Tod eines Terroristen

Georgien Für Dima war Abchasien Traum und Wunde zugleich. Als er starb, blieb eine verunsichernde Erinnerung

Er hieß Dima oder nannte sich so. Seine Nase war typisch kaukasisch: lang und gebogen. Abgesehen davon war er einer der schönsten Männer, die ich je getroffen habe. Frauen achten auf Hände. Und er hatte wunderschöne Hände, auch große Augen und einen sensiblen Schwung um den Mund. Für einen Georgier hoch gewachsen, er überragte mich um mehr als einen Kopf. Er sagte bald, nachdem wir uns begegnet waren, er sei ein Terrorist.

Wir trafen uns in einer ungemütlichen Kaschemme in Tiflis, ich reiste durchs Land, wie man in Georgien so reist. Von einer gastfreundlichen Seele an die nächste weiterempfohlen, heute in diesem, morgen in jenem Quartier. Nur in Tiflis blieb ich länger am gleichen Ort, in einem Apartment nahe der Innenstadt. Die eigentliche Bewohnerin hatte mir ihre Räume vermietet und war zur Mutter gezogen. Jeden Abend schlüpfte ich unter ihre Decken, klimperte, wenn ich mich einsam fühlte, ein wenig auf ihrem Klavier und besah das alte Porzellan in ihren Schränken. Es war, als trüge ich einen geliehenen Mantel, der mir nicht passte, der mich aber so wärmte, dass ich ihn gern behalten hätte.

Mir schien die Vorstellung seltsam, ein so schöner Mann könne Gewalt anwenden

Damals hatte ich schon einige Freunde in Tiflis, und einer von ihnen kannte Dima. Als wir ihm schließlich begegneten, hieß es, Dima müsse mir unbedingt von Abchasien erzählen und darüber, wie übel den Georgiern dort mitgespielt wurde.

Zehn Jahre war es gerade her, dass Abchasien sich 1993 von Georgien losgesagt hatte, beide Völker fanden zwar keinen Gefallen daran, gegeneinander in den Krieg zu ziehen, aber sie taten es. Am Ende mussten Millionen fliehen. Die Umstände dieser Flucht, sie blieben dem Westen verborgen. Keine internationalen Beobachter wurden Zeugen dieses Exodus und notierten, wer wem Unrecht tat. Schon bald sorgte der Abchasien-Konflikt im Ausland für keine Schlagzeilen mehr - seit dem Waffenstillstand von 1994, der die Sezession der Abchasen vorläufig besiegelte, kam es kaum noch irgendwo zu größeren Kämpfen, höchstens zu sporadischen Gefechten.

Für die Georgier blieb Abchasien Traum und Wunde zugleich. Alles, was gut und rein war, hatte mit Abchasien zu tun, und alles, was in Georgien später schief ging, lag am Verlust Abchasiens, hieß es. Sie konnten es nicht loslassen. Sie können es nicht wiederhaben.

Damals glaubte ich, Dima sei ein Aufschneider. Nicht, dass er log. Dafür war er zu melancholisch, ernst und traurig. Er sagte, er kämpfe um seine Heimat, er sagte, er sei im Recht. Nur Leute wie ich, die keine Ahnung hätten, würden diesen Kampf "Terrorismus" nennen.

"Du hast dich Terrorist genannt", fuhr ich ihn an.

"Ich habe es gesagt, um dir, der Frau aus dem Westen, entgegen zu kommen", gab er zurück.

Dima erzählte vom Kindheitshaus, den Obstbäumen im Garten, der Freiheit eines Lebens am Meer. Von einem Pferd und vielen Hühnern, einer Ziege, alle kamen unter im Garten des Stadthauses. Eine kaukasische Villa Kunterbunt. So beschrieb er es. Und dann meinte er, es sei eine Frage der Ehre, sich wiederzuholen, was einem gehöre. "Ach so, mit neuer Gewalt?" - fragte ich, und es sollte zynisch klingen.

