Therapeut wider Willen

150. Geburtstag Der philosophische Kern des Werks von Sigmund Freud

Als Nietzsche starb, gab Freud eine Menge Geld, das er eigentlich nicht hatte, für dessen Werke aus. Gelesen hat er sie nicht. Trotzdem war der Kauf die Erfüllung einer großen Sehnsucht. So hatte er sich vier Jahre früher, 1896, bei seinem Freund Wilhelm Fließ zu dieser Jugendliebe bekannt: "Ich habe als junger Mensch keine andere Sehnsucht gekannt als die nach philosophischer Erkenntnis, und ich bin jetzt im Begriffe, sie zu erfüllen, indem ich von der Medizin zur Psychologie hinüberlenke." Die Philosophie mit Psychologie zu identifizieren, das zeugte von einer souveränen Kenntnislosigkeit der Philosophiegeschichte, aber auch von einer selbstverständlichen Einbettung in das Denken seiner Zeit: die ihm selbst womöglich nicht bewusst gewesen ist.

Die Psychologie hatte sich damals - wenigstens dem Anspruch nach - zur zentralen Disziplin der Philosophie gemausert. Das galt für Nietzsche, der mit ihrer Hilfe die traditionellen Kategorien der Metaphysik kritisierte - und das galt selbst für weite Bereiche des Neukantianismus, den Freud verachtete, weil er sich am Bewusstsein orientierte. Freuds Philosophie jedoch sollte ein wissenschaftlicher Empirismus sein. Nur die Tatsachen sollten zählen. Aus diesem Realitätsglauben sprach der Stolz des Naturwissenschaftlers, als der er sich mittlerweile verstand. Ungebrochen war seine Beziehung zur Philosophie nie. Trotzdem liest sich die herrschende Lesart über die Entwicklung des Gesamtwerks von Freud nach folgendem Schema: Freuds Denken begann mit der Leidenschaft des Jünglings für philosophische Probleme; es endete mit der Rückkehr des alten Mannes zu fundamentalen Spekulationen - nach einem langen Exil unter Ärzten.

Tatsächlich kann man sein theoretisches Selbstverständnis mit dem Konzept und dem Pathos jener neuen praktischen Philosophie vergleichen, die Descartes in seinem Discours de la Methode programmatisch in ihrem prometheischen Eroberungswillen beschrieben hatte. Ganz analog dazu folgte Freud dem Vorbild des kühnen Eroberers neuer geistiger Kontinente, die den Einsatz des ganzen Mannes verlangten; er selbst nannte das sein "Konquistatorentemperament". Auch wenn er sein Behandlungszimmer selten verließ: diese Art Forscher war kein Stubenhocker. Er war ein Mann der Praxis, nicht der Kontemplation.

Diese Praxis hieß zunächst Redenlassen und geduldiges Zuhören. Zu Wort kamen - nicht nur, aber vor allem - Frauen. So genannte nervöse Frauen der gebildeten Stände. Eine von ihnen, Bertha Pappenheim, die noch nicht einmal seine Patientin, sondern die seines väterlichen Freundes Joseph Breuer war, hatte einige Jahre vorher die "talking cure" erfunden: Dahinter stand die verblüffende Erfahrung, dass ihre massiven Symptome schwanden, wenn sie ihrem Arzt von ihren Phantasien erzählen durfte. Als Freud davon erfuhr, übernahm er diese Praxis.

Praxis hieß aber auch die schriftliche Darstellung der Kranken- und Behandlungsgeschichten seiner Patienten. Und diese gerieten ihm - wider Willen, aber unvermeidlich zu "Novellen". Praxis hieß damals für ihn vor allem auch Selbstanalyse - und der neue Kontinent, den er eroberte, war das Unbewusste.

In der Selbststilisierung der Psychoanalyse ist es das einzigartige und einmalige Wunder, dass es Freud gelang - mit Hilfe eines selbst geschaffenen Übertragungsobjekts in Gestalt eben jenes Berliner Hals-Nasen-Ohrenarztes namens Wilhelm Fließ -, durch die Analyse seiner selbst nicht nur sein Unbewusstes zu entdecken, sondern auch die Gesetze, nach denen es funktioniert - und seine inneren Hemmungen aufzuheben. Sicher ist, dass er über einige Jahre nicht nur geistig ungeheuer produktiv war, sondern auch merkwürdige Symptome entwickelte und sich gegenüber der Umwelt abkapselte; er litt, so sein früher Biograph Ellenberger unter einer "schöpferischen Krankheit". Aus ihr tauchte er mit einem Paukenschlag wieder auf - der Traumdeutung.

