Töchter der Revolution

Gegenleben Zwei Lebensgeschichten aus einer packenden Epoche der russischen und europäischen Geschichte

"Das 20. Jahrhundert begann im Herbst 1914 mit dem Krieg, wie das 19. Jahrhundert mit dem Wiener Kongress. Kalenderdaten sind bedeutungslos", schreibt Anna Achmatowa in ihrer Skizze Das zweite Jahrzehnt. Tatsächlich stand nach dem Eintritt Russlands in den Ersten Weltkrieg und dem, was folgte, nicht nur dem alten Russland ein erschütternder Umbruch bevor. Eine wirkliche Zäsur aber setzt erst das Epochenjahr 1917 mit seinen zwei Revolutionen. Das Russische Reich geht unter, und die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken entsteht.

Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wird das russische Reich von sozialen Unruhen erschüttert. Die Verarmung der Landbevölkerung nach der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 hatte zu Revolten in den Dörfern geführt, Studenten- und Arbeiterunruhen machen dem Zarismus zu schaffen. Diese Entwicklung mündet in die vom zaristischen Regime grausam unterdrückte Demonstration am Blutsonntag im Januar des Jahres 1905, mit der die Revolution des Jahres 1905 begann. "Zur Befriedung des öffentlichen Lebens" kündigt Nikolai II. die Einführung der Reichs-Duma an, ein faktisch jedoch rechtloses Parlament. In den Jahren danach unternimmt das zaristische System alles, um seine Macht zu festigen. 1913 feiert die Dynastie der Romanows ihr 300-jähriges Jubiläum. Nur vier Jahre später sollte "Nikolai der Letzte" seiner Macht enthoben werden.

Nach Eintritt in den Ersten Weltkrieg spitzt sich die ohnehin desolate Lage Russlands zu. Am Jahrestag des Blutsonntag, dem 22. Januar 1917, finden in verschiedenen Städten Russlands Antikriegsdemonstrationen statt. Im Februar wird Petrograd von einem von den Bolschewiki ausgerufenen Generalstreik erfasst, die Massen fordern nicht mehr nur Brot, sie wollen den Umsturz. Im März dankt der Zar ab und eine Provisorische Regierung wird eingesetzt. Doch obwohl die neue Regierung schon wenige Tage später von den Vereinigten Staaten und einigen Staaten Westeuropas anerkannt wurde, war ihr nur eine kurze Lebensdauer beschieden.

Schon im Oktober desselben Jahres wird die bürgerliche Demokratie Russlands von den von Lenin geführten Bolschewiki gestürzt und die "Diktatur des Proletariats" installiert. Die Bürgerlichen und Konservativen jedoch geben sich so schnell nicht geschlagen, es kommt zum Bürgerkrieg. Nikolai II. und seine gesamte Familie werden 1918 an ihrem Verbannungsort erschossen. Die junge Sowjetunion hungert und friert, Tausende fallen Bürgerkrieg und Hunger zum Opfer. Nur wenige begreifen schnell, welches Unheil droht. Und sie ergreifen - rechtzeitig - die Flucht. Prag, Warschau, Berlin, Paris werden von russischen Flüchtlingen bevölkert.

Die vermutlich letzte noch lebende Zeugin dieser Epoche starb im Februar letzten Jahres fast hundertjährig in England. In ihren Lebenserinnerungen Tochter der Revolution beschreibt Vera Broido ihre Kindheit und Jugend als Tochter bekannter russischer Revolutionäre. Dieses "außergewöhnliche Buch, eine Mischung aus Autobiographie, Reportage und moderner Geschichte", so der Jewish Chronicle über die englische Originalausgabe, ermöglicht uns heute, jenes Zeitalter der russischen Revolutionen zu besichtigen.


Als Vera Broido am 7. Oktober 1907 geboren wird, haben ihre noch jungen Eltern Mark und Eva Broido bereits ein bewegtes Leben hinter sich. In Svencionys, einem Shtetl im Norden des Russischen Reiches aufgewachsen, waren sie zum Studium in die Hauptstadt St. Petersburg gegangen, wo sie in radikalen Studentenkreisen ihre revolutionäre Karriere begannen. Die Obrigkeit des von politischen Unruhen und Terroranschlägen gebeutelten zaristischen Russland bestrafte ihr Tun hart. Nach ihrer Verhaftung am 29. Januar 1901 und vierzehnmonatiger Untersuchungshaft werden sie zu Verbannung nach Sibirien verurteilt. Beiden gelingt die Flucht, und in London treffen sie sich wieder. Auf ihrer Rückreise nach Russland machen sie in Genf, dem "Hauptquartier der russischen Revolutionäre", Station und schließen sich der Sozialdemokratischen Partei Russlands an.

