There is Beachvolleyball

Sportplatz Ich mein´: Was soll das? Braucht´s das? Dieses Hin- und Herrennen im allgemeinen, also das, was wir "Sport" nennen, und das Hin- und ...

Ich mein´: Was soll das? Braucht´s das? Dieses Hin- und Herrennen im allgemeinen, also das, was wir "Sport" nennen, und das Hin- und Hinter-einem-Ball-Herrennen und -hechten im besonderen, also auf Sand, mein´ ich, zu zweit gegen zwei andere, in einem Karree von 9 mal 18 Metern, in der Mitte ein Netz, das die Parteien trennt, 2,24 Meter hoch, wenn es Frauen tun, 2,43 Meter hoch, wenn es Männer machen. Muss das sein? Muss es das geben?

Beachvolleyball. Oh ja, Beachvolleyball. Es gibt das. Lange habe ich die Existenz der Sportart Beachvolleyball geleugnet. Oder ignoriert. Einfach nicht geglaubt oder nicht glauben wollen, dass es das gibt. Pah. Beachvolleyball. So dumm kann doch kein Mensch sein, Beachvolleyball zu spielen. Oder sich das anzusehen. Im Fernsehen. Oder darüber lesen zu wollen. I wo. Ohnehin eine Legende, das mit dem Beachvolleyball. Pure Erfindung.

Kürzlich gingen mir dann die Augen auf. Ein schmerzliches Erlebnis. Ich musste einsehen: Es gibt das! Beachvolleyball. Beachvolleyball existiert! Unglaublich, klar, aber wahr. Es ist nicht (mehr) dran zu rütteln. There is Beachvolleyball, da draußen.

Beziehungsweise da drinnen, da, wo auch Boris Becker ist. Im Internet also. Natürlich werden Sie sagen: Was macht der Kerl für ein Getue? Was soll das? Weiß doch jeder Mensch, dass es Beachvolleyball gibt. Da braucht man sich doch nicht so anstellen. Ist halt eine Sportart neben anderen, neben Catchen, Rhönradfahren (obwohl, gibt es das noch?) und Eisstockschießen.

Logisch, Sie haben recht, ist halt so, dass es Beachvolleyball gibt, aber man kann beziehungsweise könnte es ja mal versuchen - versuchen, wenigstens eine der vielen Idiotien der Medien- und der realen Welt zu ignorieren und sogar für inexistent zu erklären. Ein befreundeter Dichter schaffte es sogar mal, sechs Wochen nach dem Finale einer Fußballweltmeisterschaft noch immer nicht zu wissen, wer den Cup geholt hatte. Vorbildliche Haltung, fand ich. Bezogen auf Beachvolleyball zumindest.

Aber dann war´s vorbei mit meiner Weisheit beziehungsweise wohltuenden Dummheit in Sachen Beachvolleyball. Weil ich zu blöd bin. Weil ich, meiner unzerstörbaren Prägung auf Sport im allgemeinen gehorchend, jeden Morgen erst mal www.sport1.de "besuchen" muss. Und da sehe ich - nach Jahren! - in einer Liste, die die halbwegs zu Recht als richtigen Sport anerkannten Disziplinen Fußball, Motorsport, Basketball, Tennis, Golf, Radsport, Football, Boxen, Wintersport und Eishockey aufführt, aus Versehen mittendrin: - Beachvolleyball. Ja: "Beach-Volleyball".

Die Welt des Sports ist nun reicher geworden, meine Internetsportwelt. Ich hab´s gewagt und hab´ mich umgesehen. Hervorragend, dieses Beachvolleyball. Allerhand sieht man da, "Diashows" vom "Baggern in St. Peter-Ording" und von "Heißer Beach-Action auf dem Hamburger Rathausplatz" zum Beispiel. Obschon draußen zum Gotterbarmen steif der Wind pfeift. Im Internet ist Beaching Time. Baggern in the sunshine.

Am 6. Oktober endet die Beachvolleyball-"World Tour" im brasilianischen Fortaleza mit den "Men´s Open". Was das wohl sein wird. Wird schon alles offen sein. "Mir kann´s nicht open genug sein", prahlt ein Tennisvater und Wimbledon-Edelbesucher in Gerhard Polts Monolog "Longline". Was natürlich auch für die hippe Welt des Beachvolleyballs gilt. Da hat´s Opens bis zum Abwinken, opener geht´s nicht, "Portugese Open" und "Japanese Open" und "Chinese Open", ja, auch die Enkel Maos sind mittlerweile total am Ende und machen alles mit.

Wenn schon keine Kultur-, eine Sportrevolution müsste es geben, eine radikale Beseitigung des sportiven Unfugs. Wird´s aber nicht geben. Die Sportindustrie expandiert, über alle Gesellschafts- und Klimagrenzen hinweg, wie heillos-unaufhaltsam. Es wird Ski gesprungen und Biathlon betrieben im Sommer. Und eben auch, ich geb´s zu und gebe mich geschlagen: Beachvolleyball. Und zwar bis in den Herbst hinein. Und dann in Hallen, in die man Sand schüttet. Weil das einfache Volleyball zu öde, brav, unglamourös ist. Da fliegt kein Sand, da dröhnt kein Techno, da springen keine Models rum.

Schöne Welt des Sports. Womit sie uns doch beschenkt! Mit Beachvolleyball. 1930 fand das erstmals in Santa Monica (Kalifornien) statt, 1986 schon Internetpräsenz ("Ergebnisse und mehr sind im Internet zu lesen", so mein Internet), 1994 dann das erste Hallenturnier im New Yorker Madison Square Garden, 1996 olympische Premiere in Atlanta. Seither, hört man, steigen die TV-Quoten, die Preisgelder belaufen sich auf durchschnittlich 150.000 Dollar, und alles ist wunderbar. "Die Tribünen sind bei jedem Wetter voll", strahlt der deutsche Meister Marvin Polte.

Bundestrainer Olaf Kortmann sieht die Sache ebenfalls positiv: "Beach-Volleyball ist in. Es entspricht dem Trend, Fun mit Leistung zu verbinden." Genau. Deshalb beachvolleyballte auch unser Wahlkampf-Westerwelle werbewirksam auf der Strandfunwoge der Erfolgswelle "18" entgegen. Mental und real scheitern musste er nur, weil wir in Deutschland noch keine so richtige "Strand-Kultur" (Kortmann) haben wie in Brazil und USA. Dort begeistert zudem der vorbildliche "Fighting-Spirit der US-Beacher" (ders.) und sonstigen Präsidenten.

Ja, ich geb´ mich geschlagen, schlage aber keinen Beachball auf, sondern dieses Kapitel jetzt zu. Ich werde meiden überflüssige Sportarten, mit denen uns das Internet quält, und mein Lieblingssportbuch lesen, Albert Hefeles Grauenhafte Sportarten, mit denen uns das Fernsehen quält. Oder wieder mehr Fernseh schaun. Denn aus dem quillt manchmal doch noch ein echter Wahrsatz - so am 27. September 2002, als Wolfsburg Effe Effenberg in DSF-Bundesliga-pur die katastrophale Torausbeute seines Teams mit den Worten benannte: "Wir haben natürlich eine fatale Ausbeutung." Und das ist grundsätzlich nicht so funny und leistungspositiv.

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00:00 04.10.2002

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