Tierische Probleme

Geschichtsloses Fleisch Gedanken zu Bernhard Kathans Kulturgeschichte der Empfindungsfähigkeit - "Zum Fressen gern"

In den Parks unserer Großstädte sind jene von Alkohol und Nikotin ausgemergelten Gestalten zu beobachten, die ein Kampfhund an langer Leine hinter sich herzieht. Noch während wir, die Bilder von zerbissenen Kindern vor Augen, darüber fluchen, dass der Staat zögert, diese Viecher zu verbieten, müssen wir zugeben, dass unsere Großstadtprolls Recht haben: Vermutlich sind diese Kampfmaschinen nicht nur ihre einzigen Waffen, sondern auch die einzigen Wesen, die sie verstehen. Sie ihnen zu nehmen, wäre der erste Schritt, das Auto - der zweite. Wie könnten wir wollen, ein zerstörtes Leben noch einmal zu zerstören?

Tiere sehen Dich an, dieses Buch von Paul Eipper begleitete meine Kindheit. Der Blick des Affen auf der zweiten Seite ist noch heute auf mich gerichtet. Ich hatte Du und das Tier abonniert, Biologie wurde zu meinem Lieblingsfach in der Schule. Heute zieht sich bei mir etwas zusammen, wenn ich Kinderzimmer voller Tierfotos oder jene Pullover für erwachsene Frauen mit eingewirkten Katzenkonterfeis sehe. Führt der Weg zum Menschlichen zwangsläufig über das Tierische? Missbrauchen wir das Tier als die große Ausrede, um uns dem Menschlichen nicht stellen zu müssen?

Der Mensch arbeitet an seiner eigenen Neubestimmung und dies nicht theoretisch, sondern zuerst praktisch durch Zerlegung seiner selbst in die kleinsten Bestandteile, Reproduktion dieser Bestandteile und nachfolgende Neuzusammensetzung. Der Mensch geht ins Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit über. Es ist unvermeidlich, dass dabei alle Menschenprobleme noch einmal angegangen und durchbuchstabiert werden. Soeben wird diskutiert, ob der Wille als chemische Reaktion noch als freier Wille betrachtet werden kann. Wo wird die Körper-Geist-Grenze liegen, wenn sie aus dem Säurebad der Neurobiologie wieder auftaucht?

Während der große Menschenversuch läuft, verschärfen sich die Kämpfe um Tierversuche. Es kann kaum ein Zufall sein, dass diese Entwicklung mit der Neubestimmung des menschlichen Lebens zeitlich zusammenfällt. In Selbstzweifel gestürzt, hat sich der Mensch schon immer zu seinen Vorfahren geflüchtet. Je mehr das Selbstbild des Menschen in Unordnung gebracht wird, desto sicherer wird das Tier zur Projektionsfläche seiner Ängste und ungelösten Probleme.

Der Austausch zwischen Mensch und Tier reicht weit in die Geschichte zurück. Das Töten und der Verzehr des Tieres bilden, das wird in Bernhard Kathans Kulturgeschichte des modernen Menschen im Spiegel seiner Verhältnisse zum Tier deutlich, einen Knotenpunkt, in dem sich die Entwicklungslinien menschlicher Empfindungsfähigkeit stets aufs Neue verschlingen. Nirgends wird das deutlicher als in der Vorbereitung und im Zelebrieren eines Mahls. Das ist etwas völlig anderes als das, was im modernen Alltag Essen bedeutet: Fertiggericht aus dem Tiefkühlfach, aufgewärmt und "reingeschoben". Kathan zeigt, wie hier sämtliche Spuren getilgt sind, die uns mit dem Leben, dem tierischen wie dem eigenen, verbinden. Ganz anders etwa in alten Abendmahlsdarstellungen. Das Lamm mitten auf dem Tisch sieht noch verdammt lebendig aus. Wir können schlecht daran vorbei sehen, dass sein Tod unser Leben ist. Die "Ordnung des Mahles" ist sichtbar eine soziale Ordnung. Nicht jedem steht die Teilung des Bratens zu, in der Zuteilung wird eine Gemeinschaft gestiftet, die - an welchem Tisch sitzt kein Judas? - ohne den Verzehr des Tieres brüchig bleiben müsste. Der Herr sitzt am Kopfende, das zu teilende Tier ist ihm zu Händen. "Das Mahl verweist auf den Tod und über den Tod hinaus ... Seine vertikale Ordnung kennt folgende Achse: das Tier, der Gastgeber, das Göttliche."


