Tier nebenan

Kehrseite I Ich habe kein Haustier. Ich habe nicht einmal Fische. Mein Nachbar hat einen Dackel. Der Dackel ist alt, und sein Bauch schleift über den Boden. Der ...

Ich habe kein Haustier. Ich habe nicht einmal Fische. Mein Nachbar hat einen Dackel. Der Dackel ist alt, und sein Bauch schleift über den Boden. Der Dackel hält seine Nase über einen fremden Hundehaufen. Mein Nachbar hat keine Geduld. Er schreit den Dackel an, aber der Dackel will nicht weg von dem Hundehaufen. Vielleicht ist der Dackel auch taub, denke ich, da reißt mein Nachbar an der Leine und der Dackel fliegt vor seine Füße.

Weil es regnet, lasse ich das Fahrrad stehen und nehme die U-Bahn. Mit mir steigt eine Frau ein, wie mein Nachbar hält sie eine Hundeleine in der Hand. Der Hund an der Hundeleine der Frau ist groß wie ein Kalb und hat einen vornehmen Gesichtsausdruck. Er hat lange Beine. Weil ich kein Haustier habe, nicht einmal Fische, weiß ich nicht, ob man Beine sagt oder Läufe. Die Frau setzt sich und der Hund legt sich neben sie in den Gang. Die Frau redet nicht mit dem Hund, und der Hund starrt vornehm auf den Boden. Die Frau fährt lange. Vom Südstern bis zum Adenauer Platz. Immer wieder steigen Leute ein und aus, sie müssen durch den Gang, in dem der Hund der Frau liegt, und jedes Mal bückt sich die Frau und schiebt die Beine, oder die Läufe, des Hundes sanft beiseite. Vielleicht, denke ich, ist dieser Hund taub.

Ich treffe mich mit Freundin K. in einem kleinen Café. Freundin K. tippt etwas in ihr Handy, und ich tunke das blasse Gebäck in den Capuccino, bis Freundin K. ihr Handy in der Tasche verschwinden lässt.

"Ein Hund", sagt sie unvermittelt, "das wäre was."

Weil ich nicht aufpasse, zerkrümelt das Gebäck und versinkt im Milchschaum. Freundin K. ist entzückt. Unter dem Nachbartisch liegt einer. Braun und mit seidigem Fell. Wie aus der Schappi -Werbung.

"So einer", sagt Freundin K., "müsste es schon sein, so ein Kaffeebrauner. Wenn schon, denn schon", sagt Freundin K. und seufzt: "Aber Hunde machen Arbeit."

Auf dem Nachhauseweg fällt mir plötzlich ein, dass ich eigentlich Tierpflegerin werden wollte. Oder Ornithologin. Zu meinem siebten Geburtstag bekam ich zwei Kassetten mit Vogelstimmen geschenkt.

Amsel. Lockruf..

Freundin K. und ich laufen die Treppe zur U-Bahn runter. Ich sage Freundin K., dass ich ohne Schwierigkeiten eine Elster von einem Eichelhäher unterscheiden könnte und dass Rabenvögel sehr intelligent sind. Freundin K. guckt skeptisch. "Ach", sagt sie dann, "wir müssen mal raus fahren, an einen See, hier in der Stadt verliert man doch den Bezug zur Natur."

Ich habe kein Haustier, bis vor kurzem aber hatte ich einen Fernseher. Im Fernsehen sind Tiere sehr beliebt. Obwohl ich kein Haustier habe, nicht einmal Fische, weiß ich, dass ich Hunde, die aggressiv schauen, links liegen lassen muss, und ich habe erfahren, dass Frau A. aus W. ein Problem damit hat, konsequent zu sein, und Sally das Schnappen und Knurren nicht lässt, weil sie denkt, Frau A. sei der Hund. Und nicht sie. Und dass Herr A. auch keine große Hilfe ist.

Kohlmeise. Warnruf.

