Toastbrot ungetoastet

Kurz Was war das? Ein Stück Toastbrot ungetoastet, ein wenig italienischer Salat, ein Stück Gurke obendrauf - keine Madeleines, aber die Erinnerung war ...

Was war das? Ein Stück Toastbrot ungetoastet, ein wenig italienischer Salat, ein Stück Gurke obendrauf - keine Madeleines, aber die Erinnerung war sofort da: An den Aufenthaltsraum in dem grauen Gebäude am Flugfeld in Schönefeld, wo wir, sobald wir alles angezogen, umgebunden und aufgesetzt hatten, Schnittchen bekamen auf großen Tabletts. Herrliche Toastbrotschnittchen mit Salaten und Aufschnitt, hübsch dekoriert und so viele, dass wir immer wieder und wieder zulangten, bis wir zum großen Auftritt gerufen wurden.

Ich begann zu schlucken. Was hatte mir so geschmeckt? Das Cremige, Exotische der Salate mit Ananas, Huhn und anderen ungewohnten Ingredienzen? Das Üppige? Oder war es das Nachfolgende, was den Schnittchen die Weihe gab? Wir waren zehn oder zwölf und wir waren die Pionierdelegation der 14. Oberschule in Berlin-Grünau, die die Ehre hatte und den Auftrag, die ausländischen Regierungsdelegationen auf dem Rollfeld am Flughafen zu empfangen. Mir, als Oberpionier der Schule (Freundschaftsratsvorsitzende, kurz FRV) kam die besonders ehrenvolle Aufgabe zu, das fremdländische Staatsoberhaupt persönlich mit einem Blumenstrauß zu begrüßen.

Meine Vorgängerin im Amt hatte so das Vergnügen, den alten Breschnew zu küssen - denn das war natürlich inbegriffen in der Begrüßung durch die Jungen Pioniere (eine weibliche Form davon kannten wir nicht), und ich brachte es - oh wohliger Schauer - in meiner kurzen Karriere als FRV dazu, Fidel Castro die kratzige Wange zu küssen. Mehr weiß ich davon nicht mehr! Es kratzte. Aber die Schnittchen! Sie waren mein Erinnerungselixier, wie ich jetzt vor meiner Notverpflegung merkte, denn Toastbrot ungetoastet esse ich eigentlich nie. Welch ein Zufall. Hätte ich mich sonst jemals erinnert an unsere Ausflüge nach Schönefeld? Nein. Angekleidet mit dunklen Schuhen, weißen Kniestrümpfen, Pionierbluse, (an meinem linken Arm waren über dem Emblem mit dem J und dem P drei Balken zum Zeichen meiner höchsten Pionierwürde), banden wir uns gegenseitig oder allein das Halstuch um und steckten zuletzt mit Haarnadeln das Käppi am Kopf fest. Dann aßen wir. Irgendwann kam jemand und holte uns. Wir liefen über die zugige Weite (im Winter hatten wir Pullover unter den Blusen) und stellten uns auf, wo am Boden weiße Marken waren und schon die Militärkappelle stand. Aber was war das? Eigentlich hatte mich die Erinnerung schon verlassen. Der Logik der Ereignisse folgend, weiß ich noch, wie es weiterging. Aber ist das Erinnern? Das Flugzeug kam, wir standen da, in gebührlicher Entfernung von den übrigen Regierungsleuten, Militärs, Bewachern, der hohe Gast betrat die Gangway, die Kapelle spielte und genau hier setzte meine Erinnerung wieder ein: Ich hatte Angst. Zu stolpern, zu stottern, zu versagen. War ich vor oder nach dem Regierungsmann dran? Ich weiß es nicht mehr. Nur das Gefühl weiß ich noch, dank der Schnittchen - Toastbrot ungetoastet, dafür taugte es.

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00:00 29.11.2002

Ausgabe 42/2021

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