Die vormodernen, von den großen Religionen geprägten Ordnungen des Schlachtens und Verzehrens halten noch Kontakt zum Opfer und seiner sozialen Bedeutung. Die verschiedenen Tabus und Regeln, die hierbei zu beachten sind, bewahren das Gedächtnis auf an den entscheidenden Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte, als das Menschen- durch das Tieropfer ersetzt wurde. "Im Mahl, das in der Tradition des Opfers steht, behauptet sich das Wissen, daß dem Verzehr ein Akt des Tötens vorangegangen sein muß. Im Zeitalter industrieller Fleischproduktion ist der Essende, hat er einmal bezahlt, aus allen Verpflichtungen entlassen. Das Mahl forderte vom Gastgeber, das Tier zu töten oder dessen Tötung zu veranlassen. In der industriellen Produktion und Verwertung von Tieren ist jede Erinnerung an das Opfer aufgehoben. Das Fleisch, welches wir essen, läßt weder an ehemals lebende Tiere noch an ihren Tod denken."

Kathan schreibt die Geschichte dieses epochalen Umbruchs. Dabei führt er uns durch eine Reihe von Szenen und Bildern, welche die Stationen schlaglichtartig beleuchten. An alten Kochbüchern aus der Mitte des 19. Jahrhunderts demonstriert er, "wie das Mitleid Einzug in die Küche hielt". Was zuvor völlig selbstverständlich war, dass die zuzubereitenden Tiere in der Küche geschlachtet wurden, gerät nun zunehmend in Verruf. Diskussionen über die am wenigsten Schmerz zufügenden Techniken des Schlachtens waren ebenso die Folge wie wachsende Kritik an Techniken des Mästens, wie etwa des Stopfens von Gänsen.

Wer in dieser Entwicklung vorschnell den endgültigen Durchbruch der Humanität sehen möchte, wird auf die Kryptogeschichte dieses Umbruchs in der bürgerlichen Küche hingewiesen. Denn parallel zur allmählichen Verbannung des lebenden Tieres und seines Todes aus der Küche, entwickeln sich die modernen Schlachthöfe als Fabriken der mechanisierten Massentötung. In Kathans Darstellung zeigen sich die Küche, die Seziertische der Vivisektion und die Schlachthöfe als das große, zusammenhängende Laboratorium, in dem die Grenzen zwischen Leben und Tod, zwischen Lebewesen und Ding, zwischen Empfindung und Schmerzlosigkeit neu vermessen werden. Lebt der geköpfte Frosch noch? Ist die langsame Erhitzung von lebenden Krebsen im Kochwasser Tierquälerei? Kennt ein Tier Schmerz wie du und ich?

Das Verschwinden des Todes aus der Küche, der Einzug der Betäubung in das fabrikmäßige Schlachten und das Verräumen der Guillotine, selbst schon Werkzeug des raschen und "humaneren" Todes, vom öffentlichen Platz in die Gefängnishöfe stellen sich hier als ein und derselbe Prozess dar. Für Kathan besteht er im Kern aus der Auftrennung zuvor bestehender Lebenszusammenhänge. Auf dem Lande, wo Reste des Zusammenhangs noch bestehen, wird immer ein bestimmtes Tier geschlachtet, ein Individuum. Die gesamte rituelle Umgebung, welche den symbolischen Tausch zwischen Mensch und Tier, zwischen Leben und Tod vermittelt, kann hier noch erlebt werden: die Reinigungen, die Teilung und Verteilung des Tieres unter Nachbarn, das gemeinsame Mahl.

Im Schlachthof ist nicht einmal der Tod mehr eins. Ihm geht die Betäubung voraus, welche die Grenze zwischen Leben und Tod des Tieres verwischt. Das Schlachtvieh hat keinen Namen mehr. Es gibt keine bestimmten Menschen mehr, die bestimmte Tiere töten. Dank der entwickelten Arbeitsteilung und der mechanisierten Beschleunigung verschwindet der Tod in einem unaufhaltsamen Kontinuum zwischen Anlieferung des Tieres und Auslieferung der Wurstdose. "Industriell gefertigte Waren teilen uns ihre Geschichte nicht mit. Das Fleisch, welches wir kaufen, ist geschichtslos." Während alle Verbindungen gekappt sind, welche einmal Leben und Tod, Freude, Lust, Angst und Schmerz antagonistisch zusammenhielten, tauchen Empfindungen in anderem Zusammenhang und in anderer Potenz auf, etwa als Tierliebe zum Schoßhund. Diese bürgerliche "Liebe" ist von der Achtung des Adligen vor seinem Pferd ebenso weit entfernt wie vom Verständnis des Bauern für sein Vieh, das er umsorgt, um es einmal zu schlachten.

Wir haben das Opfer nicht ohne Folgen geopfert. "Wir wissen nicht mehr um jene sensible Balance, die den Essenden nicht nur nährt, sondern auch in die Pflicht nimmt. ... Das Leben des modernen Menschen kennt keine klaren Ubergänge mehr." Das Drama von Leben und Tod, von Teilen und Zuteilen, von Verzehren und Ausscheiden "hat seine symbolische Ebene verloren." Nur zum Schein haben wir alles unter Kontrolle. In Wirklichkeit haben wir die Kontrolle an die Fleischfabriken und die Gesundheitsfabriken abgegeben. Wie wenig diese Kontrolle funktioniert, wissen die Epidemiologen mit Blick auf eine zugleich fresssüchtige und permanent abnehmende Gesellschaft zu berichten, von den "Fleischskandalen" ganz zu schweigen.

