Tigersprung ins Unbekannte

Zum 100. Todestag von Jules Verne* Die Stiefschwestern Utopie und Science Fiction- sie stehen auf verlorenem Posten in einer Zeit, die keine Alternativen mehr kennen will

"Es wächst hienieden Brot genug / Für alle Menschenkinder, / Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust, / Und Zuckererbsen nicht minder"
Heinrich Heine

Schon der germanische Mythos kannte urd, werdandi und skuld, die Schicksalsgöttinen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die das Menschenleben umspinnen. Die Spannung zwischen den Ebenen im Verfluss der Zeit hat - so weit wir zurücksehen können - die Geister beschäftigt. Ist das Künftige bloß die Wiederkehr des Vergangenen, einfache Verlängerung der Gegenwart oder dramatischer Einbruch des nie Dagewesenen? Handelt es sich um eine Abfolge von eherner Logik oder eine Spielwiese der Phantasie?

Die Kraft der Wünsche und Einbildung hat, wie auch immer, stets die Zeitdimensionen verwischt oder sich in ebenso tiefinnere wie ferne Räume verschoben. An ihren Schnittstellen siedelte sich "vorwegnehmendes Denken" (Mitscherlich) an und erschloss das Mögliche als andere Seite des Wirklichen.

Auf den ersten Blick wimmelt es in unserer Gegenwart von Zukunft. "Der Krieg der Sterne" und tutti quanti in Film und Fernsehen malen wissenschaftsdichterisch unerhörte Fantasy-Konstellationen aus. Es sind dies mehr oder minder einfallsreiche Verlängerungen gegenwärtiger Zustände in ein technisch-wissenschaftliches Irgendwo. Dass diese Visionen freilich nicht herkunftslos sind, belegt ihr zweiter jüngster Paukenschlag, nämlich der "Herr der Ringe". Mythen und Märchen werden darin in ein raumzeitliches Ungefähr gebracht, in dem sich Gut und Böse bis aufs Messer bekämpfen. Wie wir es auch drehen und wenden, hinter der Draperie des Phantastischen lugt der gewordene und zeitgenössische Adam hervor, der als fremd ausgibt, was uns durchaus vertraut ist. Der Horizont des Möglichen dehnt sich, aber er wird nicht wirklich überschritten. Und genau das scheint die Schranke einer Gegenwart zu sein, die sich das ganz Andere nicht mehr vorzustellen vermag.

Zauber der Utopien

Auch die klassischen Zukunftsgemälde der Vergangenheit blieben dem bloß Wirklichen verpflichtet, aber sie standen kritisch zur bestehenden Ordnung und überwanden sie in einem wahren Tigersprung der Imagination. Sie setzten an geschichtlichen Bruchstellen ein, in denen das Alte nicht mehr trug und das Neue noch nicht vorhanden war. Das mannigfache utopische Vorkommen der vergangenen 2.000 Jahre ist gekennzeichnet durch ausgemalte ideale Zustände einer schon immer gegebenen Harmonie des vernünftig geordneten kommunistischen Gemeinwesens. Es gründet auf zweckgerichteter Erziehung, einer symmetrischen und uniformen Sozialität, auf kollektivistischer Leitung. In einer überwältigten Natur bilden die Utopien zur Gegenwart verkehrte Welten gemeinsamen Glücks ab. Ihre großen Schübe erfolgten nach den religiös-sozialrevolutionären, chiliastischen Zukunftsentwürfen (Joachim von Fiore) und Bewegungen (der Hussiten) des Mittelalters im Bann des aufsteigenden Bürgertums. Thomas Morus´ "Utopia", das dem Genre seinen Namen gibt, Francis Bacons "Nova Atlantis" und Tommaso Campanellas "Sonnenstaat" spiegeln den rationalen Geist der Renaissance, der mit der Vergangenheit bricht und neue Ordnungsgebilde in seinem Sinne entwirft. Merkmale des "künstlichen Paradieses" sind nach dem bekannten Utopieforscher Michael Winter: "Geborgenheit, Planung, Regelmäßigkeit des Lebens, kein Müßiggang, aber Befreiung von der größten Arbeitslast, allgemeiner Wohlstand, aber kein Privateigentum, und Geringschätzung von materiellem Reichtum, Überfluss an allen Lebensprodukten, vergnügtes, frohes Leben ohne Sorge und Todesangst, ewiger Friede, Gesundheit, langes Leben, höchste Toleranz." Erst dies vollendet eigentlich die Schöpfung und wird auch von christlichen Utopikern wie Johann Valentin Andreä in "Christianapolis" aufgegriffen.

