Tiger

A–Z Wir leben laut chinesischem Horoskop 2022 im Jahr des Tigers. Die Wildkatze ist weiter bedroht, nun aber auch Symbol der Generation Z. Früher Sinnbild für Energie und Potenz dienen Tiger heute auch als Metapher für Corona

A

Anker-TattooKönnen Sie sich noch an die Anker-Tattoos erinnern? Ich habe tatsächlich vergessen, wann es angefangen hat, aber irgendwann hatte jeder Hipster* (aber nie ein*e echt*e Matros*in), der was auf sich hielt, ein Anker-Tattoo. Meistens am Knöchel oder Handgelenk. Die Bedeutung war: Liebe, Freiheit, Sehnsucht, Zusammenhalt – oder so. Das Tiger-Tattoo hat das Anker-Tattoo nun abgelöst. Es soll das neue originelle, allgemeingültige Zeichen für Individualität der Gen Z sein („Guck mal, habe ich mir auf Bali stechen lassen“). Mensch kann jetzt Tinder-Fuckboys* und Australian-Work-and-Travel-Girls* am Tiger-Tattoo – gerne auf dem Unterarm oder auf den Rippen, aber so klein wie möglich – erkennen. Also besser beim Online-Dating nach rechts wischen. Und vor dem nächsten Trend zum Tattoo-Artist des Vertrauens gehen, der hat bestimmt lauter vordesignte Ideen, also echt ganz individuell. Clara von Rauch

D

Drill Mütter sind eigenartigen Zuschreibungen ausgesetzt: Es gibt die amerikanische Soccer Mom, die europäische Helikoptermutter, außerdem Raben- und sogar Pelikanmütter. Amy Chua hat es als Tiger Mom zu Weltruhm gebracht. 2011 erschien ihr gleichnamiger Bestseller (dt.: Die Mutter des Erfolgs). Darin räumte die Amerikanerin, Kind chinesischer Immigranten und spätere Yale-Professorin, mit den Erziehungsmethoden westlicher Mütter auf: zu weich, zu inkonsequent, zu faul. Wer sein Kind liebe, der müsse es fordern: Übte die Tochter nicht genug Klavier, drohte Tigermama, Plüschtiere zu verbrennen, oder mit Prügel. Sie sehe Kindheit als Trainingsphase, erklärte Chua. Das brachte ihr neben enormer Auflage auch Morddrohungen ein. Sind China und andere asiatische Länder (➝ Tigerstaaten) erfolgreich, weil frühkindlicher Drill da System ist? Amy Chuas jüngere Tochter, das unfreiwillige Wunderkind, rebellierte im Alter von 13 Jahren: „Ich hasse dich, du hast mir die Kindheit ruiniert.“ Maxi Leinkauf

H

Horoskop Wer zwischen dem 1. Februar 2022 und dem 21. Januar 2023 geboren wird, hat nach dem chinesischen Horoskop das Sternzeichen Tiger, dem Mut, Offenheit, Durchsetzungswille und Unabhängigkeit zugesprochen werden. Alle zwölf Jahre gibt es diese Chance. Und, hurra, ich zähle auch dazu. Deshalb also mochte ich den Pop-Song I’m a tiger (1968) so und habe ihn immer noch im Ohr. Die schottische Sängerin Lulu gehört ihrem Geburtsjahr nach indes zu den „Ratten“. Die gelten als geistesgegenwärtig, anpassungsfähig, einfallsreich, freundlich, intelligent. Dass der Zodiac-Zyklus mit ihnen beginnt, geht auf eine uralte chinesische Legende zurück. Yu Di, der Jadekaiser, der im Daoismus als Hauptgott für das höchstes Prinzip des Himmels steht, hatte einen Wettbewerb ausgerufen. Durch die Ankunft zu seinem Fest sollte die Reihenfolge der Tierkreiszeichen bestimmt werden. Der Ochse (zuverlässig, fleißig) brach schon in der Nacht zuvor auf und traf als Erster ein. Der Tiger kam früh am folgenden Morgen an und war Zweiter. Aber die Ratte ritt im Geheimen auf dem Ochsen und sprang hinunter, als sie den Jadekaiser sah. Die List wurde belohnt. Der Ochse wurde Zweiter, der Tiger musste sich mit Platz drei abfinden. Irmtraud Gutschke

