauen, für Gelehrte und Greise.

Den Bruder Lustig spielt Bernhard Geffke; er trifft den richtigen Ton, ist Harlekin, Kumpel, armer Hund und Überlebenskünstler. Am Anfang gibt es eine Soldatenerzählung, die den Spaß in den Ernst holt. Bruder Lustig hat den Krieg überlebt, weil er sich in einem Leichenhaufen tot stellte und in den zerstörten Häusern der Geflohenen und Ermordeten die Mittel zum Überleben fand. Das hat Anklänge an eine Geschichte vom Balkankrieg und hängt das richtige Gewicht an den Spaß. Im Bundeswehr-Tarnanzug und rotem Barett trifft Bruder Lustig nach seiner Entlassung drei mal auf Bettler, die immer der heilige Petrus sind, mit denen er fröhlich sein Brot teilt. Danach hält ihm Petrus in geduldiger Folge rettende Wunder als heilige Rettungsringe hin, mehrere Male. Aber Bruder Lustig bewährt sich nicht. Verzicht auf Lohn hält er gänzlich für Wahn, und Eingenommenes verprasst er rasch. Er kann selbst die absolute "soziale Sicherheit", dass in seinen Ranzen immer drin sein soll, was er sich wünscht, im kurzatmigen Haschen und Vergessen seines Lebens-Durchlaufes nicht recht nutzen. Als er alt ist, wird er von Himmel und Hölle abgewiesen, bis er den heiligen Petrus, seinen guten Kumpel, überlistet und doch noch eingeht ins Himmelreich.

Sich durchgeschlagen haben mit ein wenig Moral, mit viel Lust und List, "das ist`s, was uns gefällt". "Und heut is grad recht. Und das Bier is nicht schlecht," heißt es in einem Lied. Rechts und links davon treiben Simone Frost als Grete und Johannes Achtelik als Förster Manfred, die Erzähler, mit aller Kraft und allem Charme geübter Komödianten das Spiel voran. Sie sind es auch hauptsächlich, die jene häufigen kurzen Lacher im Publikum auslösen - nicht direkt ein Lachen der Erkenntnis, dafür ist es zu kurz, aber ein amüsiertes und frappiertes Lachen. Man ist gepackt von der Wirksamkeit, die einfachste Theatermittel haben können, wenn sie von Schauspielern mit echter Leidenschaft für die Einheit von Unterhaltung und Belehrung und also in rein künstlerischer Absicht benutzt werden.

Bruder Lustig ist die Identifikationsfigur. Der "gute Kumpel", der weitreichende, knauserige Vorausberechnungen nicht kennt. Einen augenblicklichen Vorteil ist er wahrzunehmen wohl gewillt und auch immer darauf angewiesen. Was soll er machen? Dann macht er ihnen eben den Narren. Bruder Lustigs Schlauheiten und Dummheiten sind verbreitet "unten" und "draußen". Sie gelten außerhalb der Welt der Besserverdienenden, für die die Inszenierung eher nicht gedacht ist. Zur Premiere sah ich kaum Vertreter von ihnen, dafür mehr Freunde der mitspielenden Aussiedler, die hinten in den letzten Reihen saßen und am Schluss eine Zugabe verlangten und auch bekamen. Bruder Lustigs Momente der Lebensfreude wurden von einem kleinen Chor von Aussiedlern aus Kasachstan dargestellt; hochgestimmt und hingegeben sangen und tanzten die Frauen russische und deutsche Volkslieder.

Diese Frauen verkörpern - und körperlich sind sie in hohem Maße - den schmerzhaften Widerspruch, dass sie als deutschstämmige Fremde in den renovierten ehemaligen Offizierswohnungen der Sowjetarmee, weitab von Großstädten, Arbeitsplätzen und kulturellen Angeboten leben und hier mit ihren hohen Stimmen die russische Kultur vertreten und weitertragen.

Ihr Singen und Tanzen bringt ihnen viel Sympathien ein und löst zugleich verwirrende Gefühle aus, wird hier doch die in Deutschland fragwürdig gewordene "deutsche Volksliedseele" aufgerührt und verführerisch der Übermut russischer Lebenslust vorgeführt, der uns diese Gefühlsuntiefen, die nahe dem Kitsch sind, wieder unschuldiger erscheinen lässt. "Schön ist die Jugend!"

Auch Grete und Manfred, das Erzählerpaar, passen gut in die Landschaft. Sie stellen das kleinste, schlaueste und zugleich dümmste Bündnis dar, das Menschen schließen können, um sich miteinander und gegeneinander durchzuschlagen, eine Kleinbürgerehe, eine liebvolle Parodie davon: "Da bleibe ich lieber zu Hause und ein Hosenscheißer". So ungefähr beurteilen die beiden den Bruder Lustig und seine Fahrt durch die Welt und holen sich kindischen Trost in ihre Enge, wie man das allenthalben tut.

Einfach gutes Kasperltheater? Das will nicht heißen, dass es nicht einschlägt. Das wird sich zeigen in den weiteren Aufführungen draußen oder im Monbijoupark mitten in Berlin Mitte.

00:00 05.07.2002

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