Tod eines Managers

China In einem chinesischen Stahlunternehmen haben Krisenangst und Verzweiflung zum Lynchmord an einem privaten Investor geführt. Freitag-Korrespondentin Kristin Kupfer berichtet

Unerschrocken bis zuletzt soll Chen Guojun gewesen sein. „Auch wenn ich nur noch einen Atemzug in mir behalte, seid ihr morgen alle gefeuert“, schrie der 40-jährige Manager laut Augenzeugen, schreibt das Hongkonger Magazin Yazhou Zhoukan. Da hatte ihn ein Mob wütender Arbeiter bereits in einen Raum der alten Kokerei in der Tonghua Iron and Steel Group in Chinas Nordost-Provinz Jilin getrieben und umzingelt. Hunderte versperrten währenddessen am Werktor der Polizei den Zugang auf das Firmengelände.

Dies alles geschieht am späten Nachmittag der 23. Juli, als Chen Guojun seinen ­Arbeitstag als Manager einer neuen Aktiengesellschaft, wie sie gerade aus der Privatfirma Jianlong und dem Staatsbetrieb Tonghua entstanden ist, fast hinter sich hat. Aufgebracht durch das Gerücht über Mauscheleien und drohende Lohnkürzungen, prügeln ihn die Arbeiter einen Gang entlang, stoßen ihn auf den Boden und werfen Ziegelsteine auf den leblosen Körper. Als Sanitäter gegen 23 Uhr zum Tatort vordringen, kommt jede Hilfe zu spät.

Widersprüchliche Erklärungen

Dieser Aufruhr in einem Großbetrieb, der mit einem Verbrechen endet, erschüttert die Regierung in Peking schwer. Gerade erst hat sie verkündet, die Wirtschaft erhole sich sichtlich von der Rezession. Ausgerechnet in diesem Moment wird ein über die Provinz Jilin hinaus bekannter Manager aus Wut und Verzweiflung gelyncht.

Zunächst scheint die Schuldfrage geklärt: ein ausbeuterisches privates Investment, das sich einen Staatsbetrieb einverleiben wollte, besaß mit dem Manager Chen eine Galionsfigur, die für diese Übernahme mit dem Leben büßen musste. Inzwischen jedoch kursieren neue Erklärungsversuche: Das ins Abseits gedrängte Führungspersonal der staatlichen Tonghua-Gruppe habe die empörten Arbeiter aufgehetzt, will das für seriösen Journalismus bekannte Pekinger Blatt Xinjingbao herausgefunden haben. Auch Phoenix Weekly aus Hongkong stellt die bisherige Aufklärung in Frage. Welche Rolle hat bei alldem die lokale politische Führung gespielt, der es obliegt, die Direktoren staatlicher Betriebe zu ernennen? Gab es Interessen, die dem privaten Investor in die Hände spielten, aber nichts mit den Interessen der Belegschaft zu tun hatten? Im Nordosten Chinas bergen Antworten auf derartige Fragen sozialen Sprengstoff. Schauplatz des Verbrechens war immerhin der Bezirk Erdaojiang, in dem ein Stahlwerk neben dem anderen liegt, und die Tonghua Group nicht nur mehrere tausend Arbeiter auf ihren Gehaltslisten hat, sondern auch Wohnungen, Hospitäler und Schulen bezahlt.

Um Staatsbetriebe dieses Kalibers von den hohen Sozialkosten zu befreien und ineffiziente Leitungskader unter Druck zu setzen, ordnete der damalige Premier Zhu Rongji Ende der neunziger Jahre Reformen an. Aus den Unternehmen wurden Aktiengesellschaften, oft zu Lasten des Stammpersonals. Millionen in ganz China verloren ihre Jobs oder wurden durch Auffanggesellschaften in „Bereitschaft“ gehalten.

In den Nordost-Provinzen Heilongjiang, Liaoning und Jilin – zuweilen als „chinesisches Ruhrgebiet“ beschrieben – führte das schon 2001 und 2002 zu sozialen Unruhen und beschleunigte die Gründung unabhängiger Interessenvertretungen, auch wenn deren Führer oft zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden.

Arbeitsnomaden angeheuert

Ende 2005 schließlich soll auch die Ton­g­hua Iron and Steel Group wettbewerbsfähiger werden, nachdem die Verwaltungskommission für Staatsbetriebe einen Ableger des Pekinger Privatunternehmens Jianlong als neuen Gesellschafter willkommen geheißen hat. Der übernimmt Anteile von knapp 36 Prozent, während besagte Kommission mit 46 Prozent weiter Mehrheitsaktionär bleibt.

Den großen Durchbruch erzielt man mit dieser Konstruktion nicht, eine wachsende Zahl von Arbeitern findet sich – zu einem Bruchteil des bisherigen Einkommens – weiter „in Bereitschaft“ versetzt. Zugleich werden Unstimmigkeiten in den Bilanzen ruchbar, ohne dass die Verwaltungskommission einen Grund zum Eingreifen sieht. Zum Segen des staatlichen Eigentümers richtet sich die Frustration endgültig gegen den Privatinvestor Jianlong, als durchsickert, dass parallel zu zahlreichen Entlassungen Arbeitsnomaden aus dem Süden Chinas angeheuert werden.

Unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise und tiefroter Zahlen verkündet Jianlong im Frühjahr 2009, seine Anteile verkaufen zu wollen. Die Freude unter den Arbeitern ist groß, denn dank des staatlichen Konjunkturpakets erholt sich Tonghua – bis am 22. Juli ein Sonderausschuss der Zentralregierung völlig überraschend dem Antrag des mutmaßlichen Aussteigers Jianlong stattgibt, mit einem Aktienanteil von über 60 Prozent wieder einzusteigen. Erst danach werden das staatliche Management von Tonghua und die Belegschaft unterrichtet. Bemühungen um Gespräche mit dem neuen Chef des Konsortiums, mit Chen Guojun, scheitern – die angestaute Wut entlädt sich in einem Mord.

Die Provinzbehörden fahnden seither mit einer eigenen Untersuchungskommission nach vermeintlichen Drahtziehern. Wer aussagt, dem winkt eine Belohnung. Bis es mehr Klarheit gäbe, heißt es in einer Stellungnahme der Provinzregierung vom 31. Juli, müsse davon ausgegangen werden, dass der Tod des Managers „durch eine die Realitäten nicht erfassende Gruppe verursacht wurde, ermutigt und angestiftet durch einige Arbeitslose“.

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05:00 06.08.2009

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