„Tier oder Gott“

Interview Anselm Neft ergründet das Totalitäre und Tragikomische in der menschlichen Suche nach dem Sinn
Frédéric Valin | Ausgabe 44/2016 1
„Tier oder Gott“
„Die Ablehnung gegenüber Religion insgesamt, wie sie zum Beispiel die ,New Atheists‘ praktizieren, geht mir zu weit“

Foto: Eric Lafforgue/Arabian Eye/Agentur Focus

Eine verlassene Ecke in Oberösterreich. Adam, Anfang 20, sitzt im Dachgeschoss eines Selbstversorgerhofs und lässt seine Kindheit Revue passieren. Zusammen mit der drei Jahre älteren Manda wurde er aus einem Heim adoptiert und von den radikalen Gnostikern Norea und Valentin aufgezogen. Eine Schule hat er nicht besucht, kaum einmal andere Menschen zu Gesicht bekommen. Jetzt, nach Jahren religiösen Hausunterrichts, versucht Adam, nachzuvollziehen, wie er der wurde, der er ist, und was er tun kann, um trotzdem weiterzuleben. In seinem neuen Roman Vom Licht erzählt Anselm Neft eindrucksvoll und sprachgewaltig von einer fragilen Selbstvergewisserung.

der Freitag: Herr Neft, Religion hat momentan in der westlichen Literatur keinen sehr hohen Stellenwert, insbesondere nicht ihr mystischer Anteil. Und Sekten sind besonders übel beleumundet. Auch bei mir. In Ihrem Roman wirkt die Spiritualität in ihrer Ernsthaftigkeit aber auf mich gleichermaßen unwirklich und anziehend.

Anselm Neft: Es ist nicht meine Absicht, Werbung für die Gnosis oder Aussteigersekten zu machen. Im Grunde wissen ja alle, wie schlimm Sekten sein können, und die, die es noch nicht wissen, brauchen nicht mich, um das herauszufinden. Dazu gibt es schon genug anderes. Die Ablehnung gegenüber Religion insgesamt, wie sie zum Beispiel die New Atheists praktizieren, geht mir allerdings zu weit, und zwar nicht zuletzt aus ganz pragmatischen Gründen. Wenn man Religion generell lächerlich macht, kann man – beispielsweise in der islamischen Welt – sehr schwer vermitteln. Zu sagen, die Gemäßigten machen ja erst mal nichts so Schlimmes, aber im Kern sind die genauso bekloppt wie die Terroristen – das ist kein konstruktiver Ansatz. Wenn alle Religionen immer scheiße sind, dann fallen die Differenzen weg und damit das humane Element. Ich halte den neuen Atheismus in seiner hemdsärmeligen Variante also für unkonstruktiv. Aber er ist auch lustig. Der Autor des Bestsellers Gotteswahn, Richard Dawkins, beispielsweise verweist gern auf den Dunning-Kruger-Effekt, also dass in einem Bereich inkompetente Leute ihre eigene Inkompetenz verkennen und den Wissensvorsprung anderer nicht mehr anerkennen können. Natürlich spricht er über sich selbst. Die Pointe entgeht ihm, das macht das Ganze besonders komisch.

Ihr Buch wirkt völlig aus der Zeit gefallen, wie ein Traum. Der Schriftsteller und Kritiker Dietmar Dath sagte, es sei wahr und fantastisch zugleich.

Das ist eine Beschreibung, mit der ich sehr glücklich bin. Mir ging es nicht darum, nur abzubilden, was ist, sondern auch um die Frage, welche Mythen die Realität strukturieren und das Begehren hervorbringen, das dann wieder Wirklichkeit formt. Das wirkt entrückt, ist aber hoffentlich nah dran an der Quelle, aus der sich unsere Wirklichkeit speist.

Die Frage, ob es sinnvoll ist, nach dem Sinn zu suchen, bleibt am Ende unentschieden.

Mich hat interessiert, wie es kommt, dass man über Sinn nachdenkt, was ja bedeutet, sich selbst und die eigene Prägung in Frage zu stellen. Und mich hat interessiert, wohin eine solche Auseinandersetzung führt. Es klingt nach einer steilen These: Aber in der Suche nach Sinn liegt bereits etwas Totalitäres. Der Wunsch, den Menschen, so wie er jetzt ist, zu verbessern und eigentlich zu überwinden. Ob durch religiöses Streben, Heldenkult, Faschismus, den Posthumanismus aus dem Silicon Valley oder vielleicht auch den im Veganismus angestrebten hundertprozentigen Gewaltverzicht – es ist typisch menschlich, das Menschsein überwinden zu wollen. Tiere kennen das nicht, jedenfalls vermutlich nicht. Sie sind einfach das, was sie sind, und kämpfen nicht dagegen an. Das Bedürfnis, entweder Tier oder Gott zu sein, das Verletzliche zu überwinden, nicht zwischen Himmel und Erde zu stehen, sondern unverrückbar zu sein – dieses Bedürfnis ist ein tragikomisches. Es gibt für mich in der Auseinandersetzung mit diesen Fragen keine finale Antwort, aber etwas Erdendes, etwas Melancholisches.