In Aufklärung und industrieller Revolution steigern sich die Utopien zur Flut. Allen voran französische naturrechtlich-sozialistische Denker von Morelly und Mercier bis zu Cabet, Fourier und St. Simon. Gemeinsam sind ihnen die Vorstellung von der "perfectibilité de l´homme" und ein ungeheurer Fortschrittsoptimismus. Auch die junge Arbeiterbewegung beteiligt sich in Gestalt von Wilhelm Weitlings kommunistischer Utopie und Karl Marx´ historischer Dialektik der sozialen Revolution. Im Volk sind Zuckererbsenbilder à la Schlaraffenland lebendig. Es fällt auf, dass sich die Zukunftsentwürfe der realen Geschichte anzunähern, ja in sie zu stürzen beginnen, und sich nicht selten als ihre antreibenden Vorreiter begreifen. Die imaginierte Zukunft wandert in die Gegenwart ein - damit schlägt die Geburtsstunde der Stiefschwester der Utopie, nämlich der Science Fiction.

Reiz der Science Ficton

Sie kommt nicht von ungefähr. Erste Anklänge finden sich bei Francis Bacon, in "Gullivers Reisen" von Jonathan Swift oder in "Niels Klims unterirdischen Reisen" von Ludvig Holberg. Oder bei E.T.A. Hoffmann, Mary Wollstonecraft Shelley (Frankenstein) und Edgar Allan Poe. Das sind keine Sozialutopien als Verneinung des Bestehenden, sondern Extrapolationen der Gegenwart in eine technisch-wissenschaftlich angeleitete hypothetische Zukunft. Erster Großmeister des neuen Genres wird Jules Verne, der im ausgehenden 19. Jahrhundert Romane und Erzählungen schreibt, die vor allem "voyages extraordinaires" schildern - zum Mond, zum Mittelpunkt der Erde, in die Tiefsee. Er verbindet narrative Spannung und Fabulierlust mit profunder Kenntnis neuester technischer Entwicklungen, die er - darin ganz Kind seiner Zeit - enthusiastisch begrüßt und nicht im mindesten anzweifelt. Mit ihm beginnt die literarische Massenproduktion von Science Fiction. In seiner linearen technischen Phantasie zeichnen sich bereits die nächsten Erfindungen ab wie Raketen, U-Boote oder Hubschrauber. Sie stellen keinen Tigersprung ins Unbekannte mehr dar, sondern nur mehr die Vollendung des bereits Halbgewussten. Fortan soll diese Art Wissenschaftsdichtung den eigentlichen utopischen Strom begleiten.

Dieser ist auch und gerade im fin de siècle keineswegs versiegt, wie "Erewhon" von Samuel Butler, "Looking Backward" von Edward Bellamy (die Blaupause einer sozialistischen Planwirtschaft) oder "Utopia" von William Morris zeigen. Der hat sich den Zukunftsraum mit der Science Fiction zu teilen, die mit Herbert George (H.G.) Wells um die Jahrhundertwende einen ihrer größten Protagonisten hervorbringt. Er liefert mit "The Time Machine" und "The War of the Worlds" den Stammfundus des Genres bis heute, erfindet menschenfressende Pflanzen, Zeitreisen, Aliens, neue Waffen. Als ethischer Sozialist steht er den Bolschewiki nahe und wird von Lenin geschätzt. Im Metier wetteifern technologische Zukunftsimpulse mit humanistisch gelagerten Raum- und Planetengeschichten, denkt man etwa an Alexander Bogdanows "Der rote Stern".

Einen Höhepunkt ereicht die ebenso sozial wie technisch geleitete Science Fiction in der kulturrevolutionären Atmosphäre der Sowjetunion während der zwanziger Jahre - sie gilt als politischer Entwurf des Kommenden.

Absturz in die Geschichte

Aber gerade dort, wo sich die Utopie mit dem realen Geschichtsprozess verschwistert, büßt sie paradoxerweise an optimistischer Strahlkraft ein. Im 20. Jahrhundert der Katastrophen erobert der Stalinismus die sozialistische Agenda und korrumpiert ihre Zukunftsentwürfe bis auf die Knochen. Der Kapitalismus entwickelt sich ebenso technologisch rasant, wie er schwere soziale Erschütterungen hervorbringt und schließlich im Zeitalter der Globalisierung eine sich beständig ausdehnende Produktions- und Kosumtionsmaschine entwickelt, die keine Alternative zu sich mehr kennen und zulassen will. Es ist daher kein Zufall, dass die letzten großen Utopien genau jene Vorgänge abbilden: Jewgenij Samjatins "Wir", wo ein anonymer totalitärer Staat die Menschen reglementiert oder - bei Aldous Huxleys "Brave New World" - eine Art eugenische Technokratur. Bei George Orwells Roman "1984" wird die Klassengesellschaft auf die Spitze getrieben, es herrscht ein gleichgeschalteter Meinungsterror.

