Theweleit trifft ein

Auswertung Lutz Dammbeck über die Erfahrungen eines Filmemachers auf Tour. Mit Zuschauern, Kinos, Gesprächen

Was wird aus einem Film, der in den Kinos läuft? Zumal aus einem anregenden wie Overgames, der die Geschichte Westdeutschlands nach 1945 aus dem Geist von Reeducation und therapeutisch-kindischen TV-Shows erzählt, einer Dokumentation über die „permanente Revolution“, 164 Minuten lang? Der Regisseur Lutz Dammbeck ging mit seinem Film auf Tour und hat darüber gebloggt auf overgames-film.com. Wir drucken Ausschnitte.

14.04. Münster, Kino Schloßtheater
Die Tour beginnt. Im Kino gute Atmosphäre, 18 Besucher. Gespräch mit dem Schriftsteller Burkhard Spinnen und dem Kinoleiter Herrn Klepsch. Spinnen hat mal mit einer Gruppe Gleichgesinnter in jungen Jahren (Walter Moers gehörte dazu) Spielshows analysiert, z.B. Wetten, dass ..? Interessanter Text. Im Anschluss zwei Münsteraner Pils. Vorführung: technisch i.O., Projektor Tick zu dunkel (Kopie Bronner).

15.04. Köln, Kino Filmpalette
10:30 mit Prof. Klesmann (einer meiner Fachberater für die Geschichte der franz. Revolution) Seminar an der Uni Köln, Historiker. 17 Studentinnen, ein Student. Keiner kommt zur Vorführung am Abend.

16.04. Zurück nach Hamburg
Abrechnungen der Produktionsförderung für Das Meisterspiel und Das Netz. Mein Gott, die halbjährigen Abrechnungen an die Filmstiftung NRW laufen immer noch, seit 15 Jahren. Für Overgames muss ich bis 2026 Abrechnungen schreiben.

18.04. Düsseldorf, Kino Bambi
Eine Stunde vorher am Kino. Mein Gesprächspartner ist aufgeregt, ein Alt-68er. Er ist nun für die Linkspartei in NRW engagiert. Erwartet Störungen durch Anti-Deutsche. Die sind hinterhältig, sagt er, die intrigieren nur im Hintergrund. Einen will er schon gesehen haben. Na, das wird was werden. Etwa 30 Minuten vor Filmende verlässt der angebliche Anti-Deutsche die Vorführung, anscheinend hat er genug gesehen. Erste Frage des von mir eingeladenen Gesprächspartners an mich: Könnte der Film nicht den Rechten gefallen? Wenig originell und leicht zu beantworten, da mir diese Frage seit meinem Film Zeit der Götter, also seit 1992, gestellt wird. Denen sind die Filme zu kompliziert, auch kommen sie letztlich nicht gut weg. Ein Frau sagt: Diese Show The Price Is Right, dieses Nach-vorn-Rufen, dieses Beim-Namen-nennen, das ist doch wie in der Kirche.

22.04. Dresden, Programmkino Ost
Begrüße den Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, der die Veranstaltung organisiert und bezahlt hat, der ist begeistert: ausverkauft. 169 Zuschauer. Paar Leute sitzen während der Vorführung noch auf den Stufen. Die Diskussion wirkt auf mich dann bisschen zu homogen, hört sich sehr amerika- und demokratiekritisch an. Was im Kino fehlt, ist die Gegenrede aus dem Publikum zu dem, was vom Panel kommt und zu dem, was der Film ausbreitet. Amerika hat nach 1945 Europa neu gemacht, ist das kein Thema? So kommt es nicht zum Streit, schon gar nicht zu einem echten und offenen Gespräch.

23.04. Leipzig, PassageKino
In der DB-Lounge, E-Mails und Kritiken googeln. Das meiste erschütternd. Vieles ähnelt in Diktion und Urteilsvermögen dem, was zu Das Netz vor 13 Jahren erschien. Nun ist eine neue Generation am Werk, die Hilflosigkeit vor dem neuen Film ist eher noch größer. Es fehlt an Zeit und Bildung. Alle wollen Online-Screener und DVD. Das hat was Verelendetes, Klägliches.