Zur Person

Anselm Neft wurde vor allem durch seine Satiren, Kolumnen und Glossen für Zeitungen bekannt. Der 1973 in Bonn Geborene lebt heute in Hamburg, wo er eine Lesebühne betreibt. Der Roman Vom Licht erschien im Satyr-Verlag, hat 256 Seiten und kostet 19,90 Euro

Foto: Eckhard Heck

Ihr Protagonist Adam versucht, den Sinn durch Schreiben zu ergründen; gleichzeitig aber misstraut er den Worten, sie zerfließen ihm unter der Hand.

Ja, das ist die Tragik des Schriftstellers. Mich hat das Schreiben an Vom Licht, vorsichtig ausgedrückt, in einen Zustand leichter Melancholie versetzt, weil es mir ähnlich ging wie Adam: Man versucht, mit Worten zu knacken, was durch Worte entstanden ist. Das ist ein absurder Prozess, weil Selbstvergewisserung oft eher Selbstvernebelung ist, aber dennoch einer, der angesichts der Alternativen am meisten taugt. Ich denke, wir kommen nicht drumherum, die Scheiße, die andere und wir selbst mit Worten anrichten, durch andere Worte wieder neu zu rahmen und dadurch neue Sinneinheiten zu stiften. Eine Evolution der Kultur, die aber kein Ziel haben muss, außer ständig neuen Quatsch zu fabrizieren und zu verhindern, dass es noch schlimmer wird.

Und daraus entsteht dann der absurde Humor.

Ja. Ich mag die nihilistische Perspektive, wenn sie nicht auf einen Kulturpessimismus, sondern auf Humor hinausläuft; wie bei Beckett zum Beispiel. Ich finde auch Vom Licht auf bestimmte Weise lustig. Adam macht einen riesigen Klimbim mit Worten, und am Ende merkt er, dass man damit alles und nichts begründen und ganze Welten erschaffen und wieder zerstören kann. Der Prozess ist unterhaltsam, aber das ist nicht der Weg, eine für sich selbst richtungsgebende Wahrheit zu entdecken. Am Ende zieht Adam eine Konsequenz und verabschiedet sich von der Sprache.

Was ihn aber in die Autonomie führt, was ihn unabhängig macht von Norea, ist sein Begehren, das sich einerseits inzestuös manifestiert …

Das halte ich geradezu für stilbildend in Sekten.

… andererseits aber auch durch die Lektüre de Sades, des brutalsten Aufklärers.

Dass der Marquis de Sade der Brutalste der Aufklärer war, mag für seine Schriften gelten. Tatsächlich aber zeigte er sich praktisch als Humanist. Robespierre berief de Sade als Revolutionsrichter, und im Rahmen dieser Tätigkeit sollte er natürlich auch Todesurteile aussprechen. De Sade aber weigerte sich, weil ihm Töten aus politischen Gründen pervers vorkam; dafür wäre er beinahe seinerseits auf dem Schafott gelandet. Aber ich denke nicht, dass die Lektüre von de Sade Adam ausbrechen lässt. Es ist eher sein Wille, zu leben und sich zu entfalten.

Die Zieheltern sind Gnostiker, die die Aufklärung hinter sich gelassen und sich aus der Welt genommen haben. Adam selbst kommt am Ende über die Worte zur Entscheidung, dass er was tun muss, und zieht in die Welt hinaus; oder vielmehr: Er kämpft sich in die Welt hinein.

Ja, diese Lesart gefällt mir. Die Zieheltern sind nicht trotz, sondern gerade wegen der Aufklärung religiös geworden. Ihr Wappenspruch wäre ein „Credo quia absurdum“. Für sie gehören, wie Wittgenstein sagte, Tatsachen alle zur Aufgabe, nicht zur Lösung; diese Einsicht nehmen sie als Freibrief. Wir könnten sie postfaktische und damit absolut zeitgemäße Menschen nennen.

Heute manifestiert sich das Postfaktische ja vor allem in rechtsgerichteten Bewegungen, die einer ressentimentgeladenen Weltsicht nachspüren. Ihre Anhänger werden sich in dem Buch allerdings nicht wiederfinden. Was Trump, Petry, Pegida und so weiter auszeichnet, ist ja gerade ihr selbstsicherer Auftritt; davon sind Norea und Valentin weit entfernt.

Das sollten wir den Lesern überlassen, welche Parallelen sie entdecken. Ich kann nur vermuten, dass Valentin und Norea womöglich gerissener, konsequenter und ein bisschen offensichtlicher depressiv, verzweifelt, auch suizidal sind als der übliche Populist. Sie haben weiter gedacht, sie glauben nicht an eine immanente Lösung: Hedonismus, Faschismus, Kommunismus – das ist für sie alles Quatsch, da es nur unter irdischen, also begrenzten, vergänglichen, höchst störanfälligen Bedingungen auf den Weg zu bringen ist. Ihre Kritik setzt am Körper an, am Dasein an sich. Adam ist durch sie geprägt. Wenn er leben will, muss er sich gedanklich, emotional und physisch gegen diese Positionen behaupten.

Und der erste Schritt dazu ist das Schreiben.

Ja.

Das rehabilitiert die Kultur wieder.

Wir werden da also nie ganz rauskommen (lacht und bestellt eine Linsensuppe).

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