Tigerstaaten auf der Spur

Afrikas Wirtschaft „Afrika ist das neue Asien“, findet Christian Hiller von Gaertringen. Aber wer profitiert denn vom strammen Wachstumskurs?
Christoph Leusch | Ausgabe 45/2014 4
Tigerstaaten auf der Spur
Beteiligung statt Almosen: das Idealbild chinesischer Unternehmer in Afrika

Foto: Per-Anders Pettersson / Laif

Korruption, gescheiterte Staaten, Seuchen, aktuell Ebola, die zahlreichen ethnischen und religiösen Konflikte, weit verbreitet Hunger und Mangelernährung, abermillionenfache Armut, die schlechteste Infrastruktur aller Kontinente: Afrika gilt als ewiger Krisenkontinent und liefert die medialen Dauerthemen. Allenfalls als Reiseziel zu wilden Tieren und Folklore, bei dem Europäer in einer Wohlfühlblase leben, sowie als Ort zahlreicher TV-Selbstfindungs-Melodramen unter Zelten, auf Tierschutzfarmen, unter Südsternhimmeln löst der Kontinent positive Gedanken aus. Christian Hiller von Gaertringen möchte dagegen die wirtschaftliche Seite Afrikas erfassen, die er auf starkem Wachstumskurs sieht, angetrieben von einer konsumorientierten neuen Mittelschicht. Legt die US-amerikanische Wirtschaft im Schnitt 3,5 Prozent jährlich zu, die chinesische 7 bis 14 Prozent, mit Tendenz nach unten, und die europäische etwa ein Prozent, prognostizierte man für Afrika in den kommenden Jahrzehnten 7 bis 8 Prozent jährlich. Das ist allzu optimistisch, denn selbst von Gaertringen muss einräumen, dass das Wachstum der 54 Volkswirtschaften sehr ungleich verteilt ist und bisher im Schnitt nur 3,5 bis 4,5 Prozent betrug.

Von Gaertringen zeigt sich beeindruckt von erstaunlichen, aber auch reichlich verworren klingenden Karrieren einiger afrikanischer Unternehmer- und Investorenpersönlichkeiten, die sich als Pioniere, mit viel Staatsnähe und engen Kontakten zu internationalen Konzernen und Anlagehäusern, durchaus auch mit dubiosen Praktiken hochwirtschafteten. Vor allem bei Konsumprodukten, in der Baubranche (Zement) und in der mobilen Telekommunikation waren sie erfolgreich. Vorbild für eine langfristige Wirtschafts- und Handelsstrategie sind die Chinesen, über die von Gaertringen fast so ausführlich berichtet wie über Afrika selbst. Chinesische Unternehmer und deren Staat agierten auf dem afrikanischen Kontinent nicht nur als Aufkäufer und egoistische Ressourcensicherer (Land Grabbing, langfristige Rohstofflizenzen), sie schafften es auch, sich auf die Bedürfnisse der Bevölkerung einzulassen. Ihren Geschäftspartnern böten sie Beteiligungen statt Almosen und Entwicklungshilfe.

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Deutschlands Wirtschaft sei in Afrika zu zögerlich und berücksichtige nicht, dass der Kontinent mit einer weiter wachsenden Bevölkerung und immer größer werdenden Mittelschicht deutsche Waren, Anlagen und Knowhow, zum Beispiel um die Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur (Wasser, Abwasser, Müll, Energie), dringlich bräuchte. Daran ist bestimmt viel richtig. Aber leider verstellt sich der Autor mit seiner überpositiven und allzu einseitigen Werbung für Investments in Afrika die Chance, als Überwinder von Vorurteilen und glaubwürdiger Zeuge aufzutreten.

Der 1,25-Dollar-Mensch

Er reproduziert das Klischee vom fröhlichen Optimismus und Konsumismus Afrikas, an dem es viel zu verdienen gebe. Einer der Selfmademen ist der Nigerianer Aliko Dangote, mit geschätzten elf Milliarden Privatvermögen der reichste Afrikaner. Dangote kontrolliert weite Teile der Zucker- und Mühlen- sowie der Zementindustrie. Dazu hat er sich ein weit verzweigtes, innerafrikanisches Beteiligungsnetz aufgebaut. Solche unübersichtlichen Mischkonzerne charakterisieren Schwellenländer. Höchst erstaunlich liest sich die Geschichte von M-Pesa, einem kostengünstigen Geldtransaktionssystem über billige, auf Afrika zugeschnittene Smartphones. Weil es kaum ein ausgebautes Bankensystem gibt, wickeln Afrikaner ihre Geschäfte mit dem Smartphone-Account ab und können dafür in zahlreichen kleinen Agenturen und Läden Bargeld einzahlen und abholen. 80 Prozent der Afrikaner haben kein Bankkonto. Selbst in den Wirtschaftsmetropolen verfügen darüber nur 55 Prozent. Der Kenianer Michael Joseph hat die ursprünglich in Cambridge und von IBM entwickelte Technik mit seiner Firma Safaricom in Afrika zu einem Geschäftsstandard gemacht.

Das bevölkerungsreichste Land Afrikas, Nigeria, ein Ölgigant, vereint auch die größten Gegensätze zwischen Arm und Reich. In Lagos, dem Wirtschaftszentrum, leben die Reichen, die erfolgreiche Mittelschicht und die ausländischen Investoren abgeschottet auf Inseln. Die 1,25- beziehungsweise 2-Dollar-pro-Tag-Menschen hausen in ausgedehnten Elendsquartieren auf dem Festland. Je weiter man im Land von der Küste wegkommt, desto ärmer, analphabetischer, kranker und hoffnungsloser geht es zu. Wie wenig Ölreichtum bei der Bevölkerung bisher ankommt, kann der interessierte Leser etwa aus der Neuen Zürcher Zeitung erfahren. Und dass sie die Dauerlast der Umweltverschmutzung und die beständige, nicht zimperliche Polizeikontrolle zum Schutz der Investments erdulden muss.

Afrika ist das neue Asien findet sicher Anklang unter Wirtschaftsoptimisten. Man hätte sich das Buch schmaler gewünscht, ohne die ausufernden Beschreibungen zur chinesischen Wirtschaft, ohne die allzu häufige Abwertung der Entwicklungshilfe und weiterer Non-Profit-Hilfen, ohne die Tendenz, alles, sogar das Versagen, als wirtschaftsförderlich zu beschreiben. Spannend und kenntnisreich geschrieben sind die Porträts der afrikanischen Erfolgsunternehmer und Anleger sowie der Blick auf die Konkurrenz Südafrikas und Nigerias um die wirtschaftliche Führungsrolle. Die Grundthese, wir Europäer und Deutschen sollten uns wirtschaftlich und politisch mehr auf Afrika einlassen, unseren Nachbarn Frankreich ergänzen und nachahmen, ist völlig richtig. Allein, es fehlt die Ausgewogenheit bei der Darstellung des Istzustands. Stattdessen: viel Jägerlatein aus der Welt der Equity-Fonds, Banker und Börsianer.

Afrika ist das neue Asien. Ein Kontinent im Aufschwung Christian Hiller von Gaertringen Hoffmann und Campe 2014, 288 S., 22 €

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