Theologie der Leerstelle

Totschlagargument "Antiamerikanismus" Der Begriff taugt fürs ideologische Handgemenge, aber nicht für Analysen

Als Bundesgeschäftsführer der SPD belebte Peter Glotz anfangs der achtziger Jahre die These, Politik bestehe darin, "Begriffe zu besetzen". Fortan machten sich die Einpeitscher aller Parteien daran, irgendeinen Begriff zu "besetzen" und je nach Gusto "die neue soziale Frage" oder "die alten Ungleichheiten" zu patentieren. Weil man bald merkte, dass PR-Agenturen im Planen begriffsgestützter "Kampagnen" agiler waren, kam man vom "Begriffe besetzen" wieder ab. Ein Besetzungsversuch Heiner Geißlers ging obendrein schwer daneben. Mit winkeladvokatorischer Rabulistik wollte er der Öffentlichkeit weismachen, im Grunde trage doch "der Pazifismus" Schuld an Auschwitz, denn die militärische Schwächung "der Demokratie" habe den Aufstieg der Nazis begünstigt. Geißler kriegte Prügel von überall her.

Das Strickmuster dieser Rabulistik ist simpel: Wer zu viel oder zu wenig isst, gilt als süchtig. Daraus wird messerscharf kurz geschlossen, wer weder zu viel noch zu wenig esse, sei im Grunde auch nur süchtig, nämlich danach, keine Sucht zu haben. Genau so macht man aus kosmopolitischen Demokraten im Handstreich "negative Nationalisten" und aus Pazifisten "negative Militaristen".

Seit geraumer Zeit dominieren zwei andere Sprachspiele. Das erste lebt von völker- und sozialpsychologischen Spekulationen. Die Frage, warum deutsche Studenten 1968 gegen den Vietnamkrieg demonstrierten, findet in ihm die patente Antwort: Es handle sich um einen "generationenverschobenen Protest" (Dan Diner). Das Argument läuft doppelt - weil die Väter und Großväter gegen die Nazis nichts unternommen hätten, wollten das deren Kinder und Enkel "generationsverschoben" kompensieren oder die Kinder und Enkel kämpfen wie Väter und Großväter gegen "Amerika", jetzt als Demonstranten, früher als Soldaten. Ergo: Anti-Vietnam-Protest ist "Antiamerikanismus". Was ist das? Dan Diner: "Antiamerikanismus ist der projektive Anwurf an die USA, für die Übel aller Welt ursächlich zu sein".

Das sagen zwar nur Dumpfköpfe von rechts, die "Amerikanismus" als "Verjudung" (Leo L.Mathias) denunzieren, und ein paar provinzielle Pazifisten, denen die Differenz zwischen der Kritik an amerikanischer Politik und an "Amerika" entgangen ist. Aber das stört die Spekulationen über "projektive Anwürfe" nicht.

Der unpräzisen Floskel "Antiamerikanismus" können nachträglich durch sozial- oder völkerpsychologische Spekulationen etwa über "Generationen-" oder "Nationalcharaktere" beliebige Motive untergeschoben werden. Derlei Motivforschung beruht auf Konstrukten wie einem "kollektiven Unbewussten" und hat kurze Beine. Selbst wenn die Spekulation vom "generationenverschobenen" Protest deutscher Studenten empirisch verifizierbar wäre, liefe sie ins Leere. Proteste gegen den Vietnam- wie gegen den Golfkrieg gab es weltweit (auch in den USA), nicht nur bei Nachkommen von Nazis. Mit diesem rustikalen Sprachspiel ist also die Schwäche des Begriffs "Antiamerikanismus" nicht zu beseitigen. Wenn kein Zurechnungsfähiger "Amerika" die Schuld an allem Übel zuschreibt, entfällt der Grund für jede sozial- und völkerpsychologische Spekulation. Letztlich macht dieses Sprachspiel "Antiamerikanismus" zu einer Geschmacks- und Stimmungsfrage. Dem entspricht die Definition des Oxford English Dictionary, die besagt: "Antiamerikanismus" sei "eine feindselige Stimmung gegenüber Amerikanern". Doch Stimmungen gibt es so viele wie Menschen.

Das zweite Sprachspiel beruht auf der Theologie der Leerstelle. Der Begriff "Amerikanismus" hat seine Wurzeln in den Ereignissen zwischen der Unabhängigkeitserklärung der USA (1776) und dem Verfassungskonvent (1787). Die damals aus christlicher Spiritualität, Patriotismus, Common Sense und politischem Pragmatismus entstandene "Ziviltheologie" verdichtete sich zu "Geboten der Vernunft und reinem Amerikanismus" (Jefferson 1797). Diese "Ziviltheologie" zeichnete sich durch hohe Anpassungsfähigkeit an die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse aus. Der Begriff war mit Inhalten beliebig aufzupumpen. Aber das wird ihm nicht als Manko, sondern als Vorzug angerechnet. So konnte sich der linke schwarze Agitator Malcolm X als "Opfer des Amerikanismus" darstellen, und auf der anderer Seite weigerte sich das Komitee für unamerikanische Tätigkeiten unter dem rechten Ultra Joseph McCarthy zwischen 1947 und 1954 beharrlich, präzise festzustellen, was denn "amerikanisch" und "unamerikanisch" eigentlich bedeute.

Die Literaturwissenschaftler Richard Herzinger und Hannes Stein betrachten als "Antiamerikaner", wer "den Westen" kritisiert. Was "der Westen" ist, klären sie mit einem instruktiven Vergleich: "Wie im Zentrum des jüdischen Monotheismus ein unnennbarer, körperloser und völlig abstrakter Gott steht, ... so klafft auch im Innern der liberalen Demokratie eine Leerstelle. Niemand kann sagen, was den Kern des Westens ausmacht, denn er hat keinen Kern. Genau aus diesem Grund ist der westliche Lebensstil so universal tauglich." Ist "der Westen" schon einmal mit "Gott" auf eine Stufe gesetzt, fällt der nächste Schritt schon leichter: Gott ist unfassbar, aber allmächtig. Auch der Westen ist unfassbar, aber noch nicht allmächtig, dafür hat er immerhin schon "verbindliche Werte". Die sind freilich "nicht inhaltlich bestimmbar" - genau wie die göttlichen Erwägungen.

Um die "westlichen Werte", die keiner Analyse zugänglich sind, doch noch zu fassen, wagen die Autoren einen argumentativen Salto mortale. Sie nennen die westlichen Werte "neutrale Werte". Nun ist jeder denkbare Wert bestimmt durch die Beziehung, die zwischen einem Gegenstand und einem Maßstab durch einen wertenden Menschen entsteht. Ein "neutraler Wert" ist entweder kein Wert, weil die wertende Beziehung gar nicht hergestellt wird, oder der "neutrale Wert" ist Unsinn, weil der wertende Mensch eben wertet und nicht neutral bleibt. Insofern ist nicht einmal Neutralität ein "neutraler Wert".

Die Theologie der Leerstelle bringt den Begriff "Antiamerikanismus" strategisch in Stellung gegen die PDS und aufgeklärte Pazifisten, um davon abzulenken, worum es geht. Darum, ob man den Kampf gegen Terroristen als Kreuzzug organisieren soll oder ob andere Mittel dem Ziel angemessener sind. Diese Frage hat mit amerikanischer Politik und deren Interessen viel, mit "Antiamerikanismus" nichts zu tun. Der Begriff taugt fürs ideologische Handgemenge, aber nicht für Analysen.

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00:00 09.11.2001

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