Tickt’s noch?

Wandel Die Uhrzeit war einmal der Taktgeber der Gesellschaft, heute gilt Pünktlichkeit als retro. Dafür herrscht eine Pflicht, ständig verfügbar zu sein
Tickt’s noch?

Illustration: Ira Bolsinger für der Freitag

Betrachtet man heute Salvador Dalis Gemälde Die weichen Uhren von 1931, sieht es aus, als hätte der spanische Surrealist mit dem skurrilen Moustache das Schicksal der Uhr im 21. Jahrhundert vorausgesehen – nicht nur die Zeit zerrinnt und zerfließt, der Chronometer selbst verschwindet. Immer weniger Leute tragen etwa eine klassische Armbanduhr, schon gar keine mechanische, wozu auch, wo wir das Smartphone selten noch aus der Hand legen, das Handy zeigt uns die genaue Zeit ja an, wenn wir wissen wollen, „was die Uhr geschlagen hat“. Aber wollen wir das? Unser Zeitempfinden hat sich im digitalen Zeitalter radikal verändert. Unsere Uhr tickt schon lange nicht mehr wie bei Dali, auch nicht die innere.

Für Digital Natives klingt es wie aus ferner Zeit: Die Uhr mit Ziffernblatt und Zeiger war „früher“, im Industriezeitalter, allgegenwärtig, heute wird sie im Stadtbild übersehen, allenfalls der Tourist steht noch staunend davor. Und immer öfter werden sie nicht mal mehr gewartet. Uhren an Rathäusern oder Kirchtürmen stehen still, sie zeigen die falsche Uhrzeit an, tagelang wird die alljährliche Zeitumstellung verpasst. Von der Staatsbibliothek zu Berlin, wo ich täglich Zeit verbringe, wandert mein Blick hin und wieder auf die St.-Matthäus-Kirche. Die Turmuhr zeigt immer Viertel nach neun an.

Wie sehr sich die Wahrnehmung von Uhrzeit geändert hat, kann man im öffentlichen Nahverkehr beobachten. Auf dem Bahnsteig wird nur eingeblendet, in wie vielen Minuten der nächste Zug abfährt. Die genaue Uhrzeit scheint irrelevant. Die zeitliche Information am Bahnsteig hat sich von einem fixen Zeitpunkt der Ankunft zu einem Zeitraum des Wartens verschoben. Kurz mal die Mails checken. Dann weiter im Takt.

Für die Deutsche Bahn ist das praktisch: Unpünktlichkeit lässt sich vertuschen. Weil ein Abgleich mit dem Fahrplan nicht mehr nötig ist, wissen die Pendler nicht, mit wie vielen Minuten Verspätung der Zug abfährt. Denkt sie, die Bahn. Ein Irrtum, Pendler wissen exakt, wie spät es ist. Denn ihre Zeit ist in der Regel eng getaktet. Eine Verspätung bringt den Nine-to-five-Job durcheinander. In der Großstadt fahren Tram und S- Bahn dagegen so eng getaktet, dass sich niemand um seinen Anschluss sorgt.

Die Uhr sollte ursprünglich die abstrakte Vorstellung von Zeit und Zeitlichkeit in ein Bild bannen. Es gab naturgemäß Tagzeiten und Nachtzeiten, das Leben verlief entlang der Jahreszeiten, aber schon die Ägypter wollten die Zeit messen, sie unterteilten den Tag in zweimal zwölf Stunden mit dem Sonnenverlauf. Zunächst waren es Sonnenuhren, später dann mechanische, die seit dem 18. Jahrhundert auch Minuten und Sekunden zählten. Eine lineare, sich wiederholende Ordnung entstand, die den Alltag strukturierte.

Mit der Neuzeit verbreitete sich die Uhr in der Gesellschaft, und damit wurde die uhrzeitliche Taktung zum Standard. Sie symbolisierte nicht mehr bloß die Zeit, sondern in ihrer harmonisch ineinandergreifenden Mechanik den Kosmos und die Schöpfung, wenn der Zeitgeist nicht gerade auf fünf vor zwölf eingestimmt war. Diese Vorstellung findet sich in der Popkultur: „Alles ist miteinander verbunden“, ist der immer wiederkehrende Topos der Netflix-Serie Dark, alles greift ineinander.

Mit der fortschreitenden Industrialisierung kam der Uhr eine immer wichtigere Rolle zu: Die Stechuhr regelte die Arbeitszeit und gab den Rhythmus der Produktion vor. Die Produktivität des Arbeiters wurde an der Zeit gemessen und immer wieder wurden Versuche unternommen, Prozesse zeitlich zu optimieren. Der Spruch „Zeit ist Geld“ steht für diese Auffassung. Die Uhr hing in den Fabriken an einem für jeden sichtbaren Ort.

Kein Gong zum Feierabend

Die Erfindung der Uhr erschuf in moderner Zeit den unpünktlichen Menschen. Einen, der nicht in der Lage war, sich ihrer Direktive unterzuordnen. Die Tugend der Pünktlichkeit entstand. Daran wurden Wertungen des Charakters angeschlossen: Wer zu spät kommt, ist unzuverlässig! Mit Pünktlichkeit hingegen konnte der Mensch seine Fähigkeit zur Disziplin beweisen.

