Thema grandios verfehlt

Scheinobjektiv und belanglos Die ARD erinnert an den Sechs-Tage-Krieg vor 40 Jahren. Nur die israelische Botschaft kann zufrieden sein

"Grandioser Sieg, bittere Niederlage. Das Heilige Land 40 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg". Unter diesem anspruchsvollen Titel kündigte die ARD jüngst eine Reportage ihres Israel-Korrespondenten Richard C. Schneider an*. Der Sperrzaun - so hieß es da - sei "Symbol für den gescheiterten Versuch der Israelis", sich die Westbank "dauerhaft einzuverleiben". Und weiter: "Der Krieg von 1967 hat auf die Dauer das Denken in militärischen Dimensionen verfestigt. Zivile, politische Lösungen haben offenkundig keine Chance". Das klang interessant und ungewohnt kritisch.

Man konnte sich also schon denken, wie der Film aussehen würde: Am Anfang Bilder vom Blitzkrieg im Juni 1967, die das westdeutsche Publikum seinerzeit begeisterten, weil es sie an den Polenfeldzug erinnerte. Am Ende die Mauer als Metapher politischer Immobilität. Dazwischen ein Rückblick auf die relevanten Ereignisse der vergangenen vier Jahrzehnte: Die einem Masterplan folgende systematische Siedlungspolitik der Israelis auf okkupiertem Territorium, beginnender palästinensischer Widerstand, Oslo und sein Scheitern, zwei Intifadas, zwei Libanonkriege, die fortschreitende Annexion und planmäßige Zerstückelung der Westbank, die religiöse Aufladung des Konflikts auf beiden Seiten, die eine rationale Bearbeitung zusätzlich erschwert, Selbstmordattentäter hier, prophylaktische Hinrichtungen dort und kein Ende abzusehen.

Zugegeben, das ist mehr als in einer Dreiviertelstunde Platz hat. Daher gab es nur eine Alternative: eine Kontrastmontage, die Bilder von damals und heute, unterlegt mit facts and figures, einander gegenüberstellt: Israels Wirtschaftsboom und seine moralische Paralyse, die Verelendung der palästinensischen Bevölkerung und ihre alltägliche Unterdrückung. Die stärkste Militärmacht des Nahen Ostens in der selbst gebauten Falle des von den USA finanzierten Milliardenprojekts der Siedlungen, die den Konflikt zementiert haben. Israel endlich am Ziel seines Traums von staatlicher Anerkennung in der Region ("Land für Frieden") und in Panik angesichts des Vorschlags der Staaten der Arabischen Liga für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und einen umfassenden Frieden. Aber auch davon in diesem Film nicht ein Wort.

Stattdessen "Ausgewogenheit" und Scheinobjektivität, flüchtige Impressionen einer Fahrt entlang der Grenze und belanglose Interviews auf beiden Seiten unter Auslassung aller, die etwas zu sagen hätten. Kurzum, eine Darstellung, die an der Oberfläche der Phänomene bleibt, unfähig oder unwillig zu einer Analyse der Situation, die zwischen Ursache und Wirkung unterscheidet.

Dass da irgendetwas falsch gelaufen ist, macht die Reportage deutlich. Aber warum das so ist, bleibt unklar. So entsteht das Bild einer scheinbar ausweglosen, schicksalhaften Lage, derentwegen man die Palästinenser, vor allem aber die Israelis bedauern muss, weil sich deren Hoffnungen von 1967 nicht erfüllt haben. Nicht mehr die strahlende Einseitigkeit eines Schwarz-Weiß-Bildes also, wie sie früher einmal üblich und möglich war. Aber unter den objektiv gegebenen und inzwischen allgemein bekannten Umständen noch die geschickteste Form, sich aus der Affäre zu ziehen, indem man alle kritischen Fragen, in denen die Antworten bereits beschlossen liegen, ausklammert und es vermeidet, auch nur die elementaren Fakten beim Namen zu nennen.

Damit mag die israelische Botschaft in Berlin heutzutage schon zufrieden sein, der Zuschauer aber nicht. Zu Recht hat die Kritik, soweit wir das übersehen können, den Film ignoriert. Doch die ARD wusste vorher, wen sie auf den Posten in Tel Aviv beruft.

* Grandioser Sieg, bittere Niederlage. 40 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg. Reportage, Deutschland 2007. Von Richard Chaim Schneider


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00:00 03.08.2007

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