26.04. Würzburg, Kino Central
Das Kino ist eine ehemalige Schule. Erinnert mich von außen an Kulturhäuser in der russischen Provinz. Innen aber angenehmes Foyer, gute Informationen zu den Filmen, der Kinosaal sehr schön, dann auch technisch gute Vorführung. Das Kino wird betrieben von einem Verein, 500 Mitglieder, eine GmbH. 31 Zuschauer. Während des Abspanns huschen zwei Drittel der Zuschauer aus dem Saal. Mit dem Rest dann angeregtes Gespräch. Frage: Warum nicht kürzer geschnitten, es wird zu viel Zeit mit Bildern verbraucht, die nutzlos erscheinen. Im Internet sind die Filme komprimierter.

27.04. Freiburg, Kommunales Kino
45 Besucher. In der Mitte des Films verlassen drei ältere Herrschaften mit dem Habitus des Freiburger Alt-68ers schimpfend die Vorführung. Klaus Theweleit trifft kurz danach ein, er kommt vom Volleyball. Zunächst lobt er Zeit der Götter. Leider findet er Overgames nicht gelungen. Sogar misslungen! Vor allem der Schluss mit dem Kapitel zu 68. Das war ja alles ganz anders. Wir sind GEWORDEN und nicht GEMACHT! Und Leihidentitäten! Da muss er scharfen Protest anmelden. Das war eine neue, echte Identität. Mit der Befreiung von Familie, Herkunft. Wir haben uns teilweise sogar als Schwarze (Black Panther?) gefühlt, nicht als Deutsche. Das Publikum schaut verdutzt. Und die Musik war wichtig. Dann zählt er auf, was die 68er-Generation geprägt hat. Und bestätigt so, ohne es anscheinend zu bemerken, mit seinem biografischem Material alle Punkte, die im Film aus der Blaupause für die Reeducation zitiert werden.

05.05. Schwerin, Kino unterm Dach
Neun Zuschauer im Festivalkino. Nach Filmende noch drei. Mit denen aber fast 40 Minuten Gespräch. Sind marxistisch geschult, sprechen über Trotzki und den Begriff der permanenten Revolution. Merke, dass sie den Osten und was war noch nicht hergeben wollen, aber mit ihrem starren Negativbild von den „imperialistischen USA“ und dem Film nicht klarkommen.

08.05. Kassel, Kino Bali
15 Besucher, überraschend sind elf Studenten der Kunsthochschule gekommen und bleiben bis zum Ende. Meine Gesprächspartnerin Susanne Pfeffer, Direktorin vom Museum Fridericianum, hat den Film nun erstmals komplett gesehen und im Kino. Ein Riesenunterschied zum Anschauen als Stream oder auf DVD. Susanne Pfeffer ist unsicher, was sie eigentlich gesehen hat, und sie sagt das auch. Das ist gut. So behält das Ganze den offenen Charakter, den der Film hat.

12.05. Wiesbaden, Caligari Filmbühne
Das Kino ist renoviert und restauriert, der Blick von der Bühne in den Saal großartig. Allein schon deswegen hat sich die Tour gelohnt. Im Filmgespräch wiederholen sich nun die Fragen, wohl auch einige meiner Antworten. Aber ich sehe an den Gesichtern und gelegentlichen Lachern, dass Spannung im Saal ist. Wieder einige Bücher verkauft, neue Adressen in den E-Mail-Verteiler notiert.

07.06. Noch Hamburg
Heute für zwei Tage nach Dortmund. Habe Motivationsschwierigkeiten. Also weißt du, sagt meine Frau, ich versteh das nicht. Du hast das doch so gewollt. Nun stöhnst du jeden Morgen, dass du nicht motiviert bist, dir alles zu viel ist, dass diese Tourtretmühle nervt, weil niemand den Film versteht, und das mit einer Leichenbittermiene, als wenn du dich gleich aus dem Fenster stürzen möchtest. Also, auf geht’s.

Info

Die vorläufig letzte Vorführung von Overgames: 24. Juni, 17 Uhr, Städtische Galerie Dresden, danach Filmgespräch. DVD bei Absolut Medien im Herbst, dann weitere Termine. Bis dahin: Kunst und Macht, Werkausgabe der Dammbeck-Filme bei Absolut Medien, 5 DVDs, 19,90 €. Radiofeature zum Film (Messer und Uhr): 10. Juli, 11.05 Uhr, NDR Info

06:00 29.06.2016

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