"Auge um Auge", bekam ich zu hören.

Er kämpfe vom Kodori-Tal aus, dem letzten verbliebenen georgischen Teil Abchasiens. Ich hatte von jenem Tal gehört, das eher eine Schlucht war, zerklüftet und unzugänglich, beherrscht von einer Handvoll Hasardeure ohne Gewissen und Moral - genannt die Monadire -, die nach Abchasien einfielen und Menschen einfach abknallten, wenn sie ihnen in die Quere kamen.

Mir schien die Vorstellung seltsam, ein so schöner Mann wie Dima könne Gewalt anwenden, und ich sagte, er töte doch gewiss keine Menschen. Er lächelte. Spöttisch und traurig. Das sei kein Thema für Frauen.

Ich sah das anders, hätte gern mehr erfahren und Widerspruch gegen seine Sätze eingelegt, aber er wollte darüber nicht reden. Lieber über klassische Musik. Er spiele Klavier, sagte er, und bekundete seine Bewunderung für Bach und Haydn. Ich war wütend über die Vereinnahmung "meiner" Kultur durch einen, der zugibt, ein Mörder zu sein. Mir lag auf der Zunge, ihm zu sagen, ich glaube dir kein Wort, wer Bach und Haydn liebt, kann nicht töten, aber dann dachte ich an die Nazis und ihre Mitläufer, und ich schwieg.

Später stießen wir nach georgischer Art auf die Heimat an, auf die Frauen, auf die Liebe, die Trauer und so weiter, wir alle tranken zuviel. Dima bezahlte für diesen Abend und auch für den nächsten am Tag darauf, zu dem er mich und meine georgischen Freunde wieder einlud, in ein teures Restaurant. Nie spendierte Dima mit generöser Geste, stets still und bescheiden. Es waren Abende, zu denen ich mit einem Gefühl des kitzelnden Schreckens im Bauch ging. Dabei kann ich nicht einmal behaupten, es sei die Faszination des Bösen gewesen, die mich ergriff, denn nichts an Dima war böse oder hinterhältig. Wenn er redete, dann leise, gesetzt, zurückhaltend. Er ließ bei seinen Sätzen seine langen Klavierhände zu eleganten Kurven ausholen. Er kannte die georgischen Dichter und auch manchen deutschen. Ich gestand ihm Gottfried Benn zu, das passte zu seiner weltschmerzlichen Aura und dem ideologischen Irrsinn, aber Heine konnte ich ihm nicht erlauben. Der sei für das Menschenrecht und außerdem ein Demokrat gewesen, beteuerte ich. Den könne er nicht im Munde tragen.

"Propaganda", flüsterte ich, und sah Wut über sein Gesicht fliegen

Einmal zeigte mir Dima etliche Fotos. Er und die anderen Männer, die sich Partisanen nannten, drüben im Kodori-Tal. Sie trugen Uniformen, die aussahen wie aus der Theaterrequisite, und sie waren mit russischen Automatikwaffen behängt. Man habe auch Panzerabwehrraketen, erklärte Dima leidenschaftslos. Woher? wollte ich wissen. Von Freunden.

Weil er merkte, dass ich ihm den Terroristen dennoch nicht glauben wollte und seine Ansichten über Rache und Ehre absurd fand, zeigte er mir Fotos von Leichen. Erst die von georgischen Toten. Mit ausgestochenen Augen, aufgeschlitzten Bäuchen, durchgeschnittener Kehle. Manche schon aufgedunsen, mit Maden übersät, die Gedärme hingen heraus, das Gehirn floss aus skalpierten Köpfen. Andere noch frisch in ihrem Blut liegend. Männer und Frauen, die Frauen mit nach oben geschobenen Röcken. "Propaganda", flüsterte ich, und sah Wut über sein Gesicht fliegen und wieder verschwinden.