Der "Pfad der Geschichte in jeder dieser zahllosen potentiellen Welten" (John Brunner) ist derzeit so beherrschend ausgetreten, dass die beiden Stiefschwestern Utopie und Science Fiction ausgedient zu haben scheinen. Jene hat mit Ernest Callenbachs "Ökotopia" einen Spätableger hervorgebracht und ist seither verstummt. So unterschiedliche Autoren wie Joachim Fest und Richard Saage thematisieren bereits das Ende der politischen Utopie. Die Science Fiction scheint ihren Fundus vorerst erschöpft zu haben, nachdem sie mit Stanislaw Lems Zukunftsphantasien und Ursula K. Le Guins düsteren Warnungen noch einmal beachtliche, der Utopie benachbarte Höhen erklommen hat. Es wäre nicht die erste philosophisch-wissenschaftliche Erfindung des menschlichen Geistes, die ein solches Schicksal trifft.

Wer sich in die Geschichte begibt, kann in ihr umkommen. Das betrifft etwa die Mythologie, die an ihr zugrunde gegangen ist, das gilt für viele Theorien und Utopien. Es ist nicht einfach so, dass sie sich diskreditieren - vielmehr werden sie vom Realprozess überrollt und erstickt. Für unsere Zeit lässt sich dieser Prozess als Universum abgedichteter Sinnräume entziffern, bei denen Gegenwart und Zukunft in einer Existenzform zusammenfallen, die sich als beste aller Welten wähnt, trotz aller Individualität überaus konform ist und das Widerständige ausschwitzt.

Was die Utopien angeht, so sind sie an ihrem Geschick nicht unschuldig. Schließlich nähren die Staatsutopien nicht unbegründet den "Tyranneiverdacht gegen die Utopie des öffentlichen im Namen des privaten Glücks" (Michael Winter), und auch die Vagheit, mit der die Träger der Umwälzung auf die Staatsutopie reagieren, trägt zu deren Abschiebung ins abstrakte Abseits bei. Im Verlauf der Geschichte haben sich "die utopischen Ansprüche der Fantasie gesättigt mit historischer Realität" (Marcuse) und eben darum gegabelt: in einen systemkonformen Mainstream, in totalitäre Menetekel und in abgedrängte Wurmfortsätze der ideellen Befreiungsgeschichte. Ist darum der "Traum der wahren und gerechten Lebensordnung" (Horkheimer) ausgeträumt? Selbst wenn dem so wäre, gehört er zum menschheitsgeschichtlichen Schatz und müsste von der UNESCO zum "Weltkulturerbe" erklärt werden.

Aber dem ist nicht so. Das utopische Vorkommen in der Welt ist nicht erloschen. Schließlich gab es ja neben den etatistischen auch immer wieder Utopien der Freiheit und Offenheit, der Lust, der Gerechtigkeit und der Naturallianz. Möglicherweise hat sich der utopische Impuls, der fundamental das Andere der menschlichen Existenz jenseits des Gegebenen darstellt, nur verlagert und schickt sich zu neuen Formen an, nachdem die alten ausgeschöpft sind. Wenn nicht alles täuscht, hat er sich zum Subjekt gemausert, das in die von der klassischen Utopie wenig berührten Räume privaten Glücks einwandert, in den locus amoenus des Gartens etwa oder in die Liebe. So dass nicht mehr die Architekten der großen Wohlfahrt gefragt wären, sondern die stillen (selbst)therapeutischen Sinnstifter in einer individualisierten Welt. Solidarität und Phantasie als gerade in dieser Welt nachgefragte Ressourcen, der analytische Blick und die Zukunftshoffnung mögen dann ihre Grundlage in einer Assoziation der Subjekte finden, die nach Befreiung von den Gebrechen dieser Gesellschaft trachten. Utopia wäre dann nicht zu ersinnen und vorzusetzen, sondern in vorderster Front des Geschehens zu gestalten. Anlässe und Ziele ihrer Konkretisierung gibt es genug.

(*) Jules Vernes 100. Todestag war am 24. März 2005

Zum Weiterlesen: Michael Winter, Compendium Utopiarum, Stuttgart 1978 / Wilhelm Voßkamp, Utopiefosrchung, 2 Bde., Stuttgart 1982 / Dieter Wuckel/Bruce Cassiday, The Illustrated History of Science Fiction, Leipzig 1989.


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00:00 01.04.2005

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