Titanisch

Linksbündig War da was auf dem Trabanten?

Einfach phantastisch! Da fliegt ein technisches Wunderprojektil namens Cassini sieben Jahre lang quer durchs Sonnensystem, findet zielsicher zum Planeten Saturn und ortet in seiner Umflaufbahn den Mond Titan. Diesen im Visier, klinkt eine mit Fotosensoren bewaffnete Sonde aus, schaukelt durch eine unbekannte Atmosphäre und setzt zart im steinigen Gelände des Trabanten auf, um gleich die ersten Bilder zurück zur Erde zu funken: Aufgabe erfüllt, Roger. Wir derweil warten an unserem Heimcomputer auf dieses erste Bild des fernen Gestirns und bekommen eine unwirtliche Steinwüste zu sehen. Na ja, so ähnlich hätten wir es uns vorgestellt. Wie die Bilder sich doch gleichen. Jene des Titan und jene des Mars, auf dem die Steine vielleicht etwas eckiger gearbeitet sind. Ich wette, auf dem Pluto sieht es nicht viel anders aus. Wir können es uns ausmalen.

Dennoch sind wir fasziniert, über die technische Präzision und vor allem über diese Bilder. Sie geben Einblicke in Welten, die ohne sie ungesehen, unbekannt bleiben müssten. Daran ändert auch nichts, dass wir selbst um keinen Preis dort ausgesetzt werden möchten. Kein Haus, kein Baum, kein Rasenplätzchen in Sicht. Ein Ort zum Leben ist der Titan nun wirklich nicht. Auch wenn die Forscher wissend einwenden, dass die Rundformen der Steine auf Erosion durch Wasser schließen lasse und es deshalb Leben geben müsse. Auf der Erde jedenfalls ist es so.

Dem Blick in diese unglaubliche Ferne zum Verwechseln ähnlich sieht die mikroskopische Nahperspektive. Man Rays Staubaufnahme Dust Breeding von 1920 lässt vor unserem Auge gigantische Landschaftsräume entstehen, die sich über eine endlose Fläche hin ausdehnen. Von ihnen wiederum ist es nur ein kleiner Schritt bis zu den instruktiven Satellitenbildern, mit denen Außenminister Colin Powell vor zwei Jahren eindrücklich das irakische Atomwaffenprogramm bewies.

Alle diese Aufnahmen sind Projektionen im eigentlichen Wortsinn: Mit Hilfe technischer Instrumente werfen wir das Auge unserem Körper voraus in entfernte Regionen, um zu sehen, was unsere Sinne sonst nicht wahrnehmen würden. Doch frei mit Wittgenstein lässt sich fragen: Welches Denken ermöglicht mir dieses Sehen? Was sehe ich - und was sehen die Instrumente?

Es lohnt sich hier die kurze Reminiszenz an eine Schlüsselszene in Brechts Leben des Galilei. Um seine Erkenntnisse zu beweisen, bittet Galileo die Abgesandten der Universität, einen Blick durch sein Fernrohr zu tun. Diese aber sind für solchen Augenschein nicht empfänglich. Das Weltbild des Aristoteles "ist ein Gebäude von solcher Ordnung und Schönheit, dass wir wohl zögern sollten, diese Harmonie zu stören", wendet der eine von ihnen ein. Sie vertrauen lieber lesenderweise ihren Augen.

Diese Argumentation ist bedenkenswert. Erstens widerspiegelt sich darin die Skepsis gegenüber Erkenntnissen, die gute alte Wahrheiten umstoßen. Für die beiden (ideologisch imprägnierten) braucht es kein Kopernikanisches System, wo das Ptolemäische doch so schön eingerichtet ist. Seine Harmonie überzeugt mehr als empirische Beweise. Jene anerkennen das herrschende ästhetische Regime. Darauf versteht sich, vielleicht paradoxerweise, die Wissenschaft seit je her bestens: Sie verblüfft nur zu gerne mit ästhetischen Effekten, die unverständliches Datengestöber bildschön aufheben.

Auch der zweite Einwand der Gegner Galileos scheint berechtigt. Der Vorwurf, die Linse sei verschmutzt, und Galileo deute die Staubpartikel als Planeten, muss ja nicht falsch sein. Wer von uns könnte die Hand ins Feuer legen, dass die fotografischen Apparate, die Bilder vom Titan zurücksenden, wahrhaftig abbilden, was auch wir sehen würden, wären wir dort oben? Zeigen Falschfarbenbilder oder lichtmikroskopische Aufnahmen, was wirklich ist, oder zeigen sie bloß, was in unseren Verständnishorizont passt? Vielleicht leben wir längst in einem Cassini-Universum?

Doch über solche Fragen triumphiert unsere Faszination für solche Einblicke ins weit Entrückte ebenso wie ins allzu Nahe. Colin Powells Einflüsterer haben diese menschliche Schwäche präzis genutzt, indem sie uns ein fotografisches Irgendwas vorsetzten, das an diese Faszination appellierte. So wie viele Amerikaner seinen Erklärungen glaubten, so glauben andererseits heute noch ebenso viele, dass die Bilder vom Mond in einem Filmstudio gedreht worden seien.

Der Titan ist weit weg und von phantastischer Schönheit. So wollen wir es sehen. Und so sehen wir es auch. Der Titan ist ein Kunstwerk, ob im Kopernikanischen oder im Cassini-Universum, das wollen wir gar nicht wissen.

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00:00 28.01.2005

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