K

Kubismus Franz Marcs 1912 entstandener Tiger aus der Sammlung des Lenbachhauses in München ist ein gar nicht so großes Gemälde. Dennoch ist es eine Ikone des Kubismus – ungewöhnlich das beinahe quadratische Bildformat. Sein mächtiges, kantiges Tier ist mehr als ein Tiger: Marc gelingt es hier, das Wesen der Raubkatze selbst zum Ausdruck zu bringen – diese Essenz von Kraft, Eleganz, Geschmeidigkeit und Energie (➝ Reklame). Schon vier Jahre zuvor hatte der gebürtige Münchner die Skulptur eines Panthers geschaffen. Nun rezipiert er den Kubismus und seine scharfkantige Geometrisierung der Bildfläche, vor allen Dingen das Werk von Picasso und Cézanne, schon merklich deutlicher. Doch wandelt er das Gesehene in eine ganz eigene Bildsprache um. Dieses Tier evoziert eine unheimliche Stimmung, der wir uns auch heute kaum entziehen können. Marc Peschke

M

Metapher Was wäre Dinner for one ohne Tigerfell als Stolperfalle? Gut abgehangen ist die Bemerkung, jemand sei als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet. Andere gehen für kleine Königstiger oder haben solche im Tank. Friedrich Nietzsche schrieb, der Mensch werde seine Tiernatur nie ganz ablegen, er reite „gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend“. Und Karl Lauterbach warb Ende des vergangenen Jahres wortstark fürs Impfen: „Sie können nicht mit einem Tiger als Haustier leben“ ( Tiger King). Tobias Prüwer

P

Potenz Es ist eine Verheißung, und der Tiger verkörpert sie. Das Bild des wunderbaren und bedrohten Raubtieres ziert die Verpackung manch dubioser Angebote. Eines der Mittel, aus dem die Kraft sich speist, stammt angeblich aus Tigerknochen, die zu einer Paste verarbeitet werden. Aus Vietnam wird berichtet, dass Wilddiebe immer wieder Jagd auf die Tiere machen, um diese Paste herzustellen und teuer zu verkaufen. Eine merkwürdige Potenz-Performance lieferte kürzlich ein thailändisches Pornomodel, das einem sedierten Tiger kamerawirksam an die Hoden fasste. Diese Art von Potenzkontrolle weckte Schutzreflexe bei empfindsamen Männern. Wegen dieser Respektlosigkeit folgte ein Shitstorm in den sozialen Netzen. Magda Geisler

R

Reklame „Pack den Tiger in den Tank“ hieß es ab 1965 munter alliterierend im deutschen Werbefernsehen. In anderen Ländern war das freundlich grinsende Raubtier schon seit den Fünfzigern als Werbefigur tätig, hierzulande sorgte es erst später für Furore. Kinder quengelten vom Rücksitz, dass Papi seinen Opel Kadett doch unbedingt bei Esso betanken sollte, denn dort gab es außer Benzin auch Plüschtiere, Bilderbücher und Aufkleber. Der Tiger war ein Hit. Bis ihm 1968 der Garaus gemacht werden sollte. Aber auch das war Teil der Kampagne. „Der Tiger muss weg“, meinte ein fiktiver Reklamefuzzi in den neuen Werbespots, doch der fröhliche Knuddelkumpel hielt dagegen: „Ich habe viele Freunde. Die keine Trauerklöße sind.“ Die Kampagne „Rettet den Tiger“war in aller Kinder Munde, trotzdem wurden seine Auftritte seltener. Ab 1974 hieß es bei Esso: „Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an.“ Der Tiger blieb aber im Gedächtnis der Boomer ausgesprochen lebendig. Selbst wenn die heute Elektroautos fahren. Joachim Feldmann

S

Südostasien Den Begriff „Tigerstaaten“ kennen einige noch aus dem Geografieunterricht: Ab den Achtzigern wurden so die dynamischen Volkswirtschaften Südostasiens genannt. Aufgrund dieser, für den Westen überraschenden Wirtschaftskraft wurden Südkorea, Singapur, Taiwan und Hongkong damals die „Tigerstaaten“.