Er war sich der Sonderstellung dieses Werkes von Anfang an bewusst. Bereits der Titel dieses Buches war eine Provokation, weckte er doch unvermeidlich Assoziationen an die antiken Traumbücher, an Mystizismus und Spökenkiekerei. Das im November 1899 erschienene Werk war nach Ansicht seines Schöpfers ein Jahrhundertwerk. Er sollte noch einige Jahre mit dieser Ansicht alleine bleiben.

Die Vorbemerkung zur Erstausgabe gibt sich bescheiden. Er glaube, schreibt Freund, "den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht überschritten zu haben", fährt dann aber doch, psychopathologisch ausholend, fort: Der Traum sei das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer Gebilde, daher sein "theoretischer Wert als Paradigma" kaum zu überschätzen: Aus Gründen der ärztlichen Diskretion, vor allem aber aus Gründen der wissenschaftlichen Redlichkeit sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als sich selbst zum ersten Objekt seiner Versuchsanordnung zu machen und seine Kunst an eigenen Träumen zu belegen; zum einen, weil er seine Patienten schützen müsse, zum andern, weil deren Psychopathologie die Einsicht in das Wesen des Traumes verzerrt. Damit wird die Autobiographie zu einem Grundpfeiler der Theorie.

Für Freud zeigt die Traumdeutung alles bewusste Denken und Erinnern als unterhöhlt vom vorgängigen Reich des Unbewussten, dessen Motive und Erinnerungen bis in die frühe Kindheit zurückreichen, ein Reich, das motiviert ist von Trieben und Leidenschaften, deren unbezwingbare Wünsche rein egoistischer Natur sind, für die sich der Wachende schämen müsste - und sie deshalb verleugnet. Das an den eigenen Träumen zu zeigen, verlangte in der Tat Schonungslosigkeit sich selber gegenüber und den Mut, die Wahrheit über alle moralischen Rücksichten zu stellen.

Insofern darf man die Traumdeutung den Bekenntnissen Augustins mindestens beiseite stellen: beides Werke von ungewöhnlicher Offenheit, beides Zeugnisse des Kampfes und des Sieges gegen die eigene Natur, beides Werke, die durch ihre Konzentration auf das scheinbar rein Individuelle Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen dürfen; beides Zeugnisse großer Schriftsteller. Vor allem aber: beide Werke beginnen als Autobiographie - und enden jeweils in einer radikal neuen Theorie, die ihre historischen Beschränkungen überschreitet; so laufen die letzten drei Bücher der Bekenntnisse in eine Theorie des Gedächtnisses, der Erinnerung und einer neuzeitlich subjektiven Theorie der Zeitlichkeit aus. Sollte es Zufall sein, dass beide mit ihren privat beginnenden Theorien zwar diametral entgegen gesetzte, aber dennoch Sexualgeschichte geschrieben haben? Augustin, der spätere Kirchenvater, gab mit seinem berühmten "post coitum omne animal triste" über Jahrhunderte das Bonmot für Sexualfeindschaft, während Freud, der stets ein "ungläubiger Jude" blieb, vom Dämonischen des menschlichen Eros geradezu ergriffen war.

Aber Die Traumdeutung ist mehr als hinreißende Prosa. Sie beschreibt eine Revolution im Denken des gesamten Abendlandes, sowohl in ihrem Inhalt wie in ihrer Analyse der Form. Der Traum hatte für Freud einen ganz bestimmten Sinn: Er war eine Wunscherfüllung. Was aber war mit dem Angsttraum, aus dem man schweißgebadet aufwacht, was mit den Wiederholungsträumen vor denen der Mensch sich so fürchtet, dass er erst gar nicht einschläft? Das verlangte Präzisierung - und Differenzierung: Freud, der sich in der Traumdeutung mit den beschreibenden Kategorien von bewusst und unbewusst behilft, weil ihm seine späteren Instanzentheorie von Es, Ich und Über-Ich noch fehlt, behilft sich mit der Formel: Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches.

Dieses harmlose Sätzchen hätte eigentlich wirken müssen wie eine Bombe. Das hat es schließlich auch - wenngleich mit ziemlicher Verzögerung. Die Philosophen jedenfalls versagten lange die Einsicht in die Ungeheuerlichkeit dieser Formulierung. Denn damit war die Einheitlichkeit des Ich, Fundament der Philosophie seit Descartes, zerbrochen: es gab nunmehr im Ich selber konstitutiv etwas Vorgängiges, das ihm als Fremdes gegenübertrat. Seine (vergessene und unterdrückte) Vergangenheit, seine triebhafte Natur.