Weil ich mich plötzlich daran erinnere, dass ich früher eigentlich Tierpflegerin werden wollte, erinnere ich mich auch daran, dass ich, als ich noch einen Fernseher hatte, Elefant, Tiger Co geschaut habe. Ich erinnere mich an das Lama, das umziehen musste. Ich habe noch den weichen sächsischen Tonfall des Pflegers im Ohr und ich erinnere mich an die Giraffe, die den Kopf senkte, als der Pfleger ihr in diesem weichen Sächsisch etwas schmeichelnd zuflüsterte. Ich habe dann auch Panda, Gorilla Co geschaut. Und Pinguin, Löwe Co. "Der Pinguin", erzähle ich Freundin K., "hat sich in den Wärter verliebt und ist es auch geblieben."

"Verliebt", sage ich, "seit zehn Jahren ." Ich überlege. Ich weiß nicht, ob man Wärter sagen kann und ob zehn Jahre nicht zu viel sind für einen Pinguin. Neben uns steigt eine Frau in die U-Bahn, mit Kinderwagen und einem Tragetuch samt Baby.

"Ein Kind", sagt Freundin K., aber sie spricht nicht weiter.

Weil ich die Pfleger und Pflegerinnen aus Leipzig, Berlin und Münster schon alle kannte und die Tiere auch, ging ich zu meinem Nachbarn, um ihn zu fragen, ob er mir seinen Receiver leihen könnte. Ich hätte erfahren, dass man Hessen Drei in Berlin nur über Receiver bekäme und auf Hessen Drei liefe gerade Bei uns im Zoo. Der Nachbar kratzte sich am Ohr, stöpselte und zog an seinem Fernsehgerät und dem Receiver herum und schrie seinen Dackel an, er solle unter dem Tisch liegen bleiben. Der Dackel wackelte aber durch den Flur uns hinterher. Wahrscheinlich ist er wirklich taub, dachte ich. In meiner Wohnung stöpselte und zog mein Nachbar eine Weile an meinem Fernsehgerät und an seinem Receiver herum. Sein Dackel wackelte in mein Badezimmer und dann in meine Küche. Mein Nachbar schrie und fluchte.

Hessen Drei, habe ich später erfahren, bekommt man nicht über Satellit. Und es kann sein, dass mein Fernseher über kurz oder lang sowieso kaputt gegangen wäre.

Freundin K. holt wieder ihr Handy aus der Tasche, und ich starre über die Köpfe der Fahrgäste auf den kleinen Bildschirm. Bayern hat seinen ersten Bären seit langem. Der Bär benimmt sich aber nicht. Wie die Wildschweine in Zehlendorf wühlt er in Mülltonnen und läuft über fremde Grundstücke. Der Bär in Bayern beißt auch in Schafe, die ihm nicht gehören, und plündert Bienenstöcke, ohne vorher zu fragen. Der Bär ist ein Problembär, er sucht die Nähe zum Menschen.

Am Hermannplatz verabschiede ich mich von Freundin K. Freundin K. sagt: "Wenn das Wetter wieder besser ist, fahren wir raus, ja? Raus in die Natur. Hier in der Stadt verliert man doch den Bezug zur Natur völlig."

"Ja", sage ich und winke zum Abschied. Beinahe wäre ich in ein Pärchen gelaufen, das seinen Hund ausführt. Der Hund sieht mich an und ich sehe zurück, seine Schnauze steckt in einem Maulkorb. Weil ich am Beispiel von Frau A. aus W. und Sally gelernt habe, dass man Hunden nicht in die Augen sehen darf, sehe ich lieber das Pärchen an. Das Pärchen sieht zurück, und ich sehe schnell weg.

Ich habe keine Haustiere. "Aber so ein Fisch", denke ich, als ich die Wohnungstür aufschließe und mein Blick auf den kaputten Fernseher fällt. Ich schließe die Tür hinter mir und höre gleichzeitig, wie mein Nachbar aus seiner Wohnung tritt und schon im Hausflur zu schreien beginnt. Und ich höre den Dackel über die Stufen schleifen. Ich gehe in meine Küche und koche mir Kaffee. Den Fisch hab ich schon fast wieder vergessen.

Anja Frisch, geboren 1976, studierte in Frankfurt am Main und Leipzig, lebt als freie Autorin in Berlin, im Juni erscheint ihr Erzählungsband Schneehase im Luchterhand Verlag München.


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00:00 23.06.2006

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