Sie hatten sich rasch von Entwicklungsländern zu Industriestaaten gemausert. Zunächst war der Niedriglohnsektor für Wachstum verantwortlich, dann der Hightech-Bereich. In den Neunzigern zierte der Begriff so manches „Spiegel“-Cover. Da befanden sich diese Staaten in der „Asienkrise“, hatten ihre sprunghafte Dynamik eingebüßt. Aufgrund der ökonomischen Monokultur und Abhängigkeit von ausländischen Investoren waren die Wirtschaften recht instabil. Zudem wurde eine bessere soziale Absicherung der Bevölkerung nötig – und von dieser eingefordert. Den Namen „keltischer Tiger“ erwarb Irland, weil es aufgrund weniger Regulierungen und geringer Steuern Finanz -und Techfirmen wie Google und Facebook anlockte. Tobias Prüwer

T

Tiger King Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat mit Blick auf den Umgang mit der Virusvariante Omikron metaphorisch vor einem Tiger als Haustier gewarnt. Mit einem echten Tiger kann man allerdings durchaus zusammenleben. Wie gut oder schlecht, zeigt die Netflix-Dokuserie Tiger King (der Freitag 16/2020) rund um den amerikanischen Trash-Glam-Star Joe Exotic, einen ehemaligen Betreiber eines Privatzoos. Im Film wird er als „gay, gun-loving, drug addicted hillbilly redneck“ bezeichnet. Er führte die größte Großkatzenzuchtanlage weltweit, wurde zum Internet-Phänomen mit eigener Webshow, versuchte sich als Country-Musiker, hatte zeitweise zwei männliche Ehepartner, kandidierte 2016 als US-Präsident und 2018 als Gouverneur (er ging bei der Wahl tatsächlich als Dritter durchs Ziel). Derzeit verbüßt er eine Freiheitsstrafe von 22 Jahren wegen Auftrags zum Mord und grober Verstöße gegen Tierschutzgesetze.

Jede einzelne – unfassbar exzentrische – Figur in diesem von den Filmemachern in fünf Jahren Arbeit aufgearbeiteten Universum wäre ein eigenes Biopic wert. Und am Ende wandern viel zu wenige von ihnen ins Gefängnis, hat Medienjournalist Stefan Niggemeier so treffend formuliert. Der Film ist eine dramaturgisch gelungene Mischung aus True Crime, kritischer Dokumentation, Drama und Sittengemälde zwischen verirrter, egomanischer Männlichkeit und einem fehlgeleiteten amerikanischen Freiheitsbegriff. Verblüffender Fakt: In den USA leben mehr Tiger in Gefangenschaft als im Rest der Welt in freier Wildbahn. Elke Allenstein

Trophäe „König des Dschungels“, „Zar der Taiga“ – der Tiger gilt als Sinnbild der Stärke. Seit jeher hat die herrliche große Katze Menschen beeindruckt. Ein Krafttier: Im Hinduismus reitet die Göttin Durga auf einem Tiger, während Shiva auf einem Tigerfell sitzt. In Europa wurden Tiger erst durch die Asien-Feldzüge Alexanders des Großen (330 – 325 v. Chr.) bekannt. Wenig später gelangte der erste Tiger als Geschenk des Königs Seleukos I. nach Athen. Und in Rom bekam Kaiser Augustus (63 v.Chr. – 14 n. Chr.) aus Indien einen Tiger geschenkt. Trophäen der Macht: Kriegsherren trugen Tigerfelle, Herrscher breiteten sie über ihren Thron. Es gab einen regen Handel mit ihnen. Gruslig so ein Fell an der Wand im Wohnzimmer oder vor dem Kamin? Unsere Vorfahren sahen es anders. Männer konnten den Anschein erwecken, sie seien selbst auf Großwildjagd gewesen. Und Frauen im Tigerpelz lockten mit doppeldeutigen Signalen: Jägerin oder Opfer. Wladimir Putin soll richtig gerührt gewesen sein, als er zum 56. Geburtstag ein zwei Monate altes Tigerbaby geschenkt bekam. Fotos zeigen, wie er es streichelt. Er übergab es einem Zoo. Irmtraud Gutschke

Z

Zirkus Er ist seit Jahrhunderten Schauplatz der Vorführung des dressierten und gezähmten Raubtieres. Ob einst im Kolosseum von Rom, später in den von Sägespänen bedeckten Arenen unter dem Zirkuszelt oder in den glanzvollen Show-Palästen von Las Vegas – das wilde Tier wird unterworfen und in den Dienst der Massenunterhaltung gezwungen. Solche Dressurakte sind heute dem Vorwurf menschlicher Hybris ausgesetzt. Auch Montecore, der weiße Tiger, gehörte zur Magier- und Dompteursensation Siegfried & Roy, die Weltstars waren. Im Jahr 2003 wurde Roy Horn während einer Aufführung von Montecore angegriffen und schwer verletzt. Wie es dazu kam, wird noch immer heiß diskutiert. Magda Geisler

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