Wer sich aus der eigenen Kindheit an Menschenquälerei am Familienesstisch erinnert, wird die Kapitel mit Gewinn lesen, in denen der Problemknoten von Essen, Disziplinierung und Sexualität aufgeschnürt wird. Hier kommt zutage, was man - und frau - immer schon geahnt hat, sei es etwa die Nähe von Tranchiermesser und Skalpell, sei es die Inszenierung der Frau als Braten. Das Bild einer ordentlichen, weiß eingedeckten Mittagstafel hat sich uns mit ambivalenten Gefühlen eingeprägt. Was musste nicht alles an der Kehrseite des Bürgerhauses verschwinden, um diese Anordnung herzustellen: die Vorräte im Keller, der Abfall in der Mülltonne, die Ausscheidungen im Wasserklosett. Lust und Gier auf Messerbänkchen gefesselt. Gelingen die Trennungen nicht, können daraus blutige Krimis werden, wie in Johann Peter Hebels Wie eine greuliche Geschichte durch einen gemeinen Metzgerhund ist an das Tageslicht gebracht worden. Die Interpretation dieser Geschichte vom verzweifelten und letztlich vergeblichen Unter-den-Teppich-Kehren des Unheils gehört vielleicht zu den dichtesten Passagen des Buches.


Doch worauf laufen die kulturgeschichtlichen Studien zum Mensch-Tier-Verhältnis hinaus? Der Autor vermeidet es, mit Theorien aufzutrumpfen. Er lässt das Material sprechen und scheut sich nicht, zur Zuspitzung von sich selbst zu sprechen, etwa wo es um die Kindheitserfahrung des Tötens von Tieren geht. "Als Kulturhistoriker stehe ich nicht außerhalb von Raum und Zeit." Die "zivilisierte" Empfindsamkeit, welche die Spritze des Tierarztes der Axt des Bauern vorzieht, umfasst auch den Autor, aber er empfindet "doch einen Verlust", wenn er an die "sichere und ruhige Hand" des Metzgers auf dem Hof zurückdenkt.

Trägt Kathan auch keine Theorie vor, so legt er doch durch die Materialanalysen hindurch eine nahe. Angesichts einer Gesellschaft, deren Mitglieder Hundefriedhöfe pflegen, sich selbst jedoch immer häufiger anonym bestatten lassen, muss gesagt werden, dass sich das Mensch-Tier-Verhältnis, was die Empfindungen angeht, verkehrt hat. Der Mensch stellt sich nicht mehr nur, wie wir es aus vielen Märchen kennen, als Tier dar, er projiziert seine Empfindungsfähigkeit auf ein Tier, das, vollgefressen und neurotisch jaulend in der Sofaecke liegend, mit Tieren nur noch sehr bedingt zu tun hat. Am Ende einer langen Reihe von Trennungen der Menschen von ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen steht das vermenschlichte Tier und der unmenschliche Mensch.

Der Verlag lässt im Titel nicht recht aufscheinen, in welcher Dimension sich das Buch bewegt. Es ist eher eine Kulturgeschichte des modernen Menschen, betrachtet aus dem Blickwinkel des Tierisch-Symbolischen. Zusammengenommen mit der im selben Verlag erschienen Geschichte der Medizin (Das Elend der ärztlichen Kunst) ist dies der zweite Band eines großen Buches der Trennungen. Letztlich geht es um die Vergeblichkeit, des Lebens in von ihm abgetrennter Form habhaft zu werden. Für Kathan ist wie in der Medizin die Geschichte der Mechanisierung und der Arbeitsteilung ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Mensch-Tier-Verhältnisses. Immer ist die bewegende Frage, wie die zugriffs- und forschungsgerechte Zerlegung des Lebens die Empfindungsfähigkeit berührt und verändert. Die Aufgabe des Kulturgeschichtlers besteht darin, die in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft vollzogenen Trennungen in der Darstellung aufzuheben.

Selbst wer neben dem alles beherrschenden Gesichtspunkt der Auftrennung und Mechanisierung von Lebenszusammenhängen andere ins Feld führen will, kann seine enorme Produktivität nicht leugnen und ist gespannt auf einen weiteren Band von Kathans Kulturgeschichte der Extrovertierung unserer Gefühle.

Bernhard Kathan: Zum Fressen gern. Zwischen Haustier und Schlachtvieh. Kulturverlag Kadmos, Berlin 2004, 256 S., div. Abb., 18,50 EUR


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00:00 24.12.2004

Ausgabe 38/2020

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