Nach Beginn des Ersten Weltkriegs wird die Mutter als Kriegsgegnerin erneut verhaftet und zur Verbannung verurteilt. Die Familie beschließt, dass Vera sie nach Sibirien begleiten soll. Für das Mädchen ein großes Abenteuer. Sie begleitet ihre Mutter bei den Besuchen zu der berühmtesten aller Verbannten, der "Großmutter der Revolution", Jekaterina Breschko-Breschkowslaja, belauscht die ausgelassenen Abende, zu denen ihre Mutter die Freunde einlädt und erlebt aufregende Markttage, an denen die faszinierenden Nomaden der sibirischen Steppe in die Stadt geritten kommen, und wo man im Winter Milch in flachen gefrorenen Scheiben kauft, von denen man zu Hause Stücke abbricht und schmilzt.

"Revolution! Meine Eltern und all ihre Freunde hatten ihr Leben in den Dienst der Revolution gestellt. Sie waren alle bereit, dafür zu sterben. Ich stellte mir die Revolution als etwas unbeschreiblich Herrliches und Wunderbares vor. Und nun war sie da!"

Anfang 1917 erreicht die Kunde von der Februarrevolution die kleine westsibirische Stadt Minussinsk. Für die politischen Gefangenen gibt es kein Halten mehr. Alle wollen an den Ereignissen teilhaben, und auch Eva Broido macht sich mit ihrer Tochter auf den Weg zurück nach Petrograd. Doch die Euphorie des "Frühlings der Revolution" währt nur kurz.

"Mutter konnte kaum glauben, was vor sich ging: Wer hätte gedacht, dass sich Revolutionäre erneut im Gefängnis wiederfinden würden, inhaftiert durch eine revolutionäre Partei, durch ihre früheren Genossen. Mutter hatte das Gefühl, dass die Revolution, jene strahlende Zukunft, der sie ihr Leben gewidmet hatte, ruiniert wurde."

Die zehnjährige Vera muss sich nach Lebensmitteln anstellen. Jene himmlische Zeit, in der ihre Kinderfrau ihr jeden Tag bei den Spaziergängen eine mit Butter bestrichene, noch warme Scheibe frisch gebackenen Brotes kaufte, scheinen ihr "wie aus einem früheren Leben". Im Winter 1920 - die Familie ist aufgrund des Bürgerkriegs über ganz Russland verstreut, und Mutter und Tochter sind seit langem ohne Nachricht von Veras Vater und Bruder - begibt sich Eva Broido erneut auf die Flucht.

"Wir würden fortgehen, ins Ausland, aber niemand sollte etwas davon wissen. Mutter hatte erstaunliches Glück gehabt, sie hatte einen alten Bekannten getroffen ... Er hatte ihr angeboten, wir könnten in einer kleinen Gruppe mitkommen, mit der er die Grenze nach Polen zu überqueren beabsichtige. Dies sei nicht ungefährlich, warnte er. Und es war natürlich illegal." Auf der abenteuerlichen Flucht in einer Gruppe von politischen Flüchtlingen und Spekulanten schmuggelt die Dreizehnjährige ohne Wissen der Mutter die Familienfotos über die Grenze, ein Vergehen, für das sie, wäre es entdeckt worden, auf der Stelle erschossen worden wäre. Diese unter Lebensgefahr geschmuggelten Photos illustrieren jetzt ihre Autobiographie.

In Wien treffen sie den Vater wieder. Ein halbes Jahr später reisen sie zu dritt nach Berlin, dem Zentrum der russischen Emigration, weiter. "In den frühen 1920er Jahren lebten in Berlin Tausende von russischen Flüchtlingen: Reste der geschlagenen Weißgardisten, ruinierte Bankiers und Industrielle, Mitglieder politischer Parteien, von den Monarchisten bis zu den Sozialisten, Universitätsprofessoren, Schriftsteller, Dichter, Maler, Schauspieler und Musiker. ... Sie bildeten eine Art russischen Mikrokosmos ... das kulturelle Leben der Emigranten blühte."

