Tief in ihr steckt der Punk

Porträt Katja Meier ist Spitzenkandidatin der sächsischen Grünen und rockt vielleicht bald zusammen mit der CDU
Michael Bartsch | Ausgabe 35/2019

Katja Meier fällt bei den „Elefantenrunden“ der sächsischen Spitzenkandidaten allein schon deshalb auf, weil sie die einzige Frau im Kreis der aussichtsreichsten Bewerber ist. Eine, mit der überdies bei der Regierungsbildung zu rechnen sein könnte, sollten die Grünen tatsächlich ihr Sachsen-Ergebnis auf bis zu zwölf Prozent verdoppeln. Ein Ministerinnenamt in einer Kenia-Koalition mit CDU und SPD ist nicht ausgeschlossen, aber dazu sagt Meier im Wahlkampf lieber nichts.

Wahlkampf heißt in Meiers Wahlkreis Meißen 1 Bürgerkontakt – und ein Besuch in der über hundertjährigen Traditionsnudelfabrik. Die hat im Gegensatz zum Stahlwerk überlebt, die Ostdeutschen kaufen weiterhin Riesaer Teigwaren. „Warum nicht?“, kontert Katja Meier den Hinweis, dass hier doch bestenfalls einige Kunden im betriebseigenen Nudelcenter von grüner Politik zu überzeugen wären. Auch Bundesparteichef Robert Habeck ist beim Betriebsrundgang dabei. Die Bilder der beiden Grünen in hygienischer Schutzkleidung samt Haube und Spezialschuhen sind ein Leckerbissen für die Fotografen.

Das sind auch die grünen Nudeln, die hier abgefüllt werden. Zunehmend nicht mehr in Plastiktüten, sondern in abbaubaren Verpackungen. Die Bio-Linie hat einen Anteil von 40 Prozent an der Produktion erreicht, also hat der Pasta-Besuch tatsächlich grüne Aspekte. Die grüne Spitzenfrau hört interessiert, aber sachlich-nüchtern zu, macht nicht den Versuch, etwas besser wissen zu wollen. Sie wirkt generell kontrolliert und beherrscht, redet klar und ohne Schnörkel, gilt als eine, die hinter den Kulissen argumentieren und zäh verhandeln kann. Eine „Rampensau“ aber ist Katja Meier nicht. Man braucht schon etwas Fantasie, sich vorzustellen, dass die heute 39-Jährige vor 20 Jahren in der Punkband Harlekins den Bass geschlagen hat. Das war in ihrer Heimatstadt Zwickau, wo sie im Plattenbauviertel Eckersbach aufwuchs. Harter, leidenschafticher Rock, über „Geld, Macht und Korruption“. Den „Linken Marsch“ von 2013 kann man auf Youtube noch aufrufen. Heute sieht man Katja Meier die Punkerin in ihr kaum an: Sie trägt längere Haare mit Pferdeschwanz, Hemden oder unauffällige Kleider.

Beinahe streng kann sie in den drei großen sächsischen Tageszeitungen oder im MDR-Fernsehen wirken. Aber dann kommt doch dieser Moment. Als sich die Diskussion um tatsächliche oder gefühlte Gefährdungen der Sicherheitslage durch Flüchtlinge und ihre fremde Kultur aufschaukelt, ruft Meier in den Saal: „Das größte Sicherheitsproblem im Land ist der Rechtsextremismus!“ Und erntet den heftigsten Beifall des Abends. Beim MDR fetzte sie sich ähnlich überraschend mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), als es um faktische Begünstigungen der Kohlekonzerne ging.

Beifall ist ihr im Meißen-Riesaer Wahlkreis nicht so sicher. „Die AfD hat hier kein Interesse an Öko – nur an Sicherheitsfragen“, hat sie erfahren müssen, und jeder dritte Bürger wählte schon bei der Bundestagswahl 2017 die AfD. Im Stadtrat Riesa wurde bei der Kommunalwahl in diesem Mai die CDU aber noch einmal stärkste Fraktion. Der mittelsächsische Raum tendiert nicht nur zu konservativ bis reaktionär, er fühlt sich überdies noch als ländlicher Raum, also abgehängt. Kein Pflaster für die grüne Großstadtpartei?

Katja Meier dementiert und verweist auf den langsamen, aber stetigen Aufwuchs der kommunalen Mandate für die Grünen, zuletzt bei der Europa- und Kommunalwahl Ende Mai. „Wir sind nicht nur in den Städten unterwegs!“ Wenn Ministerpräsident Kretschmer die „im Wesentlichen intakte Infrastruktur“ auf dem flachen Land lobe, mag das vielleicht für die Straßen gelten. „Nicht aber für die Fahrpläne“, spricht die echtgrüne Anhängerin des ÖPNV, die selber auf ein Auto verzichtet.

„Der ländliche Raum kann ein Platz für Experimente werden“, wagt sie eine Vision mit Blick auf die bisherige Kohlelausitz. Deshalb müsse dort das künftige regionale Leitbild von unten mit Bürgern und Ideenträgern erarbeitet werden. Trotz des Kohlekompromisses bleibt die Energiepolitik die Sollbruchstelle einer denkbaren Koalition mit CDU und SPD nach den Landtagswahlen. Die Innere Sicherheit gewiss auch, wenn die CDU das neue Polizeigesetz, gegen das Grüne und Linke gerade klagen, tatsächlich verschärfen wollte.

Für die SPD wäre ein solches Dreierbündnis die einzige Chance, weiter mitzuregieren, die CDU würde Kenia nach dem Muster von Sachsen-Anhalt gerade noch akzeptieren. Die Grünen halten sich zurück, rechnen aber damit, dass sie gefragt werden. „Von unserer Stärke hängen die Themen ab“, gibt sich die Spitzenkandidatin selbstbewusst.

Hat sie selber der schnelle Aufstieg zur Spitzenfrau in Sachsen überrascht? 2015 erst war sie für die Dresdner Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen in die Landtagsfraktion nachgerückt. Und Fraktionschef Wolfram Günther ist zwar ihr Tandempartner, beide treten aber nicht wirklich als Doppelspitze auf. Nein, antwortet sie und erinnert daran, dass sie nach ihrem Studium der Politikwissenschaften, Geschichte und Soziologie schon 2005 in einem fünfjährigen West-Intermezzo Vorstandsreferentin der hessischen Grünen war. Danach beriet sie die sächsische Landtagsfraktion und engagierte sich insbesondere in der Frauenarbeit. Als Abgeordnete war sie für die Verkehrspolitik zuständig. Ernährungspolitik hätte vielleicht auch weniger überzeugt, denn Katja Meier ist keine Veganerin. Dafür spült sie ihr Geschirr hinterher mit Frosch-Ökospüler.

Michael Bartsch arbeitet als freier Journalist und Autor in Sachsen

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