Tja

Sportplatz Kolumne

Redundanz, endlose, ist das Wesen des Sportfernsehens. Es muss geredet werden, pausenlos. Ein Interview folgt dem anderen, auf dass er nie versiege, der Strom des Immergleichen, und speise für und für die Speicher des Geschwätzes. Irgendwann werden sie bersten, und dann wird plötzlich herrschen eine große, tiefe, klare Stille.

Vorerst jedoch sind noch immer die olympischen Winterspiele in Turin zu bewältigen, und weil nach einer täglichen Live-Sendestrecke von über zwölf Stunden seit ewigen Zeiten schon kein Testbild mehr zur Verfügung steht, schickte die ARD zu später Stunde Waldemar Hartmann und Harald Schmidt unter dem Titel Waldi Harry eine furchtbar quälende weitere Stunde lang als "Olympia-Doppel" in den Ring. Als haltlos, man ahnte es, witziges Duo, das mit denselben Sportlern, die sich bereits den kompletten Tag über den stets gestanzten Fragen haben aussetzen müssen, das durch und durch "Aufgearbeitete" noch einmal und tatsächlich entschieden distanzlos: aufarbeitete.

Er lasse sich die olympische Laune nicht verderben, trotzte der ungebrochen nationalselige Hartmann zur Eröffnung einer miesen deutschen Tagesmedaillenbilanz, und in der Folge staunte man auch nach Jahren der bajuwarischen Fernsehpein neuerlich nicht schlecht, wozu es ein ehemaliger Augsburger Pilskneipenwirt mit schierer Breitmacherei bringen kann - zu einem wahrhaft olympischen Langweiler und blasierten Aufschneider, der endlich, gegen Ende dieser jämmerlichen Premierenaufführung von Einfallslosigkeit und alpinistischem Niedersinn live aus dem Deutschen Haus in Sestriere, zu erkennen gab, dass es nichts anderes als die krachlederne Eitelkeit ist, die ihn auf den Bildschirm treibt. Es sei nämlich erhebend, wenn ihm Menschen auf der Straße zuriefen: "Waldi, wink doch mal!", gestand er der Eiskunstläuferin Katarina Witt unfreiwillig. Tja, was soll man da noch sagen.

Es war die Kati, die das elende Schlamassel, zusammengerührt aus nichtsnutzigen Einspielern, hölzern inszeniertem Geplänkel zwischen den Protagonisten und der blass an Schmidteinander-Zeiten erinnernden Couch-Potatoe-Rubrik Avanti Harry, auf den berühmten Punkt der Erkenntnis brachte. "Das soll doch eine lustige Sendung sein", entfuhr es ihr, aber zu retten war da längst nichts mehr, und Schmidt schnarchte weiter vor sich hin. Offenbar ist er, der kürzlich zum Versöhnlertum konvertierte, entschlossen, seinen Offenbarungseid zu leisten.

Dass selbst unser oberster Humorkritiker, Franz Josef Wagner, der "Waldis Weißbierherz" und Schmidts "Natterzunge" "liebt", via Bild flehte: "Bitte, bitte, hört auf", unterstreicht, welch neuerlichen Tiefpunkt das hiesige Fernsehen erreicht hat. Schmidt, der handwerkliche Fehler einräumte ("katastrophal schlecht vorbereitet") und seinen Auftritt immerhin "peinlich" fand, hätte allerdings Konsequenzen und Leine ziehen können - oder der ARD wenigstens untersagen sollen, den Wahnsinn noch weiter zu treiben und, weil trotz Olympia-Kochecke und anderem Quark der Tag nicht und nochmals nicht vorübergehen wollte, sogar Ausschnitte vom "Warm-up" der "sechzehnten olympischen Disziplin" (Monica Lierhaus) zu zeigen, in denen von Schmidt zu hören war: "Einfach dasitzen und die Ruhe aushalten." Das wird man sich im Hinblick auf die WM, bei der ein ähnliches Format geplant ist, mit vorauseilendem Grauen sehr genau merken müssen.

"Tja", sagte Waldi irgendwann nach einem der ungezählten Gesprächslöcher. Tja. Ja, that´s it: ARD - Alles richtig dämlich.


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00:00 24.02.2006

Ausgabe 38/2020

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