Nachdem Vera die Abschlussprüfungen der Schule abgelegt hat, geht sie nach Paris. Doch statt, wie die Mutter es wollte, an der Sorbonne zu studieren, geht sie bei einer der "Amazonen der Avantgarde", der berühmten Konstruktivistin Alexandra Exter in die Lehre. Nach einer unglaublich glücklichen Zeit im Atelier der Malerin muss Vera jedoch nach Berlin zurückkehren. Der Vater hatte seine einträgliche Stellung bei einer der sowjetischen Außenhandelsorganisationen verloren, und die Mittel der Familie reichten nicht mehr aus, Veras Paris-Aufenthalt zu finanzieren. Zurück in Berlin arbeitet sie im neu eröffneten Modeatelier der Mutter mit. "Ob Krieg, Revolution oder Inflation, Frauen möchten Kleider tragen", so die Devise.

1927 lernt das Mädchen mit der roten Löwenmähne im von Kunst und Leben überschäumenden Berlin den fast doppelt so alten Raoul Hausmann kennen. Gerade einmal 20, reist Vera naiv und unbekümmert mit ihm und seiner Ehefrau ein paar Tage später auf die friesische Insel Sylt. So gerät sie, was sie zuerst fassungslos macht, in eine Ménage à trois, die sieben Jahre währen wird. Sie, die mit 17 verkündet hatte, sie gedenke nicht wie ihre Eltern ihr ganzes Leben einer politischen Sache zu widmen, versucht nun auch eine, für das Individuum ohne Zweifel ebenso gefährliche, Revolution - die sexuelle. Über ihre seelischen Nöte während jener Zeit, die sie manchmal fast in den Selbstmord trieben, schweigt ihre Autobiographie. "Er glaubte an die freie Liebe, aber die freie Liebe war immer für den Mann, nicht für die Frau", sagt sie später über Hausmann.

Nach einem Sommerurlaub im Jahr 1933 auf der zauberhaft unberührten Insel Ibiza kehren die drei nicht wieder nach Deutschland zurück. 1934 verlässt Vera Broido Ibiza und Raoul und geht mit ihrem Bruder Daniel nach England, wo beide den Rest ihres Lebens verbringen.

Im Jahr 1927 begibt sich Veras Mutter Eva Broido als Kurierin der oppositionellen Menschewiki, denen sie sich nach der unmittelbar auf die Gründung der Sozialdemokratischen Partei Russlands erfolgten Spaltung der Partei angeschlossen hatte, auf den Weg in die Sowjetunion. Im selben Jahr wird mit Leo Trotzki einer der einstigen Weggefährten Lenins und nach dessen Tod Stalins Hauptrivale im Kampf um die Macht, von Stalin als Konterrevolutionär aus der Partei ausgeschlossen. Zwei Jahre später wird er auf die Insel Prinkipo vor der türkischen Küste deportiert. Hier schreibt er seine wichtigsten Bücher, die Autobiographie Mein Leben und die zweibändige Geschichte der Revolution.

Dass Trotzki diese beiden Werke auf jener, fernab des Zeitgeschehens gelegenen türkischen Insel vollenden konnte, ist vor allem das Verdienst seiner Übersetzerin, Literaturagentin, kritischen Mitarbeiterin und - obwohl sie einander nie persönlich begegneten - Freundin Alexandra Ramm-Pfemfert geschuldet. Sie versorgte ihn mit der notwendigen Literatur, unter anderem täglich mit der "damals schon längst zum Organ der Lüge" gewordenen Prawda, vertrat seine Interessen gegenüber den Verlagen und stritt mit ihm um Formulierungen und Ansichten. "Indem ich dieses Buch dem deutschen Leser übergebe, möchte ich feststellen, dass Alexandra Ramm nicht nur die Übersetzerin des russischen Originals gewesen ist, sondern darüber hinaus auch dauernd um das Schicksal des Buches Sorge getragen hat", stellte Trotzki im Postskriptum des Vorwortes zu seiner Autobiographie fest und sprach Alexandra Ramm dafür besonderen Dank aus.

In ihrer Biographie erinnert die Kulturwissenschaftlerin Julijana Ranc an das "Gegenleben" von Alexandra Ramm-Pfemfert, deren Namen man bisher, wenn überhaupt, nur aus Fußnoten kannte. Als Lebensgefährtin von Franz Pfemfert, dem Herausgeber der literarisch-politischen Expressionistenzeitschrift Die Aktion verkehrte sie in der Berliner Bohème des beginnenden 20. Jahrhunderts, führte in der Zwischenkriegszeit die Aktionsbuchhandlung in der heutigen Berliner Kaiserallee und entkam der nationalsozialistischen Verfolgung nur knapp. Nach Pfemferts Tod im mexikanischen Exil kehrte die undogmatische Linke nach Deutschland zurück, wo sie 1963 in West-Berlin starb.