Heute ist die Uhr zu einem funktionalen Multiapparat avanciert. Das menschliche Selbst kann sich damit rund um die Uhr selbst optimieren. Unser Zeitgefühl hat sich dem angepasst: Die Digitalisierung hat die lineare Abfolge zeitlicher Momente aufgelockert, in Zeiten der Hyperflexibilät und des Ineinanderfließens von Arbeit und Freizeit braucht es keinen Feierabendgong. Im Büro hängt die Uhr nicht mehr demonstrativ und für alle sichtbar an der Wand, sie ist in die kleine Ecke auf dem Computerbildschirm verbannt. Die Zeiger-Uhr ist kein adäquater Ausdruck mehr für diese Form von Zeitempfinden. Der Takt wurde durch ein Fließen ersetzt, das mal schneller und mal langsamer sein kann, regelmäßig umgeleitet und unterbrochen wird. Das „Diktat der Uhr“ ist aufgeweicht, manche Zeitgenossen verwechseln diesen Zeitenlauf mit Unsterblichkeit.

Dem Diktat der Uhr hatte sich auch der Philosoph Immanuel Kant im 18. Jahrhundert untergeordnet. Jeden Morgen stand er um fünf Uhr auf, von sieben bis elf hielt er Vorlesungen, nachmittags ging er spazieren und abends besuchte er seinen engen Freund Joseph Green. Pünktlich um zehn Uhr ging er ins Bett – täglich. Heute haben wir uns von der Starrheit eines solchen Alltagstrotts emanzipiert. Und trotzdem glauben die Menschen, immer weniger Zeit zu haben.

Mit dem Verschwinden des Chronometers wurde die Unpünktlichkeit umgedeutet. In seinem Buch Die Uhr kann gehen – Das Ende der Gehorsamkeitskultur (Hirzel 2019) sagt der Zeitforscher Karlheinz A. Geißler, dass, wer notorisch unpünktlich ist, immer weniger als unzuverlässig gilt. Unser aller Smartphone ermögliche es. Ein Anruf genüge, um weiterhin als verbindlich zu gelten. Doch wer nimmt heute noch „den Hörer in die Hand“, eine Tätigkeit, die ja an sich schon wie ein Relikt aus den Ausläufern des 20. Jahrhunderts erscheint? Eher noch schickt man eine Nachricht à la „Komm 5min später, sorry“ – und reicht das nicht vollkommen? Schließlich kann man ja davon ausgehen, dass die Mitteilung vom Empfänger rechtzeitig gelesen wird. Wir sind alle dauernd erreichbar.

Die Verpflichtung zur Pünktlichkeit hat sich also verschoben hin zu einer Informationsverpflichtung. Der unpünktliche Mensch ist heute absolut zuverlässig, solange er nur verbindlich über seine Verspätungen informiert. Die regelmäßige Unpünktlichkeit der Freundin nimmt man mit Verständnis hin, „jeder kommt mal zu spät“, bis zum Eintreffen gibt es ja auch genug zu tun. Gucken, was so läuft, kurz die Mails checken, vorausgesetzt die Wartende hat Empfang.

Pünktlichkeit hat sich vor allem in der Smartphone-Generation von einer Tugend zu einer Einschränkung gewandelt. Unhöflich ist nicht mehr die, die sich verspätet, sondern die, die auf Pünktlichkeit besteht. Das Beharren auf Pünktlichkeit wird als rückständig angesehen, voll retro. Der Druck zur Pünktlichkeit durch die Uhr wird jedoch durch das Diktat der Flexibilität und Erreichbarkeit ersetzt, was die wenigsten allerdings tatsächlich so empfinden. Anstatt sich am Handgelenk zu vergewissern, dass man pünktlich kommt, greift man in die Hosentasche, reagiert zeitnah auf die letzten E-Mails, koordiniert Termine, zählt die Likes vom letzten Post.

Dabei hilft zeitgemäß und absolut auf der Höhe der Zeit die „smarte“ Armbanduhr. Nicht nur symbolisch ersetzt die Smartwatch die traditionelle Armbanduhr. Hatte man einst den Eindruck, die Uhr würde einen an die Zeit fesseln, scheint die Smartwatch die freiwillig angelegte Fessel, also ständige Verfügbarkeit, Messbarkeit der täglichen Perfomance, mit Schritte-App und Schlaf-App. Die Apple Watch arbeitet dabei nach ähnlichem Prinzip wie die gerichtlich verordnete Fußfessel: Sie überprüft konstant die Aktivitäten und Bewegungen ihrer Trägerin. Ansonsten kann diese Uhr alles, was das Telefon auch kann – inklusive Zeitanzeige. Nur das Nachstellen funktioniert automatisch und ferngesteuert. Wer sich also gänzlich dem Flexibilisierungsdiktat unterworfen hat, kann die Zeitumstellung, es scheint als stünde ihre Abschaffung 2020 doch noch in den Sternen, am 27. Oktober getrost verschlafen.

Für Kant war das keine Option. Einmal wurde er von einem Adligen zum Spaziergang eingeladen. Das Problem: Er kam erst gegen zehn Uhr, seiner eigentlichen Schlafenszeit, wieder an seiner Wohnung an und also später ins Bett. Also formulierte er sofort die Maxime: „Lasse dich nie von jemandem zu einer Spazierfahrt mitnehmen.“

Alina Saha ist derzeit Redaktionspraktikantin beim Freitag und studiert Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften an der FU Berlin

06:00 27.11.2019
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