"Von den Abchasen getötet!"

Dann zeigte er mir, wie ein Abchase aussieht, den die georgische Rache ereilt hat - die Rache von Dima und den anderen Männern aus dem Kodori-Tal. Er erwarte jetzt hoffentlich weder Mitleid noch Bewunderung, sagte ich ihm, und er schüttelte den Kopf. Er wolle nur, dass ich ihm glaube.

Einmal nahm er mich mit zu "seinen Freunden". Es waren aufgeblasene Angeber, die in Tarnanzügen herumliefen und damit prahlten, welche Waffen sie besäßen. Ständig fuhren sie sich mit der Hand an die Kehle, wenn sie mitteilen wollten, was sie mit diesem oder jenem zu tun gedächten, wenn der ihnen unter die Finger käme. Mir schienen sie wie unberechenbare Kinder, die nicht recht wissen, was sie tun.

Als der Tag meiner Abreise kam, die Tür von Marinas Wohnung ein letztes Mal hinter mir ins Schloss fiel und ich mir ein Taxi zum Flughafen nehmen wollte, stand Dima mit seinem Auto im Hof. Ich war zu müde, um zu protestieren. Am Flughafen wimmelte es von Polizei und Sicherheitskräften. Innerlich betete ich, man möge Dima nicht suchen.

Bis zum Abflug hatten wir noch Zeit, die wir für einen frühmorgendlichen Kaffee im trostlosen Bistro der Abflughalle nutzten. Dima schwieg und um das Schweigen zu unterbrechen, fragte ich ihn, ob er schon einmal mit dem Flugzeug verreist sei. Das könne er nicht, das sei für einen wie ihn nicht möglich, antwortet er.

Ich war seither noch viele Male in Tiflis, Dima sah ich nicht wieder. Wenn ich nach ihm fragte, überschlugen sich die Geschichten, und es war unmöglich, zwischen Gerücht und Wahrheit zu unterscheiden. Dima sei einfach nur ein Geschäftsmann, der mit seinem Geld den Kampf gegen Abchasien unterstütze, sagten die einen. Dima sei der Kopf einer privaten Gang, deren Mitglieder in Abchasien munter Kehlen durchschnitten, die anderen. Oder man hörte: Dima sei nach Kabardino-Balkarien geflohen. Er zöge von dort aus die Fäden der georgischen Résistance. - Résistance? fragte ich. Gegen wen?

Gegen die Russen natürlich!

Dann las ich, die georgische Regierung habe sich mit den Kämpfern aus dem Kodori-Tal überworfen. Jahrelang waren die versprengten Haufen aus Tiflis finanziert worden, nun aber hatte sich der Anführer entschlossen, nach Abchasien überzulaufen, und der georgische Präsident Saakaschwili wollte, dass die Desperados für immer verschwinden. Da fiel mir Dima wieder ein.

Einige Zeit später sah ich einen von seinen Freunden, die sich damals immer mit der Hand an die Kehle gefahren waren. Dieser arbeitete inzwischen in Hamburg. Wir redeten über gemeinsame Bekannte. Und Dima? fragte ich schließlich. Ach, das wüsste ich wohl noch nicht, gab er sich erstaunt. Dima sei tot. Im Frühsommer in Dagestan bei einer Schießerei umgekommen, in der Nähe der Hauptstadt Machatschkala.

"Dann war er doch ein Terrorist?"

Ein Schulterzucken.

Nein, ich empfand kein Gefühl der Trauer. Ich spürte nur erneut jene Unsicherheit wie bei der ersten Begegnung mit Dima in Tiflis. Als ich begriff, das Abgründige und Unzugängliche seiner Person würde sich mir entziehen - ich sollte gar nicht erst versuchen, es ergründen zu wollen.

Im August ist von Andrea Jeska der Afghanistan-Roman Vom Bild der Welt im Brendow-Verlag erschienen.

00:00 29.09.2006

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