Zugegeben, "Ich ist ein Anderer", dieser Lyrismus gewordene, viel strapazierte Vers wurde bereits vor Freud philosophisch vorbereitet: das gilt für Hegels Phänomenologie des Geistes, das gilt für Schelling; das gilt selbstverständlich für Schopenhauer und vor allem für Nietzsche. Freud selber hält sich eher an die Literaten; er nennt Lichtenberg, Schiller und Goethe - und natürlich kannte er die Romantiker.

So war Freud nicht der erste, der den Kontinent des Unbewussten betrat. Auch nicht der erste, der unbewusste Prozesse zu deuten und zu interpretieren verstand. Der erste aber war er - und dies ist die weit folgenreichere Wirkung der Traumdeutung - in der Dechiffrierung dieses Unbewussten: er entdeckte die - wie er es nennt - "Mechanismen der Traumarbeit". Das aber heißt: das Unbewusste folgt einer eigenen Logik, hat eine eigene Sprache mit eigenen Gesetzen und eigenen Regelmäßigkeiten seiner Bildung. Und diese Mechanismen sind - daran zweifelte Freud, der Naturforscher, keinen Augenblick - im Unterschied zur Sprache, anthropologisch universell, unveränderbarer Bestandteil der Menschheit seit ihrer Kulturwerdung. Sie seien Resultat der Tatsache, dass der Mensch aufgrund seiner extremen biologischen Hilflosigkeit und seiner daraus resultierenden langen Abhängigkeit von hilfreichen Eltern von Geburt an prägende Erfahrungen macht, die sich dem Bewusstsein entziehen.

Diese Nachträglichkeit des Bewusstseins beschreibt das entwicklungsgeschichtliche Moment der Entstehung des Unbewussten. Das zweite Moment ist ein soziales: die Übernahme gesellschaftlicher Normen und Gebote, vermittelt über die Eltern. Die unbewussten Wünsche zerschellen am Einspruch des Über-Ich und werden aus dem Bewusstsein verdrängt, sind gerade deshalb aber weiterhin - und verstärkt - wirksam. Dieses soziale Moment bringt jedoch die These universeller Gültigkeit ins Wanken. Später, mit Totem und Tabu, wird Freud in der Doppelung von Inzest- und Tötungstabu die beiden zentralen Gesetze formulieren, auf denen alle menschliche Kultur beruht - und die jeder Mensch neu im Drama des Ödipuskomplexes wiederbelebt und sich aneignet.

Was Freud mit den Mechanismen des Traumes entdeckte, bot eine neue Lesart der menschlichen Welt, die mehr als folgenreich werden sollte: Mit ihrer Hilfe war es nunmehr möglich, unter dem Text des Bewusstseins einen anderen Diskurs zu entdecken, der den ersten nicht nur motiviert, sondern an seinen Lücken verrät, dass er das Resultat zensierenden Eingriffs ist, damit seine wahre Bedeutung sich nicht verraten soll. Damit gab es eine neue, zusätzlich Lesbarkeit der menschlichen Welt beziehungsweise aller menschlichen Äußerungen, seien sie historisch noch so weit zurückreichend oder seien sie von der Welt des Bewusstseins so weit entfernt wie zum Beispiel die Bildungen der Paranoia. Mit den Mechanismen der Traumarbeit hatte Freud eine Art Universalschlüssel zur menschlichen Kultur in der Hand und konnte ihn auf fast alles anwenden. So ergibt sich das spätere Werk in seiner enzyklopädischen Breite sozusagen von allein. Der Traum bildete das Scharnier zwischen allen psychopathologischen Bildungen auf der einen Seite und allen "normalen" Äußerungsformen des menschlichen Geistes auf der anderen Seite; sie alle hatten ihre Verankerung im Unbewussten.