Geboren im Jahr 1883 im zaristischen Russland in einer jüdischen Familie, gehörte Alexandra Ramm zur selben Generation wie Eva Broido, die Mutter von Vera Broido. Und ebenso wie diese hing sie schon früh politisch oppositionellen Ideen an. Beide sahen in einer guten Ausbildung ihre einzige Chance. Wie für viele andere Bewohner der osteuropäischen Shtetl galt für sie die Devise, die auch Ilja Ehrenburg als Erziehungsmaxime seines Vaters verinnerlicht hatte: "Wenn du keine höhere Bildung hast, kannst du nicht in einer der großen Städte wohnen", da nur eine solide Ausbildung der jüdischen Bevölkerung ermöglichte, sich außerhalb der ihnen zugewiesenen Siedlungsgebieten in den großen Städten niederzulassen. Anders als Eva Broido jedoch entscheidet sich Alexandra Ramm für ein Studium in Berlin, wo diese "energische russische Frau, die aus ihrer politischen Gesinnung keinen Hehl machte", 1903 Franz Pfemfert kennen lernte und möglicherweise die entscheidende Rolle bei dessen politischer Initiation spielte.

Ob die beiden Frauen sich im Berlin der zwanziger Jahre begegnet sind, ist nicht überliefert. Unmöglich ist es nicht, da die von Alexandra Ramm-Pfemfert geführte Aktionsbuchhandlung auch ein Treffpunkt russischer Emigranten in Berlin war. Und doch ist es unwahrscheinlich, gehörten sie, obwohl beide Sozialistinnen, doch unterschiedlichen politischen Lagern an. Eva Broido war als Anhängerin der Menschewiki auch nach Lenins Oktobercoup Teil der politischen Opposition, Alexandra Ramm-Pfemfert hingegen begrüßte die "Oktoberrevolution" und wandte sich erst ab, nachdem die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Kommunismus offensichtlich geworden waren. Ihre Biographin zeigt dies anschaulich an der Kontroverse um den von ihr übersetzten und gleich nach dem Erscheinen der russischen Ausgabe kontrovers diskutierten Kurzroman Schokolade von Alexander Tarssow-Rodionow (1922, deutsch 1924), der gleichsam eine Vorwegnahme der weiteren politischen Entwicklung war.

Als Übersetzerin und Mitarbeiterin des von Stalin entmachteten Leo Trotzki bezog Alexandra Ramm-Pfemfert spätestens seit 1929 klar gegen die "Apparat-Diktatur" der Sowjetunion Stellung. Nicht einmal ein Jahr nach ihrem ersten Brief an den Verfemten verweigerte die sowjetische Botschaft ihr aufgrund ihrer "konterrevolutionären Tätigkeit" die Einreise ins Land der Räte. Vielleicht war dies ihr Glück. Denn wer weiß, ob sie von dieser Reise je zurückgekommen wäre. Eva Broido jedenfalls, die 1927 in die Sowjetunion aufgebrochen war, kehrte nie wieder zu ihrer Familie zurück. Erst nach dem Ende des sowjetischen Regimes erhielt Vera Broido Gewissheit über das Schicksal der Mutter. Sie war am 14. September 1941 von den Schergen Stalins erschossen worden.

Der Lebensbericht von Vera Broido, an dessen Aufzeichnungen sie sich mit über 90 Jahren machte, und die von Julijana Ranc in mühevoller Kleinarbeit rekonstruierte Biographie von Alexandra Ramm-Pfemfert erzählen in all ihrer Unterschiedlichkeit von einer packenden Epoche der russischen und europäischen Geschichte. Dass der Weg Russlands im 20. Jahrhundert nicht zwangsläufig in diktatorischen Systemen enden musste, wird durch Lebensläufe wie die der Familien Broido und Ramm offensichtlich.

Vera Broido: Tochter der Revolution. Erinnerungen. Aus dem Englischen von Jürgen Schneider. Edition Nautilus, Hamburg 2004, 192 S., 19,90 EUR

Julijana Ranc: Alexandra Ramm-Pfemfert. Ein Gegenleben. Edition Nautilus, 2004,
567 S., 44 EUR


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00:00 14.04.2006

Ausgabe 38/2020

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