Als Therapie sei die Psychoanalyse eine unter anderen, worin sie sich von allen anderen unterscheide sei ihr Anspruch auf Wahrheit. Das war ein spätes Fazit Freuds. Was immer er damit gemeint haben mag: er nimmt den frühen Faden der Philosophie wieder auf. Und in der Tat scheint der philosophische Kern seines Werkes bis heute nicht wirklich ins Bewusstsein gehoben. Vor allem aber verlangt die Psychoanalyse eine Neufassung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses: Das Subjekt ist vor allem Intersubjektivität; die (frühe) soziale Welt bestimmend. Das ist zwar längst ein Gemeinplatz der Pädagogik geworden, aber mit Hilfe von Freuds Theorie des Unbewussten liest sich dies, vor allem in den späten Folgen eines Misslingens dieser frühen Intersubjektivität, als menschliche Tragödie.

Therapeut sei er wider Willen - dieser Ausbruch Freuds ist verbürgt. Man muss das nicht glauben. Dafür hat er zu lange analysiert, zu viele Krankengeschichten geschrieben, zu sehr aus der klinischen Erfahrung gezehrt. Aber der Satz verweist auf die mangelnde Befriedigung, die ihm die bloße Therapie gewährte. Und in der Tat, er musste eine über das Therapeutische weit hinausgehende Theorie entwickeln, um sein therapeutisches Vorgehen legitimieren zu können. Insofern wurde Freud notwendigerweise zum Philosophen. Doch stimmt das Umgekehrte nicht weniger: ohne ihre therapeutische Praxis wäre die Psychoanalyse eine Theorie unter anderen. Sie hätte einen veritablen Platz in der Philosophiegeschichte. Neben Schopenhauer und Nietzsche vielleicht. Wenn sie mehr ist, dann erstens weil sie die Empirie der klinischen Erfahrung hat. Aber auch, weil ihre therapeutische Praxis selber einen philosophischen Kern hat: nämlich in dem, was sie Übertragung und Gegenübertragung nennt. Um die Wahrheit zu erforschen braucht es zwei: den frei assoziierende Analysanden, der seinen Widerstand gegen das Bewusstwerden des Unbewussten allein nicht überwinden kann, und den auf seine Gegenübertragung achtenden Analytiker. Nur in diesem Zusammenspiel lässt sich die vor dem Bewusstsein untergegangene, aber gleichwohl wirksame Macht der Vergangenheit verstehen und ihre Gewalttätigkeit stoppen. Gerade weil das Unbewusste durch eine dynamische Schranke vom Bewusstsein permanent aktiv ferngehalten wird, ist seine Auflösung konstitutiv an den therapeutischen Prozess gebunden. Das wäre dann die Wahrheit der Psychoanalyse - gerade als Therapie.

Darwin, Marx, Freud - sie galten lange als die großen Denker des 19. Jahrhunderts. Gewiss ist: sie waren alle drei akademische Außenseiter und, bewusst oder nicht bewusst, Zertrümmerer der philosophisch-theologischen Tradition. Marx gilt als durch die historische Entwicklung in seiner Theorie wiederholt. Der arme Freud, bis vor kurzem vor allem in den USA sehr geprügelt, bekommt wieder ein wenig Zuspruch aus der Hirnforschung, jener naturwissenschaftlichen Orientierung also, die er mühselig verlassen musste, um seine psychologische Theorie formulieren zu können. Aus dem Reich der Bedeutungen wieder zurück zu den (naturwissenschaftlichen) Tatsachen - das scheint der gegenwärtige Trend.

Dieses vortheoretische "Zurück zu den Tatschen" hat immerhin zu einer wichtigen Korrektur geführt. Freuds alte Traumatheorie, die in der traumatisierenden Realität den Ursprung psychischer Symptome - und eben nicht nur in den Phantasien - sah, ist wieder aufgetaucht: als Einsicht in die von einer Generationen an die nächste weitergereichte Traumatisierung, die nicht nur, aber vor allem bei den jüdischen Traumaopfern des Nationalsozialismus anerkannt wird. Hier beweist sich der Mechanismus der - in diesem Fall eindeutig sozial erworbenen - Verdrängung: die Weitergabe des Traumas geht stumm vor sich, die Traumatisierten reden nicht und erinnern sich nicht. Aber sie geben ihren stummen Schrecken an ihre Kinder weiter. Eine schreckliche Bestätigung der Einsicht, wonach die ausbleibende Erinnerung sich im Handeln erkennen lässt: Sie wissen es nicht. Aber: sie tun es.

Hanna Gekle arbeitet als Philosophin und praktizierende Psychoanalytikerin in Frankfurt am Main. Von ihr erschien im Suhrkamp-Verlag Tod im Spiegel. Zu Lacans Theorie des Imaginären.


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00:00 03.05.2006

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